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Einmal »Razzz« – immer »Razzz«

Bühne | Interview | Beatbox-Musical: Razzz For Kids

Wenn vier Darsteller mit übergroßen Schaumstoffperücken und nur mit ihren Mikros bewaffnet auf einer minimalistischen Bühne Groß und Klein zum Lachen bringen, kann das nur eins bedeuten: die »Razzzones« sind »in da House«! Hier gibt es keine Instrumente und keine technischen Soundeffekte. Alles, was die Darsteller Kays, Phil, Rapha und Johannes für das Gute-Laune-Stück brauchen ist: ihr Mund.
ANNA NOAH hat sich vom Berliner Großstadtmärchen für die ganz Kleinen mitreißen lassen.

Comic ’n’ Sound

RazzzforKids›Razzz For Kids‹ ist eine einzigartige interaktive Beatbox-Kindershow. Alle Sounds und Songs sind nur mit dem Mund gemacht. Die »Razzzones« verwandeln sich mit Schaumstoff-Accessoires in die Comicfiguren Mac, Greg, Zak und Ben Bag. Als Schüler nutzen sie die typische Berliner Alltagssprache, nehmen etliche Klischees augenzwinkernd auf die Schippe. Im Repertoire haben sie Rock, Jazz, Hip Hop, Oriental und Elektropunk.

»The Razzzones« sind vier Beatboxer, die faszinierende Töne aus ihren Stimmen zaubern. Nur mit dem Mund erzeugen sie alle Geräusche sowie ganze Klangwelten. Dabei haben sie eine stimmliche Variationsfülle, die man erst mal beherrschen muss.
Sie verstehen es, verschiedenste Musikrichtungen miteinander zu verbinden und in ihren Kosmos aus Geräuschen, Songs und Beats einzufügen.

Es gibt zudem einige Nebenrollen, zum Beispiel die Lehrerin, ein Elternteil (Pa von Zak), den Dönermann und sogar einen ›Vulkan-König des Stoptanzes‹. Diese Rollen werden unter den vier Beatboxern getauscht, aber trotzdem sind alle immer stets voll im jeweiligen Charakter drin – einschließlich veränderter Stimme und Gestik bei den Frauencharakteren.

Ihre positive Ausstrahlung, Spielfreude und professionelle Beherrschung des Beatboxens reißt Eltern, Großeltern und Kinder gleichermaßen mit. Und das trotz der Tatsache, dass auch bei Kindern nicht so beliebte Themen wie Verschlafen, Elternabende oder Ordnung machen – statt Gamen – angesprochen werden.
›Razzz For Kids‹ ist eine extrem innovative Show, bei der es allen Anwesenden richtig viel Spaß macht zuzuschauen und mitzumachen.

»I like to move it, move it«

Regisseur Karl-Heinz Haase im Interview

Das Musical ist in der Form für Erwachsene und Kinder gleichermaßen einzigartig, woher kam für Sie die Inspiration, so etwas auf die Beine zu stellen?
Die Abendshow war ursprünglich für die Zielgruppe der 15 bis 35-jährigen gedacht. Ein Tag im Leben eines jungen, ein wenig orientierungslosen Mannes. Davon gibt’s ja einige. Wir wollten die Story auch dazu nutzen, einem Publikum, dem Musik und Geräusche ohne Instrumente eher verdächtig vorkommen, die vielfältigen Möglichkeiten des Beatboxens spielerisch zu demonstrieren. Wir haben ja damit angefangen, bevor Beatbox gesellschaftsfähig wurde und in vielen Shows ein Beatboxer aufgetaucht ist.
Ich hatte viele Jahre jugendkulturelle Arbeit gemacht und auch verschiedene Hip Hop -Musicals mit Jugendlichen entwickelt und inszeniert, die sowohl bei den Mitmachenden als auch bei den Zuschauern auf große positive Resonanz trafen. Nicht, dass sich alle Jugendlichen unbedingt mit Hip Hop identifizierten oder der Szene zugehörig fühlten, aber die kreativen Ausdrucksmöglichkeiten sind cool und manchmal auch spektakulär und das Credo der Szene, sich selbst auszuprobieren und seine Fähigkeiten zu schulen und zu erweitern, kam doch bei sehr vielen an. Beatbox war bis vor nicht allzu langer Zeit eher das Mauerblümchen unter den fünf Elementen des Hip Hop: Rap, DJing, Breakdance, Graffiti und BB. Ich hatte bis dahin viel mit Breakdancern, Rappern, DJs und Graffitikünstlern gearbeitet und fand es sehr reizvoll und eine große Herausforderung, ein ganzes Musical mit Beatboxern zu machen.

Waren es von Anfang an mit Ihnen fünf Personen oder gab es Castings? Wie haben sich die Darsteller zusammengefunden?
Am Anfang gab’s eine Art Casting. Die Beatboxszene in Berlin war zu der Zeit sehr überschaubar und eigentlich waren fast alle Battle Beatboxer. Theater oder Musicals waren damit eigentlich nicht kompatibel. Von denen die kamen, um zu sehen, was es mit der Idee eines Beatboxmusicals auf sich hat, wollten sich vier auf das Experiment einlassen. Es war ein langer, spannender und ungemein kreativer Prozess bis zur Premiere.

