//

Der Kommissar und die Fotografin

Roman | Anne Stern: Die weiße Nacht

Eine Frauenleiche sorgt im Hungerwinter 1946 dafür, dass sich der für die Berliner Kriminalpolizei als Kommissar arbeitende Ex-Jurist und -Polizist Alfred König und die junge Fotografin Marielouise Faber kennenlernen. Direkt aus dem Zuchthaus Brandenburg-Görden heraus hatten die sowjetischen Besatzer König wegen seiner politischen Unbedenklichkeit zum Kommissar gemacht. Derweil ist Lou in den Straßen der zerstörten Stadt mit ihrem Fotoapparat unterwegs und hat die Tote in einer Ruine entdeckt. Zunächst sind es ihre professionellen Fotos, die zur Ermittlungsarbeit der Polizei beitragen. Doch als sie und König sich näherkommen, lernt der Kommissar auch die Intuition der jungen Frau zu schätzen. Das ist nicht zuletzt deshalb nützlich, weil weitere Frauen getötet werden und die Spuren in die Vergangenheit zurückweisen. Von DIETMAR JACOBSEN

Berlin im Winter 1946. Hunger und Kälte plagen die Menschen. Ein vernünftiges Dach über dem Kopf haben die Wenigsten. Schwarzmarktgeschäfte blühen, obwohl sie streng verboten sind. Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten obliegt Polizisten, die in Windeseile eine notdürftige Schulung absolviert haben. Denn man will verhindern, dass die Staatsgewalt wieder in die Hände derjenigen gegeben wird, die sie bereits in der Zeit der faschistischen Diktatur ausübten. Auf diese Weise ist Alfred König als Kommissar bei der Kriminalpolizei gelandet. Als Jurist und Ex-Polizist, der unter den Nazis im Gefängnis gesessen hatte, weil er sich weigerte, bei einem Einsatz seines Polizeibataillons in Weißrussland an der Erschießung von Juden mitzuwirken, galt er den sowjetischen Besatzern als politisch unbedenklich und geeignet für den verantwortungsvollen Posten.

Eine Frauenleiche

Eine Frauenleiche, in einer Ruine mit über der Brust gefalteten Händen abgelegt, bringt ihn mit der um einiges jüngeren Marielouise Faber zusammen. Die ausgebildete Fotografin hat, während sie mit ihrer Leica in der Berliner Ruinenlandschaft auf Motivsuche war, die Tote entdeckt, Fotos von ihr gemacht und anschließend ihren grausamen Fund der Polizei gemeldet. Was König zunächst an der aufgeweckten jungen Frau zu stören scheint, die Unbefangenheit, mit der sie sich immer wieder in seine Arbeit einmischt, lernt er allmählich doch zu schätzen. Denn Lou, wie sie von ihren Freunden genannt wird, will dem Kommissar keineswegs nur mit ihren Fotos unter die Arme greifen. Sie hat auch ihre eigenen Ansichten zu dem Fall, mit denen sie nicht hinter den Berg zu halten gedenkt. Und schließlich kommt sie selbst aus dem Kietz, in dem König auch den Mörder vermutet, kennt die Menschen, die den Krieg überlebt haben und unter den rauen Bedingungen des zweiten Nachkriegswinters weiter um ihr Überleben kämpfen.

Als weitere Opfer des Mörders auftauchen – zu erkennen daran, wie sie präsentiert werden: nicht versteckt, sondern offen und in einer Haltung, als würden sie mit ineinander verschränkten Händen aufgebahrt liegen –, ist Eile geboten. Denn die Fälle sorgen für Unruhe unter der Bevölkerung und Königs Vorgesetzte, denen der verschlossene Mann mit der grimmigen Attitüde, wozu nicht zuletzt seine Augenklappe beiträgt, ohnehin ein Dorn im Auge zu sein scheint, drängen auf eine Lösung des Falls. Das führt dazu, dass der Kommissar von sich aus immer häufiger den Kontakt zu der Fotografin sucht, deren Intuition und Kombinationsfähigkeit er zunehmend zu schätzen lernt.

Ein Serienmörder?

Mit  Die weiße Nacht beginnt Anne Stern nach bereits drei erfolgreichen historischen Berlin-Reihen – zuletzt erschien von der Autorin der achte und bisher letzte Band der in den 1920er Jahren angesiedelten Romane um die Hebamme Hulda Gold – eine neue Serie. Spielte das Gros ihrer bisher veröffentlichten Bücher in der Zwischenkriegszeit, bilden das historische Setting der Romane um die junge Fotografin Lou Faber und den erst in seine Rolle als Kriminalkommissar hineinwachsenden Alfred König die schweren Jahre nach dem  Ende des Zweiten Weltkriegs. Und wer Anne Stern bisher schätzte ob der in ihren Geschichten gelingenden perfekten Verbindung zwischen spannenden (Frauen-) Schicksalen und detailreichen zeitgeschichtlichen Hintergründen, kommt auch im Eröffnungsband der Lou-und-König-Reihe voll auf seine Kosten.

