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Experten in Sachen Entführung

Roman | Les Edgerton: Das grenzgeniale Pseudokidnapping

Pete Halliday hat es sich für immer mit der amerikanischen Profi-Baseball-Liga verscherzt. Wegen illegaler Sportwetten hat man den Spieler kurz vor seinem endgültigen Durchbruch vor zehn Jahren gefeuert. Fortan hielt sich der Mann mit kleineren Betrügereien über Wasser. Nun ist er an den Möchtegern-Gangster Tommy LeClerc geraten, der sich für eine richtige Spürnase in Hinsicht auf hochkriminelle Ideen hält. Und Tommy hat jede Menge Pläne, von denen bereits ein einziger ausreichen würde, das Duo reich zu machen. Nur klappen sie eben nicht so, wie Tommy das gerne hätte. Von DIETMAR JACOBSEN

Gerade war er sich noch sicher, kurz vor seinem endgültigen Durchbruch als Profi in der amerikanischen Major League Baseball zu stehen. Da steht er plötzlich auf der Straße, gefeuert wegen illegaler Wetten. Man schreibt das Jahr 1993 – und Pete Halliday muss sein Leben neu ordnen.

Zehn Jahre später hat ihn sein Weg nach New Orleans geführt. Aber mit den kleinen Betrügereien – er hat inzwischen gelernt, »wie man ein Würfelspiel verschiebt, wie man beim Poker auf der Siegerstraße bleibt, wie man ein Schneeballsystem aufbaut, allzu vertrauensselige Narren um ihr Geld bringt« –, mit denen er sich mehr schlecht als recht durchschlägt, kann er seine Schulden bei der Wettmafia bald nicht mehr bezahlen. Zum Glück zählt zu seinen Bekannten im Big Easy ein Mann, dem die Pläne, mit denen man ans ganz große Geld kommen kann, nur so zufliegen. Scheitert einer, wird einfach der nächste aus der Schublade geholt. Aber ist dieser Tommy LeClerc, der eine Smith & Wesson nicht von einer Glock unterscheiden kann, sich aber viel auf sein »Rothaut«-Genie zugutehält, tatsächlich jemand, auf den man sich verlassen kann?

Ganoven mit genialen Ideen

Der 2023 verstorbene Les Edgerton (geb. 1943) kannte das Milieu, über das er in den meisten seiner über 20 Bücher schrieb, aus eigener Erfahrung. Nach vier Jahren bei der US Navy saß er in den 1960er Jahren eine zweijährige Haftstrafe wegen Einbruch, bewaffnetem Überfall und versuchter Hehlerei ab. Rückfällig wurde er nach seiner Entlassung und verschiedenen Studienabschlüssen dann freilich nur noch auf dem Papier. Seine Bandbreite als Thrillerautor war dabei durchaus beachtlich und reichte, wie man jetzt auch hierzulande nachvollziehen kann, von knallhart bis urkomisch.

Edgerton war in der Lage, sich mit derselben Virtuosität in den Kopf eines Vergewaltigers hineinzuversetzen wie den verschlungenen Wegen zweier immer wieder über das eigene Ungeschick stolpernder Möchtegern-Gangster zu folgen. Nachdem der kleine, aber feine Berliner Pulpmaster Verlag den Amerikaner 2016 mit seinem späten Roman Der Vergewaltiger auch für das deutschsprachige Lesepublikum entdeckt hatte, ist Das grenzgeniale Pseudo-Kidnapping nach Primat des Überlebens (2024) der dritte Roman dieses Autors, den der Pulpmaster-Macher Frank Nowatzki in sein Verlagsprogramm aufgenommen hat.

