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Rocky aus der Röhre!

Theater | Richard O’Brien’s THE ROCKY HORROR SHOW – Deutsches Theater Göttingen

Neben den ganzen erwartungsvollen und schon beim Ersten Klingeln vor Begeisterung zitternden Menschen in der Lobby, musste ich beinahe kühl oder reserviert wirken. Vielleicht lag es daran, dass ich zwar gerne ins Theater ging, aber noch nie The Rocky Horror Show gesehen hatte. Es war mein erstes Mal. So wie bei den meisten ersten Mals konnte man unmöglich wissen, was passieren würde. Und am Ende kam dann sowieso alles anders. Von SVEN GERNAND

Zu sehen sind Anja Schreiber, Sarah Schermuly, Christian Albert, Nadine Nollau, Andreas Schneider, Laura Scheider; vorne: Karl Miller; oben: Clara Blomeyer, Florian Heinke (Foto von Isabel Winarsch)
Zu sehen sind Anja Schreiber, Sarah Schermuly, Christian Albert, Nadine Nollau, Andreas Schneider, Laura Scheider; vorne: Karl Miller; oben: Clara Blomeyer, Florian Heinke (Foto von Isabel Winarsch)

Das Stück startet erstmal gut verdaulich mit einer auf die Bühne projizierten Trickfilm-Szene, in der ein lustiges, kleines Raumschiff vom Planeten »Transsexual« zur Erde reist. Die Machart erinnert unvermittelt an die Augsburger Puppenkiste, die den Zuschauer mit einem Gefühl von puristischer Einfachheit fesselt.

Dennoch schweifte mein Blick an diesem Punkt etwas unstet umher und fand im Publikum verstreut wild geschminkte und sogar kostümierte Menschen, die eher einen Hauch von puristischem Wahnsinn verbreiteten. Meine Spannung stieg. Und tatsächlich. Bereits in der ersten Szene ─ eine völlig unspektakuläre Hochzeit auf der Bühne ─ löste sich dieser Wahnsinn und rüttelte mich aus meinem theatralischen Tunnelblick. Wie auf Kommando schleuderten und warfen die Zuschauer ganze Wolken aus Reis und Konfetti durch den Saal und über die davon sichtlich unbeeindruckten Schauspieler. Mein Mund klappte japsend zu. Wäre das Theater nun von uniformierten Steampunkern geräumt worden, das Publikum hätte sich nicht wundern dürfen.

Dort harrend und auf die reservierte Ruhe wartend, die ich in Theatern anzutreffen gewöhnt war, begann nun auf der Bühne die Reise von Janet und Brad, die ich durch das Konfetti hindurch so langsam als Hauptdarsteller der Inszenierung hatte eingrenzen können. Untermalt wurde das Ganze ziemlich wirkmächtig von einer Auto-Beatbox, bei der sich ein Mann in Damenkleidern hinter das autodarstellende Sofa verbarg und von dort die Fahrgeräusche eines gealterten Chevi-Smallblocks oral glucksend nachahmte.

Es kam, wozu es kommen musste. Janet und Brad gerieten in einen furchtbaren Sturm, hatten eine Panne, kämpften sich nachts durch strömenden Regen bis zu einem gruseligen Schloss. Überraschen sollte mich in diesem Augenblick etwas anderes, denn die bereits auffällig gewordenen Hardcorefans im Publikum, taten es nämlich Janet gleich und schützten ihr Haupt mit einer Zeitung vor dem herab prasselnden Regen. Welchem Regen? Für einen kurzen Moment schielte ich besorgt nach oben, dem wahnwitzigen Gedanken verfallen, dass demnächst Kunstwasser von der Decke auf die Zuschauerränge tröpfeln würde.

Das Theater war an diesem Abend übrigens brechend voll. So voll, dass sogar jeweils an den Enden der Sitzreihen Stühle aufgestellt worden waren. Ob es nun an meiner ─ zugegeben ─ kostenlosen Pressekarte lag oder nicht, blieb unbeantwortet. Jedenfalls fand ich mich unter einer grün leuchtenden Notausganglampe und auf einem dieser Stühle am Rande der privilegierten Theatergesellschaft wieder. Die überwiegend weicher gebetteten Zuschauer wurden dann aus ihrer bequemen Position heraus immer lauter. Wer nicht vor sich hin lachte, schrie lauthals dazwischen, als säße man zuhause vor der Glotze. Unbehaglich auf meinem Stuhl hin und her rutschend suchte ich wieder meine nähere Umgebung nach uniformierten Steampunkern ab.

