//

Zwischen Sein und Nicht-Sein, Wunsch und Wirklichkeit

Bühne | E.T.A. Hoffmann: ›Der goldne Topf‹

Die Frage nach den Möglichkeiten, sich selbst zu entfalten, den Anforderungen der Gesellschaft und auch sich selbst gerecht zu werden, stellt sich dem Menschen nicht nur im noch recht jungen Jahr 2020. Bereits in der Romantik schuf E.T.A. Hoffmann (24. Januar 1776-25. Juni 1822) das Werk ›Der goldne Topf‹. Dieses trägt nicht umsonst den Untertitel ›Ein Märchen aus der neuen Zeit‹, spielen doch sowohl die Motive der Romantik wie die »Blaue Blume« als auch die Abwechslung von Mystik und Realität eine Rolle. Von JENNIFER WARZECHA

Die Darstellung der Wirklichkeit und die einer anderen Welt, einer höheren Wirklichkeit, wechseln sich ab. Auch in der Pforzheimer Theaterfassung von Jan Müller, unter der Dramaturgie von Swantje Willems, kommt es dadurch zu einer Zweiteilung der Wirklichkeit. Der Student Anselmus (empathisch, realistisch und einfach überzeugend: Nicolas Martin) stolpert über einen Apfelkorb eines alten Weibes in ein Vexierbild aus Phantasmagorien und Wunschträumen hinein. Diese entfremden ihn der Realität und an denen droht er zu zerbrechen.

Der goldne Topf 650

Weil die Frage nach der eigenen Ich- oder Selbst-Werdung des Einzelnen zugleich einen hohen Erwartungsdruck an das Individuum darstellt, ist jeder und jede laufend und schon als Schülerin oder Schüler gefordert, stets sein Bestes und noch mehr zu geben. Gerade deshalb ist die rund eineinhalbstündige Aufführung im bei der Premiere vollbesetzten Podium des Stadttheaters Pforzheim ein Projekt des Teams ›Junges Theater Pforzheim‹, unter der Leitung von Swantje Willems und Anja Noël.

Eine Materialmappe rund um das Stück gibt Lehrerinnen und Lehrern, Pädagoginnen und Pädagogen zusätzlich Tipps, wie das Abiturthema an Gymnasien in Baden-Württemberg mit den Schülerinnen und Schülern, gerade auch in Hinblick auf die eigene Berufswahl und die Fragen, die sich daraus ergeben, durchgenommen werden können. Während also der etwas tollpatschig erscheinende Student Anselmus in den Korb des alten Äpfelweibes (ausdrucksstark: Nika Wanderer) fällt, verwünscht diese ihn mit den Worten: »Ins Kristall bald dein Fall, ins Kristall.«

Hin- und hergerissen zwischen zwei Frauen

Verwirrt verlässt er den Markt, sucht sich ein schattiges Plätzchen, um sich auszuruhen und begegnet zunächst der geheimnisvollen Serpentina (auch hier ausdrucksstark in Mimik und Gestik: Nika Wanderer), die als kleine grüngoldene Schlange daherkommt. Der Blick in ihre ihm wunderschön erscheinenden tiefblauen Augen gewährt ihm einen Anblick in ihr Inneres und Zugang zu der fantastischen Welt, von der sie selbst auch ein Teil ist. Nach kurzer Zeit später lernt er Konrektor Paulmann (ebenfalls überzeugend und ausdrucksstark: Daniel Kozian) und seine Tochter Veronika (empathisch und ausdrucksstark: Myriam Rossbach) kennen. Auch zu ihr fühlt er sich hingezogen, wobei er eine stärkere Liebe zu ihr als zu Serpentina empfindet. Wie manchmal auch im richtigen Leben.

Der goldneTopf 650 - 2

Veronika unterdes fürchtet, Anselmus an Serpentina, die ihn stellenweise in schwarzer, glitzernder Robe umgarnt, während er selbst im weißen Rock, weißem Oberhemd mit schwarzen Flecken sowie einem schwarzen Haarreif mit Ohren, daherkommt, zu verlieren. Wie Liebesgeschichte und der Kampf ums eigene Überleben am Ende ausgehen, darf die jeweilige Zuschauerin und der jeweilige Zuschauer beim Besuch des Stückes selbst erfahren. Am Ende wird Anselmus jedenfalls aus der Kristallflasche befreit und verschwindet aus der realen Welt in das sagenhafte Atlantis, in welchem er zusammen mit einer der beiden Frauen fortan leben wird.

