/

Eldin

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Eldin

Eldin eine Ikone der Moderne, fragte der Ausguck – wie solle das gehen? Er sei ein guter Erster, bei allem, was recht sei, doch sieh ihn dir an: ein Lulatsch, ausgezehrt, man möchte ihm nicht im Dunkel begegnen, ein Hungerhaken.

Du bist grob, Ausguck. Seine Stimme flößt jedermann Respekt ein, und auf Scammons ›Boston‹ wird ihm niemand am Zeug flicken, er funktioniert wie geschmiert.

War er immer so?

Er war immer so. Du wirst damit geboren, Ausguck, ein solcher Charakter fügt sich in die Abläufe des Maschinenwesens, verstehst du.

Das Maschinenwesen wiese ihm einen Platz zu?

Exakt. Ihm blieb nie eine Chance, dem Zugriff zu entgehen, er war wie geschaffen für das Maschinenwesen, machte Karriere und darf zurecht als ein Vorgeschmack des modernen ›Homo sapiens‹ gelten.

Der Ausguck streckte sich im warmen Sand aus und genoß den Blick auf die Lagune. Man sah von den Giganten selten mehr als einen Kopf oder eine Fluke, sie bevölkern die Ozeane und fallen dennoch kaum auf, ihr Leben inszeniert sich zurückhaltend, ein Mensch wird das niemals verstehen.

Der Ausguck fühlte sich leicht, er genoß die Fangpause wie kaum ein anderer, niemand sagte ihm: Tu dies, tu das, und die Abläufe auf der ›Boston‹ waren wohlgeordnet, doch er mochte sich täuschen. Es gab Querulanten wie den Crockeye, der nahm sich Freiheiten heraus, peinlich, ein Selbstdarsteller, jedoch, wie es schien, störte sich niemand daran. Lag das an der entrückten Atmosphäre der Lagune, die gleichermaßen den Grauwal umfing? War es gar der Grauwal, der diese Aura heraufbeschwor?

Schon möglich, dachte der Ausguck. Doch was kümmerte es ihn, er stand auf, nahm einige Schritt Anlauf und schlug einen Salto.

Eldin war derjenige, der die Fäden auf der ›Boston‹ in der Hand hielt, anders war es gar nicht denkbar, und über die Dynamik der Mannschaft konnte der Ausguck sich nur wundern, er war auf anderes gefaßt gewesen. Von den nächtlichen Handgreiflichkeiten beim Gam einmal abgesehen, war der Umgang rauh, aber freundlich, und er erinnerte sich nicht, daß sich jemand über die Schiffsjungen lustig gemacht hätte oder sich etwa beklagt, daß einem der Jüngsten die verantwortungsvolle Arbeit im Krähennest übertragen wurde. Auf hoher See, das verstand der Ausguck wohl, würde ein erfahrener Seemann diese Aufgabe wahrnehmen.

Nein, nichts, keine Klagen, er fühlte sich aufgehoben in dieser Truppe, er hatte Glück gehabt, Scammon schien in der Stadt einen guten Leumund zu genießen.

Schlechte Stimmung erkennt jeder sofort, keine Frage, die Atmosphäre wäre angespannt, es gäbe derbe Kommentare, Sticheleien, Stänkereien, hinterrücks würde Häme abgesondert, nein, all das war wohlbekannt, aber auf der  ›Boston‹ kein Thema, Scammon nahm seine Leute mit der Heuer ins Gebet, und wie man sieht mit Erfolg.

Eldin war so etwas wie ein Wachhund, zuverlässig, fair und strikt, der Ausguck erinnerte sich an die Szene, da er den Bootsmann hatte in Ketten legen lassen. Da war richtig Saft auf der ›Boston‹ gewesen, die Wellen schlugen hoch, alles stand auf der Kippe, doch niemand wäre Eldin ins Wort gefallen, nicht weil er einen Schlagring aufgesetzt hätte, sondern weil er respektiert wurde, er setzte sich durch.

Selbstverständlich hatte jeder Angst, der auf eine neue Mannschaft traf, da reichten wenige Blicke aus, um den Platz in der Rangordnung zu finden, ein Bauchgefühl, denn man merkte auf Anhieb, ob eine Ansprache freundlich war, weniger die Worte als der Tonfall gab Auskunft nicht nur über die Position des Gegenüber, sondern, überlegte der Ausguck, weit mehr noch über die Stimmung, die in einer Mannschaft herrschte, und die Mannschaft der ›Boston‹, das war sein erster Eindruck gewesen, war entspannt, wo gab es das, nein, nicht in der Stadt, niemand trat ihm aggressiv entgegen oder auch nur herablassend.

Manches steht in den Sternen, und du ergründest es nicht. Der Ausguck suchte sich das mit der reservierten und trotzdem dominanten Autorität zu erklären, die Eldin ausstrahlte und der sich kaum jemand entgegenzustellen traute. Nie im Leben. Dieser Erste hatte es nicht nötig, Eindruck zu schinden.

Das begegnete selten auf einem Walfänger, dem Ausguck war mächtig bange gewesen, eine Angst, die ihm auch Scammon anfangs nicht hatte nehmen können, und nun dieser Aufenthalt in der Lagune übertraf alles, was er sich hätte ausmalen können. Er bildete sich das nicht ein, auf keinen Fall, es war unglaublich, zum erstenmal fühlst du dich zu Hause, der Grauwal ist ein sanfter Bewohner der Meere.