Zu sehen sind Sarah Schermuly, Nadine Nollau, Karl Miller, Andreas Schneider, Anja Schreiber, Benjamin Krüger, Nikolaus Kühn, Transilvanians (Foto von Isabel Winarsch)
Zu sehen sind Sarah Schermuly, Nadine Nollau, Karl Miller, Andreas Schneider, Anja Schreiber, Benjamin Krüger, Nikolaus Kühn, Transilvanians (Foto von Isabel Winarsch)

An dieser Stelle und ganz vom grün erleuchteten Rande notiert: Das Bühnenbild ist famos, großartig, ebenso wie die Kostüme. Ein in diffuses Licht und satte Farben getauchtes, technofuturistisches Gewitter für den Sehsinn. Denn der kommt in dieser irgendwo zwischen dem erwarteten Steampunk und postapokalyptischen Kinoklassikern wie Bladerunner oder Mad Max angesiedelten Bühneninszenierung keineswegs zu kurz.

Die Musik ist auch gut. Ein Musical! Was soll man sonst sagen?

Na gut. Die Musik ist ebenso wie die erwähnten Attraktionen für den Sehsinn so einnehmend, dass die gesprochenen Textpassagen mitunter wie lästige Zwischensequenzen wirken, die mich als völlig eindrucksgeflashten und reizüberfluteten Zuschauer vom Eigentlichen abhalten: Mit offenen Mund dasitzen und staunen.

Dann ist es endlich so weit. Rocky! Er betritt die Bühne. Oder besser gesagt: ein golden glitzerndes, pappmuskelbepacktes Männlein mit schlohblonder Prinzeisenherzfrisur krabbelt schüchtern aus seinem messingmetallernen Uterus und erblickt noch leicht tapsig das bunte Scheinwerferlicht der Horrorshow. Rocky aus der Röhre!

Doch über diesen Rocky würde ich gerne nochmal mit Richard O’Brien diskutiert. Denn Rocky sieht man kaum. Und im Grunde spricht er auch nicht. Was für eine Enttäuschung. Das Publikum lacht zwar über seine flachwitzige Figur, doch wundert sich scheinbar niemand darüber, dass Rocky in seiner eigenen Horror Show nur eine verdammte Nebenrolle bekommen hat. Rocky, der nichtssagende Statist.

So beschloss ich unter dem Eindruck einer mich umwabernden Täuschung dazu, Rocky den Abend über nicht weiter zu beachten und wandte mich den wahren Protagonisten der Horror Show zu. Das frenetisch erregte Publikum war damit beschäftigt sexuelle Anspielungen mit erleichterter Zustimmung schenkelklopfend in sich aufzunehmen. Und mir wurde schnaufend klar, während der transsexuelle Frank N. Furter messianisch »Metal Mind Fuck« rau über die Bühne hauchte, dass eigentlich auch Männer seidene Abendkleider ganz gut tragen können.

Am Ende des Stücks liegt dann alles in Scherben, auf der Erde, im Schloss, und sonst wo. Die einen sind endlich was geworden, andere sind geblieben und die wenigsten sind schließlich wieder gegangen. Ein dem Spektakel würdiges Finale. Und der Applaus wollte am Ende nicht verebben, schallte immer wieder auf, in Wellen, brandete ab, nur um danach wieder grollend anzurollen. Die stehende Ovation als ein zurecht eigenständiger und überaus passender Schlussakt.

| SVEN GERNAND

Titelangaben
Richard O’Brien’s THE ROCKY HORROR SHOW
Deutsches Theater Göttingen
Premiere: 26. Oktober 2013
Inszenierung: Michaela Dicu
Musikalische Leitung: Albrecht Ziepert
Choreografie: Britta Pudelko

Weitere Aufführungstermine
25. März 2014, 19:45 Uhr
31. März 2014, 19:45 Uhr
5. April 2014, 19:45 Uhr
12. April 2014, 19:45 Uhr
30. April 2014, 19:45 Uhr
10. Mai 2014, 19:45 Uhr
23. Mai 2014, 19:45 Uhr
7. Juni 2014, 19:45 Uhr
14. Juni 2014, 19:45 Uhr
28. Juni 2014, 19:45 Uhr
3. Juli 2014, 19:45 Uhr
19. Juli 2014, 19:45 Uhr

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