/

Dichter auf der Kanzel

Am 31. Januar vor 100 Jahren wurde der Poet und Pfarrer Kurt Marti geboren

»Bei mir war das Schreiben eine Art Ausbruch aus der präformierten Sprache der Kirche und der Theologie«, bekannte der Schweizer Kurt Marti in einem Interview. Wie vor mehr als 100 Jahren sein berühmter Landsmann Albert Bitzius, der unter dem Namen Jeremias Gotthelf in die Literaturgeschichte eingegangen ist, hat auch Marti über viele Jahrzehnte hinweg zwei Professionen ausgeübt: Pfarrer und Dichter. Von PETER MOHR

»Liebe gemeinde / wir befehlen zu viel / wir gehorchen zu viel / wir leben zu wenig«, heißt es geradezu paradigmatisch in Kurt Martis 1969 erstmals und nun in einer Neuauflage erschienenen Band »Leichenreden«. Außerdem ist gerade der Band »Der Alphornpalast« mit 17 bisher unveröffentlichten Prosatexten des bedeutenden Schweizer Querdenkers erschienen.

Bei Marti, der 2002 mit dem Karl-Barth-Preis ausgezeichnet wurde, ist der eine Beruf ohne den anderen nicht denkbar gewesen. Als kritischer und absolut undogmatischer evangelischer Pfarrer (»Für mich ist Gott kein Monopolist«) in der Berner Nydegg-Gemeinde predigte er nicht nur die christliche Lehre von der Kanzel, sondern auch Zivilcourage und Anleitungen zur praktizierten Nächstenliebe. 1972 brachte ihn die unangepasste Querdenkerei in seinem Tagebuch »Zum Beispiel Bern« vors Gericht, und als er im gleichen Jahr einen Wehrdienstverweigerer öffentlich verteidigte, wurde er in der Schweiz nicht nur als »Dreiviertelkommunist« beschimpft, sondern er musste auch auf einen in Aussicht gestellten theologischen Lehrstuhl verzichten.

1959 hatte Marti mit seinem zweiten Lyrikband (bis zuletzt sein bevorzugtes Genre) »Republikanische Gedichte« für Aufsehen gesorgt, in dem er nachhaltig die Abkehr der Literatur vom Elfenbeinturm forderte: »Christliche Dichtung nicht im Museum, sondern an den Autostraßen.«

Mundartpoesie, Erzählungen, in denen der »kleine Mann« im Vordergrund steht, Liebes- und politische Lyrik und vor allem biblische, in die Gegenwart »verpflanzte« Sujets (zuletzt in »Im Sternzeichen des Esels« 1995) umfasst das Spektrum der Martischen Arbeiten.

»Wüsste man, was Liebe ist, gäbs keine Dichtung«, hatte der am 31. Januar 1921 als Sohn eines Notars in Bern geborene Marti in »Notizen und Details« (2010) geschrieben. Als Schüler hatte er gemeinsam mit Friedrich Dürrenmatt das Freie Gymnasium Bern besucht, später zwei Semester Jura und dann erst evangelische Theologie studiert.

Im November legte der Verlag Nagel und Kimche noch einmal die »Leichenreden« aus dem Jahr 1969 neu auf. Durchaus repräsentativ für Martis Verbindung von Kunst und »aufklärerischer Nächstenliebe« heißt es darin: 

»als sie mit zwanzig/ ein Kind erwartete/ wurde ihr Heirat/ befohlen./ als sie geheiratet hatte/ wurde ihr Verzicht/ auf alle Studienpläne/ befohlen./ als sie mit dreißig/ noch Unternehmungslust zeigte/ wurde ihr dienst im Hause/ befohlen./ als sie mit vierzig/ noch einmal zu leben versuchte/ wurde ihr Anstand und Tugend/ empfohlen./ Als sie mit fünfzig/ verbraucht und enttäuscht war/ zog ihr Mann/ zu einer jüngeren Frau./ Liebe Gemeinde/ wir befehlen zuviel/ wir gehorchen zuviel/ wir leben zu wenig.«

Peter Bichsel hatte über eine Neuauflage im Jahr 2001 befunden: »Ich staune beim Wiederlesen, wie überraschend neu sie geblieben sind.«

Marti gehörte als überaus engagierter Zeitgenosse auch zu den Gründern der entwicklungspolitischen Organisation »Erklärung von Bern« und hat mit seinen 252 philosophisch-literarischen Kolumnen aus über vierzig Jahren in der Zeitschrift »Reformatio« das Zeitgeschehen pointiert kommentiert. Diese sind 2010 im Sammelband »Notizen und Details« erschienen. Dafür war der Pfarrer-Poet mit dem Literaturpreis des Kantons Bern ausgezeichnet worden.