Von knallhart bis urkomisch

Natürlich geht schief, was Pete Halliday und Tommy LeClerc auch immer anfassen. Die Kasse eines Supermarkts ausrauben, indem man den Marktleiter in dessen Zuhause überfällt, seine Frau als Geisel nimmt und den Mann zwingt, seine bessere Hälfte mit den Einnahmen seines Geschäfts wieder auszulösen? Im Grunde keine schlechte Idee. Weil man aber nicht damit rechnet, dass dem Mann zum einen gar nichts Besseres passieren kann, als seine Frau auf diese Weise loszuwerden, und die Angetraute zum anderen die Gelegenheit nur allzu gern nutzt, um mit einer halben Million Dollar im Gepäck und ihrem Geliebten an der Seite das Weite zu suchen, stehen Pete und Tommy urplötzlich als die Verlierer da. Doch das ist noch lange kein Grund aufzugeben. Schließlich hat man noch ein paar weitere, hoch ambitionierte, in den Details aber alles andere als zuende gedachte Pläne. Und nach der Devise »Wenn schon, denn schon!« soll es beim nächsten Mal endlich der ganz große Coup werden. Ein Millionending, nach dem man sich getrost und finanziell unabhängig bis zum Lebensende in einer Gegend zur Ruhe setzen kann, in der immerfort die Sonne scheint und Teller und Gläser sich wie von selbst füllen.

Und LeClercs nächster Plan ist wirklich so genial wie grenzwertig. Weil bei stinknormalen Entführungen davon auszugehen ist, dass die Entführten jede Menge Ärger machen und noch viel mehr Stress mit den Lösegeldzahlern droht, soll der Entführte bitte dieses Mal selbst zahlen. Und zwar für einen Körperteil, den man ihm abschneiden will und den er, nachdem man ihn wieder bei sich zu Hause abgeliefert hat, nur wiederbekommt, wenn er dafür ordentlich zu blechen bereit ist. Und wer gäbe nicht alles für seine rechte Hand, »die richtige, die wichtige Hand«, wie LeClerc betont, die er sich nach der erfolgreichen Transaktion in der Chirurgie wieder annähen lassen kann?

Handspiel

Weil Tommy als Opfer seines verrückten Plans allerdings ausgerechnet an den hochgefährlichen Charles Lacy Deneuvé, den man den »König der Cajun-Mafia« nennt, denkt, sollte als Erlös für Edgertons Helden unterm Strich bei der Transaktion mindestens eine Zahl mit 6 Nullen im Gefolge herausspringen. Damit, dass man nach dem Coup, der wieder einmal alles andere als glatt über die Bühne geht, sowohl die von Deneuvé angeführten Cajun-Gangster als auch die italienische Mafia an den Hacken hat, haben die beiden Entführer, zu denen sich noch ein leichtes Mädchen, Cathy Hebert, gesellt hat, bei der Pete auf LeClercs Anraten nach einem schief gegangenen Coup Unterschlupf und ein bisschen Liebe gefunden hat (Für Edgertons Erzähler stellt Cathy »die S-Klasse des Fickens« dar), freilich nicht gerechnet.

Das grenzgeniale Pseudokidnapping zeigt Les Edgerton, den man aus seinen beiden bisher hierzulande erschienenen Büchern als einen eher das Düstere an der menschlichen Existenz betonenden Autor kennt, von einer ganz anderen Seite. Und es ist schon erstaunlich, wie souverän er sich auch auf den Feldern von Komik, Ironie und Groteske zu bewegen versteht.

Von Stefan Rohmig kongenial ins Deutsche übertragen, nimmt der als Erzähler fungierende Pete Halliday kein Blatt vor den Mund, lässt Anstand, gute Kinderstube und political correctness komplett beiseite und schwadroniert drauflos, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das macht richtig viel Spaß – auch wenn man bei ein, zwei Szenen, in denen das Blut ordentlich sprudelt, doch gehörig zu schlucken hat. Aber wir sind halt in einem Thriller, wenn auch einem eher ungewöhnlichen.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Les Edgerton: Das grenzgeniale Pseudokidnapping
Aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Rohmig
Berlin: Pulp Master 2025
368 Seiten. 16 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Mehr zu Les Edgerton in TITEL kulturmagazin

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