Wenn der Abend anbrach, versammelten sie sich gern am Strand, einer entfachte ein Feuer, ein anderer begann zu erzählen, man muß sich das vorstellen, subtropische Temperaturen, von ferne das Meeresrauschen, in der Lagune der Grauwal, du vernimmst seinen Blas, und langsam fällt die Nacht ein.

Sogar Eldin setzte sich zu ihnen, daß sie glatt aus allen Wolken fielen, Eldin redete wenig, die Erzähler nickten ihm zu, er faßte ab und zu besorgt an seine Schulter, schien aber die Situation zu genießen, so völlig entspannt, ungewöhnlich für Eldin.

Wie konnte es sein, daß auf den meisten Walfängern ein unleidlich rauher Umgang herrschte, auf denen Zwang, Häme, Handgreiflichkeiten zum Alltag gehörten, Heimtücke, Mißgunst, Boshaftigkeit, und strömte nicht auf der ›Boston‹ die Sonne bis tief in die Herzen? Wie war das möglich? Sogar Crockeye und seine Kumpane, so nahm es der Ausguck nun wahr, pflegten ihre Sticheleien als Rituale, auf die sie nicht verzichteten, ohne daß sie jedoch ernsthaft hätten Schaden anrichten mögen.

Die Lagune sei nicht von dieser Welt? Der Ausguck war versucht, das zu glauben.

Zumindest umgekehrt möchte das gelten, korrigierte ihn Thimbleman, denn jene Welt, die sich unter den Goldgräbern und in der Stadt ausbreite, existiere nicht in der Ojo de Liebre. Zudem seien sie die einzigen Walfänger hier und müßten sich nicht mit Konkurrenten abgeben.

Er möge nur auf Eldin sehen, sagte Thimbleman, der sie unermüdlich antreibe, ein Rädchen im Maschinenwesen, dem niemand gut genug sei. Seit neuestem – seit seiner Verletzung und der erzwungenen Fangpause, sie dauerte den fünften Tag – sei er jedoch die Sanftmut in Person und geselle sich ohne Aufhebens zu ihnen, wenn sie am Strand um ein Feuer säßen, niemand könne sich dem Zauber dieser Lagune entziehen.

| WOLF SENFF

Vom Geschick des Bootswächters

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Wenn schon das Buch ein Genuss ist…

Nächster Artikel

Dichter auf der Kanzel

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Berlin

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Berlin

Berlin, erinnerte sich Rostock, Berlin liege gar nicht weit entfernt von seiner Heimatstadt, er habe von Bremerhaven aus den Atlantik überquert und in Nantucket ausgemustert.

So sei es vielen ergangen, sagte London, die Überfahrt war strapaziös, und an der Ostküste habe man in Nantucket gleich anheuern können, denn die Jahrzehnte des amerikanischen Walfangs brachen an.

Was es auf sich habe mit Berlin, fragte Bildoon, weshalb, die Stadt liege auf der anderen Seite des Planeten, was kümmere ihn das.

Es sei eine andere Zeit, sagte Pirelli, von Walfang sei dort keine Rede mehr.

Farbe

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Farbe

Farbe ist ein durch das Auge vermittelter und durch das Gehirn aufbereiteter Sinneseindruck, durch Licht hervorgerufen, genauer: durch die Wahrnehmung elektromagnetischer Strahlung der Wellenlänge zwischen 380 und 780 Nanometern, las Sut, der Mensch, sagte er, zähle und messe, er nenne das Wissenschaft, sich selbst einen Homo Sapiens und könne vieles erklären.

Das Rauschen des Ozeans klang wie von ferne zur Ojo de Liebre herüber.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Der Ausguck stand auf, tat einige Schritte und löste sich in die Dunkelheit auf.

Betriebsam

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Betriebsam

Ob sie noch schreibe, wollte Farb wissen.

Anne zögerte zu antworten und griff nach einem Keks.

Oder sei das zu persönlich gefragt.

Keineswegs, nein, wehrte sie ab, im Gegenteil, das sei ein Thema, das sie sehr beschäftige.

Tilman blickte auf.

Farb schenkte Tee nach.

Es war später Nachmittag, Regen schlug gegen die Scheiben.

Im Kamin flackerte künstliches Feuer.

Gewiß, sagte sie, sie schreibe nach wie vor, nur seien die Umstände schwierig, der literarische Markt rotiere mit atemberaubendem Tempo, vergeblich suche man schrittzuhalten, wöchentlich würden neueste Hitlisten präsentiert.

Hitze

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Hitze

Wie schön!

Die Dinge bewegen sich, Annika, sie nehmen Fahrt auf.

Das kann man so sehen.

Die Glut bricht durch die Oberfläche, die verkrusteten Verhältnisse werden aufgeweicht.

Ein Lebenszeichen.

Herrlich, sagte Farb, man möchte meinen, der Planet wache auf.

Oder einfach nur, daß er sich in seiner Ruhe gestört fühle.

Farb lachte. Wut und Ärger als Beweggrund, mag sein, jedenfalls reagiere er höchst lebendig, er sei erzürnt, wer könne ihm das verübeln.

Anthropozän

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Anthropozän

Homo sapiens. Wer ließ sich das einfallen.

Ein Wissenschaftler, Annika.

Klar. Da kriegst du das heulende Elend.

Sie sind außerstande, sich wohnlich einzurichten, sie richten das Leben auf dem Planeten zugrunde. Eine Spezies, unfähig sich in die Natur zu integrieren, und nicht nur das, sondern wo immer sie sich aufhält, zerstört sie, sei es in der Anatomie während der Anfänge der Medizin, sei es die Spaltung des Atoms. Die Lunte ist gezündet, sie brennt, der große Knall ist absehbar.