Für viele Familien im 18. Jahrhundert waren die kleinen Dörfer im Schwarzwald keine idyllische Heimat. Die Familien hatten kaum genug zu essen, das Land war knapp, und die Zukunft sah düster aus. Und in dieser Situation kommen Werber des Kaisers vorbei und versprechen ihnen das Blaue vom Himmel: eigenes Land, keine Steuern und ein neues Haus – sie müssen nur alles zurücklassen und weit weg in den Osten ziehen, ins heutige Ungarn. Von ANDREA WANNER
Genau das erlebt Anna mit ihrer Familie. Ihre Geschwister sind alle gestorben, und viele andere Familien im Dorf haben auch Angehörige verloren. Die Hoffnungslosigkeit hat bei vielen ihren Höhepunkt erreicht. Was haben sie schon zu verlieren? Sie kratzen ihre Ersparnisse zusammen, verkaufen ihr Hab und Gut und machen sich auf die gefährliche Reise 1.000 Kilometer auf schlichten Holzflößen die Donau hinunter. Es war eine Reise ohne Rückfahrticket, denn die Boote wurden am Zielort auseinandergebaut und als Bauholz verkauft und daraus entstanden ihre neuen Häuser.
Die Geschichte der Donauschwaben wird von einer alten Frau erzählt. Es ist die Geschichte ihrer Urururururgroßmutter Anna. Und sie erzählt sie Sami, dessen alleinerziehende Mutter aus Eritrea kommt. Sein Aussehen ist offensichtlich Grund genug, dass von seinen Klassenkameraden gehänselt, gemobbt und verfolgt wird. Durch einen Zufall landet er bei der Alten, sucht dort Schutz. Ein seltsamer , faszinierender Stein ist der Anlass, dass sie zu erzählen beginnt.
Die Rahmenhandlung wechselt sich mit der Geschichte der Donauschwaben ab, die Kapitel in der Gegenwart sind an einem anderen Schriftbild zu erkennen. Das Erzählte wirkt lebendig, durch viele Details authentisch und nachvollziehbar. Anna ist eine sympathische Heldin, die ihre Heimat nur ungern verlässt, aber sich natürlich dem Willen der Eltern beugen muss. Ihre jugendliche Neugierde und Abenteuerlust sind spürbar – und außerdem werden kleine, märchenhafte Momente eingebaut, die die Spannung steigern. Nicht nur Sami hört Stunde um Stunde fasziniert zu – seine Mutter arbeitet im Krankenhaus und er wird zu Hause nicht vermisst – auch junge Leserinnen und Leser lassen sich in den Bann dieser historischen Begebenheit ziehen.
Sabine Zaplin, eine deutsche Schriftstellerin und Kulturjournalistin, schlägt den Bogen vom Damals zum Heute. In ihrem Buch spiegelt sie die universellen Erfahrungen von Verlust und der Suche nach einer neuen Heimat wider, die auch heutige Flucht- und Migrationsbewegungen prägen: Die Hoffnung auf ein Leben in Würde, die Angst vor dem Ungewissen und der mühsame Prozess, in einer fremden Kultur Wurzeln zu schlagen.
Das Kulturzentrum Haus der Donauschwaben Bayern e.V. hat das Buch gefördert, in dem der Anfang der Geschichte erzählt wird, wie die Menschen in Ungarn aus einer Wildnis eine fruchtbare Landschaft gemacht haben. Es ist eine Geschichte von extremem Mut und dem Willen, für ein besseres Leben alles zu riskieren, von der man sich nach dem etwas abrupten Ende eine Fortsetzung wünschen würde.
Titelangaben
Sabine Zaplin: Die Wasserwandler
München: Stroux Edition 2026
200 Seiten. 16 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren
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