»Manchmal geschieht so etwas, man hat Dinge in aller Unschuld geschrieben, und Jahre später hat ein italienischer Bildhauer sie gelesen und einen Zusammenhang mit dem entdeckt, was er selber macht«, schrieb Cees Nooteboom in seinem 2023 erschienenen Band ›In den Bäumen blühen Steine‹, in dem er sich mit den Berührungspunkten seiner Gedichte und den Skulpturen des italienischen Künstlers Giuseppe Penone (Jahrgang 1947) auseinandergesetzt hatte. Von PETER MOHR

Ein Bändchen voller Assoziationen, voller Neuentdeckungen eines bereits in die Jahre gekommenen Autors, der sich offensichtlich eine Portion jugendlichen Entdeckergeist erhalten hatte. Papst Franziskus hat Penone im Februar 2019 zum Mitglied der Päpstlichen Akademie der schönen Künste und der Literatur ernannt.
In Zeiten des zusammenwachsenden Europas gewann das Werk von Cees Nooteboom immer mehr an Bedeutung. Der bekennende Kosmopolit mit Wohnsitzen in Amsterdam (nahe dem Zentralbahnhof) und auf Menorca (dort spielt sein schmaler Roman ›Der Ritter ist gestorben‹) räumt zwar ein, dass es schwierig sei, »sein Leben auf mehrere Länder und damit auch auf mehrere Sprachen zu verteilen«, doch künstlerisch ist ihm dies hervorragend gelungen.
Für Nooteboom mischen sich beim Reisen und Erkunden fremder Schauplätze und Kulturen Passion und Profession. In Deutschland erfreute sich Cees Nooteboom, der am 31. Juli 1933 in Den Haag geboren wurde, ausgesprochen großer Beliebtheit. Vor mehr als 30 Jahren setzte – nicht zuletzt ausgelöst durch Marcel Reich-Ranickis lobenden Stoßseufzer (»Dass die Niederländer so einen Schriftsteller haben.«) – ein wahrer Nooteboom-Boom ein.
Dass Nooteboom in seiner Heimat auf eine vergleichsweise nur geringe Resonanz stieß, lag vermutlich darin begründet, dass der Autor am allerwenigsten ein typisch niederländischer Schriftsteller ist und durch seine schon in jungen Jahren ausgeprägte Reiselust eher als literarischer Kosmopolit gilt. Schon im Teenager-Alter trampte er nach Belgien. Was dann folgte, war eine unendliche Reise – bis in die entlegensten Winkel aller Kontinente. Trotz seiner großen internationalen Erfolge litt Nooteboom an der weitgehenden Ignoranz seiner Landsleute: »Ich bin und bleibe ein niederländischer Schriftsteller, der auch im eigenen Sprachraum gewürdigt werden will.«
Der Verfasser der bedeutenden Romane ›Allerseelen‹, ›Rituale‹ ›Der Ritter ist gestorben‹ und ›Paradies verloren‹, der einst glühende Verfechter der Europäischen Union, neigte zuletzt zum Skeptizismus. Seine Stimme war dunkler geworden, in seinen Gedichten war auffallend oft vom Tod die Rede, und die Zukunft Europas schätzte er arg pessimistisch ein – nicht erst seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges.
Bereits vor seinem 90. Geburtstag hatte der Suhrkamp Verlag einen opulenten Band mit Prosa und Gedichten herausgegeben. Poetisch und geografisch äußerst breit gefächert.
Cees Nooteboom, der bedeutendste niederländische Gegenwartsautor ist am Mittwoch im Alter von 92 Jahren an seinem Wohnort auf Menorca, wie sein Verlag De Bezige Bij in Amsterdam mitteilte, gestorben. Der Verlag zitierte die Witwe des Schriftstellers, dass er »heute Nachmittag sehr ruhig auf seiner geliebten Insel Menorca gestorben ist«.
| PETER MOHR
| Titelfoto: Hpschaefer www.reserv-art.de, Cees Nooteboom (cropped), CC BY-SA 3.0
Lesetipps
Cees Nooteboom: In den Bäumen blühen Steine
Die erdachte Welt von Giuseppe Penonen
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
Suhrkamp Verlag, Berlin 2023
101 Seiten, 24 Euro
| Leseprobe
Cees Nooteboom: Gesammelte Werke
Prosa und Gedichte 2016 bis 2021
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen und Ard Posthuma
Suhrkamp Verlag, Berlin 2022
1104 Seiten, 68 Euro