Kurt Marti, der Georg Trakl und Arno Schmidt als seine bevorzugten Autoren bezeichnete, stand als unangepasster intellektueller Querdenker in der Tradition seiner ungleich populäreren Zeitgenossen Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Am 11. Februar 2017 ist Marti im Alter von 96 Jahren im Berner Altersheim Elfenaupark gestorben. Völlig zutreffend hieß es im Nachruf der »Berner Zeitung«: »Marti sprach mit einer eindrücklichen Schärfe, intellektueller Klarheit und politischem Schneid.«

| PETER MOHR

Titelangaben
Kurt Marti: Der Alphornpalast
Prosa aus dem Nachlass
Göttingen: Wallstein-Verlag 2021
104 Seiten14,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Kurt Marti: Leichenreden
Zürich: Nagel und Kimche Verlag 2020
80 Seiten, 20 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Kurt Marti: Im Sternzeichen des Esels
Zürich: Nagel und Kimche Verlag 2020
192 Seiten, 22 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Eldin

Nächster Artikel

Gute Nacht

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Erforscher der Literatur

Menschen | Zum Tode des Schriftstellers Michel Butor »Das Schreiben hat für mein geistiges Ich die gleiche Funktion wie die Wirbelsäule für meinen Körper«, erklärte einst Michel Butor, dessen Name fast immer in einem Atemzug mit Nathalie Sarraute und Alain Robbe-Grillet genannt und beinahe als Synonym für den »nouveau roman« gebraucht wird. Was Butor von den genannten künstlerischen Weggefährten unterscheidet, ist die Tatsache, dass er sich auch als Theoretiker einen großen Namen gemacht hat und der Universität Genf, wo er 15 Jahre Linguistik lehrte, zu hohem Ansehen verhalf. von PETER MOHR

Die Liebe als Brücke

Menschen | Vor 125 Jahren wurde der Dramatiker Thornton Wilder geboren

Als er am 6. Oktober 1957 in Frankfurt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt, wurde er als »großer Dichter und Dramatiker, der in wirrer Zeit den Glauben an die geistigen Kräfte und die Bindung an höhere Mächte aufrechterhalten half, der Schicksal und eigene Verantwortung zu deuten wusste, der ernst und heiter das Leben zeichnete und das Ideal wahrer, edler Menschlichkeit zu schaffen trachtete« gefeiert. Von PETER MOHR

Wider die Ahnungslosigkeit

Menschen | Ulrike Scheffer / Sabine Würich: Operation Heimkehr 120.000 »Entsendungen« von deutschen Soldaten – Frauen und Männern – allein nach Afghanistan gab es von 2002 bis heute. Die Zahl der realen Personen ist kleiner: Viele waren mehrmals dort im Einsatz. Afghanistan war der erste der vielen Auslandseinsätze seit 1990, der auch offiziell Kriegseinsatz genannt wird. Er hat der Republik auch offiziell wieder Veteranen und Gefallene beschert – und Soldaten, die getötet haben. Und dann ist da noch die ›Operation Heimkehr‹, die Rückkehr in ein Land, das stolz auf den Bruch mit seinen eigenen militaristischen Traditionen ist. Von PIEKE BIERMANN

Nietzsches italienische Rettung

Kulturbuch | Zwei neue Bücher über Leben und Werk des unzeitgemäßen Philosophen

Im Herbst 1876 reiste Friedrich Nietzsche für sieben Monate nach Sorrent in Italien, eingeladen von der Schriftstellerin und Mäzenin Malwida von Meysenbug. Ihn begleiteten der Philosoph Paul Rée und ein junger Student namens Alfred Brenner. Auch Richard und Cosima Wagner trafen sich 1876 im italienischen Sorrent mit Nietzsche. Das idyllische Küstenstädtchen sollte zum Schauplatz ihrer letzten Begegnung werden und darüber hinaus zu einem Ort, der über die Erfüllung von Lebensträumen entscheiden sollte. Von DIETER KALTWASSER

Sadness With A Dash Of Beats: An Interview With Emika

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world

In a world which celebrates uniformity and mediocrity it is refreshing to find someone actively striving to create something interesting and new. In art, moulds are meant to be broken and stereotypes cast to the ground. One artist who understands this is Berlin resident Emika. Born Ema Jolly, and raised in Milton Keynes, Emika has utilized her classical training in piano and composition to form the foundation for a body of work which has taken in pop, classical, electronica, ambient and more. Never one to settle for the status quo, her music could resemble the gothic pop of Fever Ray one minute, the futuristic electro of Drexciya the next. By JOHN BITTLES