Wie alt sind die Darsteller?
29, 30, 31 und 34

Razz Portraits

Gibt es Anfragen von Menschen, die auch bei Ihrem Musical einsteigen wollen?
Es gibt ab und zu mal jemanden, der daran interessiert ist und wir haben auch schon an eine Zweitbesetzung gedacht. Es ist allerdings nicht ganz so einfach, wie es sich anhört. Die Darsteller sind permanent vor und hinter der Bühne in Aktion und müssen gute Beatboxmusiker sein, um die 70 Minuten der Kindershow bzw. die 120 Minuten der Abendshow zu bestreiten.

Ist die Show immer ausverkauft? Oder war das nur bei ›Razzz For Kids‹?
Die Nachmittag- und Abendshows am Wochenende in der Ufa-Fabrik waren alle ausverkauft. Das ist in Berlin häufig der Fall. Leider sieht es in anderen Städten oft anders aus. Das Publikum ist zwar überall gleichermaßen begeistert, doch sind wir außerhalb Berlins (noch) nicht sehr bekannt.

Razz Sketch 1

Wer hat die fetzigen Kostüme und Schaumstoffutensilien entworfen?
Wir haben die Idee der Rollencharakterisierung mit Schaumstoffperücken gemeinsam entwickelt. Unser Perückenmacher, der Mann mit dem goldenen Händchen, ist Rapha (Anmerkung der Redaktion: Raphael Schall, spielt Mac).

Gibt es das »Mitmach«-Konzept auch bei der Abendshow?
Nicht in dem Maße wie bei ›Razzz For Kids‹. Die Abendshow ist eher wie ein klassisches Musical aufgebaut: Szenen, Songs, Choreographien und viel Musik. Andererseits ist ›Razzz das Beatboxmusical‹ mit den klassischen Musicals nicht zu vergleichen und genauso ungewöhnlich und einzigartig wie die Kindershow.

Das Musical beinhaltet viele Berliner Eigenheiten – wird das bei Auftritten z.B. in Wolfsburg an die Stadt angepasst oder bleibt das gleich? Wie nimmt das Publikum in Wolfsburg den Berliner Alltag auf?
Wir hatten zu Anfang überlegt, ob wir verschiedene Sequenzen und Begriffe den jeweiligen Spielorten anpassen, sind aber davon abgekommen – auch, weil wir dann auch in anderen Dialekten sprechen müssten. Und das wollten wir dem Publikum dann doch nicht antun…
»Razzz« ist eine Großstadtgeschichte und wir glauben, dass sich sehr viele (junge) Leute in die Charaktere hinein versetzen können. Die Show ist ein theatralischer Comic, es gibt in den Szenen sicher einigen Tiefgang, aber die Handlung ist nicht allzu schwer zu verstehen. Und damit ein paar spezielle Begriffe verstanden werden können, haben wir unser Razzz Glossar.

Wer komponiert die Songs?
Das ist eine Gemeinschaftsarbeit. Phil (Anmerkung der Redaktion: Philippe Zeidler, spielt Zak) schreibt die meisten Songtexte, aber musikalisch trägt jeder dazu bei.

Warum hat man für die Zugabe bei ›Razz for Kids‹ den Madagaskar-90er-Trashhit ›I like to move it, move it‹ gewählt und nicht einen deutschen Hit, z. B. aus dem Dschungelbuch?
Wir haben den Song schon vorher in verschiedenen Versionen performt. Es ist ja einer der auch außerhalb der Szene bekanntesten Hits, die die Hip Hop Kultur hervorgebracht hat. Dass er auch eine der Hymnen des ›Madagaskar‹-Films ist und alle Kinder ihn kennen, hat dann eins zum andern geführt.

»Razzz ist lässig.«

Schnell sein lohnt sich, denn die Shows sind ruck zuck ausverkauft. Eine 67-jährige Oma aus dem Publikum hat es nach ›Razzz For Kids‹ wie folgt formuliert: »Die Jungs auf der Bühne sind cool, große Klasse! Man konnte gar nicht anders, als mitzubeatboxen und für den Moment wieder ein Kind zu sein.«
Und was sagen die Kids?
»Mir hat der Dönermann am besten gefallen, der war lustig.«
»Ich fand es gut, dass wir so viel mitmachen konnten, besonders bei den Spieleleveln.«
»Lässige Show. Pizzakatze, Pizzakatze, Pizzakatze.« Damit ging der 11-Jährige beatboxend von dannen.
Tja, wenn Sie wissen wollen, wovon die Kinder genau reden, trauen Sie sich und gehen Sie in die Vorstellung! Egal wie alt Sie sind und ob Sie ›Razzz‹ oder ›Razzz For Kids‹ wählen, Sie werden einen mega-guten Abend haben! Und am Ende wird eine Begeisterung bleiben, die über viele Tage anhält.

| TEXT UND BÜHNENFOTO: ANNA NOAH

Titelangaben
Razzz und Razzz For Kids (Kaoskult Agency)

nach einer Idee von: Karl-Heinz Haase
Darsteller:
Mac: Raphael Schall
Greg: Johannes Welz
Zak: Philippe Zeidler
Ben Bag: Kays Elbeyli
Sound und Licht: Karl-Heinz Haase

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