Eindrucksvoll modern umgesetzt, wird der Klassiker von E.T.A. Hoffmann sicherlich zu einer wertvollen Erfahrung gerade für die Mitglieder der einzelnen Schulklassen. Trotz der, neben der wie fast immer in Pforzheim wunderbaren schauspielerischen Leistung, tollen Kostüme und des tollen Bühnenbildes (Inszenierung und Ausstattung: Jan Müller) werden die oben erwähnten Motive der Romantik und Mystik stellenweise nur angedeutet, was schade ist. Dennoch eine gelungene Vorstellung, die vom Publikum mit begeistertem Applaus belohnt wurde.

| JENNIFER WARZECHA
| FOTOS: SABINE HAYMANN

Titelangaben
E.T.A. Hoffmann: ›Der goldne Topf‹
Stadttheater Pforzheim
Besetzung:Nicolas Martin, Myriam Rossbach, Nika Wanderer, Daniel Kozian, Alexander Doderer
Inszenierung und Ausstattung: Jan Müller
Dramaturgie : Peter Oppermann/ Swantje Willems
Weitere Termine:
Freitag, 06.03.2020, 20:00, Samstag, 07.03.2020, 20:00
Samstag, 14.03.2020, 20:00, Sonntag, 15.03.2020, 20:00
Dienstag, 17.03.2020, 11:00, Samstag, 21.03.2020, 20:00
Sonntag, 22.03.2020, 20:00, Dienstag, 24.03.2020, 11:00
Donnerstag, 26.03.2020, 11:00, Freitag, 27.03.2020, 20:00
Freitag, 03.04.2020, 20:00, Samstag, 04.04.2020, 20:00
Samstag, 11.04.2020, 20:00, Sonntag, 19.04.2020, 20:00

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

It’s Showtime!

Nächster Artikel

Für immer geschlossen

Weitere Artikel der Kategorie »Bühne«

Fühle Blau

Bühne | Show: Blue Man Group Bühne frei für die Farben des Lebens! Die ›Blue Man Group‹ schafft es die gesamte Show über, von Schubladen fernzubleiben. Manchmal albern, doch öfter auch durchaus bemerkenswert und immer mit Einbeziehung des gesamten Publikums wird der Zuschauer auf eine Reise in die Welt der Sinne entführt. ANNA NOAH will herausfinden, wie aus den drei ersten »Blue Man« der 1980er Jahre ein weltweites Phänomen wurde.

Please no unnecessary drama, baby!

Bühne | Im Porträt: Die Hamburger Regisseurin Denise Stellmann

Die Hamburger Jung-Regisseurin Denise Stellmann ist klein und süß – auf den ersten Blick. Denn sie spricht aus, was viele nicht einmal zu denken wagen. Ein Porträt über ein junges, (bühnen)reifes Leben voller Emotionen jenseits bekannter Künstlerklischees und -attitüden. Denn die Bühnenkunst soll in ihrer Vorstellung vor allem eins: Bewegen. Von MONA KAMPE

Sprache und Auftreten als Mittel des Aufstiegs

Bühne | ›My Fair Lady‹ im Badischen Staatstheater Karlsruhe Ein Mädchen aus der Gosse steigt auf zur selbstbewussten und emanzipierten Dame der gehobenen Gesellschaft. Treibende Kraft ist vor allem die richtige Artikulation und Wortwahl der Sprache. So könnte man kurz zum einen die Situation der Geschichte Englands im 19. und frühen 20. Jahrhundert beschreiben, dem Viktorianischen Zeitalter. Zum anderen ist es die Ausgangssituation des Broadway-Klassikers und Erfolgs ›My Fair Lady‹ von Alan Jay Lerner (Textbuch) und Frederick Loewe (Musik), uraufgeführt am 15. März 1956 im New Yorker Mark Hellinger Theatre. Von JENNIFER WARZECHA

Dem »Liebchen« auf der Spur

Bühne | ›Die Entführung aus dem Serail‹ – Theater Pforzheim Mit schmerzverzerrtem Gesicht steht Protagonistin Konstanze (Franziska Tiedtke) am Bühnenrand. Die Protagonistin mit den schönen blonden Locken singt eine herzzerreißende Arie über ihr Liebesleid. Immer wieder fasst sie sich dabei demonstrativ mit der Hand an die Brust. Hohe und tiefe Töne wechseln sich ab. Die Sehnsucht nach ihrem Geliebten Belmonte (Markus Francke) treibt Konstanze umher. Ihr gegenüber steht Bassa Selim (Sehr attraktiv und hoheitsvoll im schwarzen Jackett auf nackter Brust: Dario Krosely), der ihre Freunde und sie in Gefangenschaft nehmen ließ. Seine Liebe zu Konstanze ist aussichtslos, die der Protagonistin

Die Oper des 20. Jahrhunderts schlechthin

Film | DVD: Alban Berg – Lulu Nur zwei Jahrzehnte liegen zwischen der Entstehung des Rosenkavaliers und der Fragment gebliebenen Lulu. Was aber bei der Oper von Richard Strauss irritiert (und manche Fans gerade begeistert), dass Hugo von Hofmannsthal ein völlig anachronistisches Libretto beigesteuert hat, trifft auf Alban Bergs zweite Oper nicht zu: Hier haben mit Wedekinds Stück, das er aus seinem Erdgeist und der Büchse der Pandora kombiniert hat, und der Komposition des Schönberg-Schülers zwei Kunstformen zusammengefunden, die auf der Höhe der Zeit standen und bis heute den Anspruch der Modernität bewahrt haben. Von THOMAS ROTHSCHILD