Dass sich die Ermittlungen des Kommissars letztlich auf eine kinderpsychologische Einrichtung konzentrieren, die »Städtische Nervenklinik für Kinder und Jugendliche Wiesengrund«, in der in der Zeit des Faschismus Kinder ermordet wurden, die aufgrund ihrer Erkrankungen als »nicht lebenswert« galten und den Aktenvermerk »«R.A.« für »«Reichsausschusskinder« trugen, hat ebenfalls mit einem Foto zu tun, das von Lou gefunden und König zugespielt wird. Wie nahe sie damit an die Lösung ihres Falls kommen, ahnen freilich beide zunächst nicht. Und auch nicht, dass es noch einmal brenzlig für sie werden könnnte, weil sie mit ihren Erkenntnissen dabei sind, einen gut ersonnenen Racheplan kurz vor seiner Vollendung zu torpedieren.

Ein Opfer der Vergangenheit

Mit zwei raffinierten Cliffhängern hat Anne Stern dafür gesorgt, dass ihr die Leserinnen und Leser von Die weiße Nacht sicherlich auch in die nächsten Bände der Reihe folgen werden. Denn wer wollte wohl nicht wissen, ob Lous als im Kriege verschollen geltender Mann noch am Leben ist und ob es sich bei jenem Gregor, dem die Flucht aus einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager gelungen ist und der auf seinem Weg nach Deutschland inzwischen bereits Rumänien erreicht hat, um einen Mann handelt, der Kommissar König und die Frau, die mit ihrer Kamera sein fehlendes Auge ersetzt, im nächsten Band der Reihe umtreiben wird.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Anne Stern: Die weiße Nacht. Fer erste Fall für Lou & König
München: Piper Verlag 2026
400 Seiten. 25 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein tolles Motto: »Jetzt geht’s los!«

Weitere Artikel der Kategorie »Krimi«

Eine schwarze Feder gibt’s aus London

Film | Im TV: TATORT – Großer schwarzer Vogel (RBB), 9. Februar Leicht ist es nicht, darüber nachzudenken, was ein so gewichtiger Titel bedeuten mag. Ein schwarzer Vogel kommt in diesem TATORT genaugenommen kaum vor. Gut, ein paar Mal fliegen Krähen über Land. Eine schwarze Feder taucht überraschend aus London auf. Sonst? Muss man halt drüber nachdenken. Von WOLF SENFF

Im Holzkrug geht die Post ab

Film | Im TV: TATORT (RB) – Hochzeitsnacht (20.04.2014; Wh. vom 16.09.2012) Das mögen wir. Rainer rockt die Hochzeitsfeier. Aber erst einmal liegt im Herbstlaub eine Leiche engelgleich quer auf dem Bildschirm. Der Vorspann zeigt weitere hübsche Bilder ohne Fehl und Tadel. Sie werden von einfühlsam zarten Tonfolgen untermalt, und über den gesamten Film wird Musik (Stefan Hansen) erfreulich dezent eingesetzt. Der liebliche Vorspann täuscht: Im »Holzkrug« geht die Post ab. Zu »Liebe ohne Leiden« taut endlich sogar Inga Lürsen (Sabine Postel) auf, die mit ihrem Kollegen Stedefreund (Oliver Mommsen) zu den geladenen Gästen gehört. Stimmungsvoll und hanebüchen – so

Ein ehrenwertes Haus

Roman | Elisabeth Herrmann: Der Schneegänger Nach ›Das Dorf der Mörder‹ (2013) lässt Elisabeth Herrmann in ihrem neuen Roman ›Der Schneegänger‹ zum zweiten Mal den etwas unzugänglichen Berliner Kriminalhauptkommissar Lutz Gehring und die junge Polizistin Sanela Beara gemeinsam ermitteln. Beara absolviert inzwischen ein Studium des »Gehobenen Polizeivollzugsdienstes«. Gehring beißt sich die Zähne an einem wieder aktuell gewordenen Fall aus, den er vier Jahre zuvor im ersten Anlauf schon nicht bewältigt hat. Weil es dabei um das verschwundene Kind deutschstämmiger Kroaten ging, das man nun tot gefunden hat, glaubt der Hauptkommissar, in Beara, deren Familie aus Vukovar stammt, die ideale Ko-Ermittlerin

Undercover im Hörfunk

Roman | Christine Lehmann:  Alles nicht echt

Im Journalismus glaubt Christine Lehmanns Lisa Nerz sich auszukennen, seit sie für den Stuttgarter Anzeiger gearbeitet hat. Aber Hörfunk ist etwas anderes als Print. Und jene fremde, im Roman namenlos bleibende Stadt, in der sich ihr neuer Arbeitsort und die kleine Wohnung, die sie von einer im Ausland weilenden Kollegin übernimmt, befinden, mutet selbstverständlich erst einmal unvertrauter an als das heimische Stuttgart. Aber was tut man nicht alles für den Mann, den man liebt. Und wenn der als Oberstaatsanwalt einen brisanten Fall von Datenklau in einem Landesfunkhaus der ARD nur lösen zu können glaubt, wenn er die unkonventionelle Lisa undercover in die Höhle des Löwen schickt, macht die halt das Beste aus dieser ungewöhnlichen Mission. Von DIETMAR JACOBSEN