/

Mit aller Konsequenz

Jugendbuch | Sabine Ludwig: Am Ende der Treppe, hinter der Tür

Wer unglücklich ist, sieht oft nur noch sich. Das gilt besonders für Teenager. Gefühle empfinden sie in voller Stärke. Das trübt den Blick auf die eigentliche Lage der Dinge, das Handeln folgt überstürzt und undurchdacht. Es fehlt noch die Lebenserfahrung, die hilft, auf Distanz zu gehen und über die Folgen des Tuns nachzudenken. Die Folgen müssen nämlich auch Teenager tragen, davor gibt es keinen Schutz. Sabine Ludwig lässt in ihrem Jugendthriller Am Ende der Treppe, hinter der Tür ihre sechzehnjährige Heldin eine solche Situation mit aller Konsequenz durchleben. Von MAGALI HEISSLER

81OkWhfyjHL._SL1500_Martha ist unglücklich. Ihr Vater ist gestorben, sie trauert noch um ihn. Ihre Mutter ist mit einem anderen Mann zusammengezogen. Das kann Martha ihr nicht verzeihen. Den Neuen nennt sie nur ‚die Glatze‘. Zu allem Unglück hat er auch noch eine kleine Tochter. Familienglück heucheln und Kindermädchen für eine Fünfjährige sein, nein, da spielt Martha nicht mit. Sie und ihre Mutter müssen schleunigst weg, findet sie. Aber dafür braucht sie Geld.

Der einzige Lichtblick ist der neue Englischlehrer, jung, gut aussehend, voller Ideen. Zum Beispiel die mit dem Theaterstück. Martha ist gut in Kunst, natürlich übernimmt sie die Kulissen. Und bald auch eine Rolle in Endstation Sehnsucht. Ganz sicher ist sie sich nicht bei der Schauspielerei, aber wenn der Englischlehrer sagt, dass sie begabt ist, kann er nur recht haben. Martha sieht die Welt rosarot.
Ausgerechnet ihr Kostüm für die Theaterrolle aber bringt sie in eine zuerst dumme und dann gefährliche Situation. Sie wird Zeugin eines Mords. Als sie das ausgerechnet einer wenig verlässlichen Schulfreundin erzählt, hat diese eine Idee, die, da ist Martha ganz sicher, die Geldprobleme lösen wird. Sie wird den Mörder erpressen.
Den Plan setzt Martha zuerst zögernd, dann immer überzeugter von der Richtigkeit ihrer Vorstellungen in die Tat um. Mit fast tödlichen Folgen, nicht nur für Martha, sondern auch für die kleine Stiefschwester.

Studie in Eigensinnschwarz und Eifersuchtsgrün

Ludwigs neuer Jugendroman ist ein Thriller, aber der thrill, das wird bald deutlich, liegt nicht vornehmlich im Verbrechen und der Erkundung der Psyche des Täters. Die Spannung entwickelt sich aus dem Verhalten der sechzehnjährigen Protagonistin. Mit Martha hat Ludwig die lebendige und authentische Figur eines Mädchens geschaffen, das, vom Tod des Vaters erschüttert, emotional noch keine Balance gefunden hat. Martha fühlt sich allein gelassen und ist zugleich überzeugt, als einzige die Lösung für ihr Problem zu sehen. Tatsächlich will sie zurückflüchten in eine sichere Höhle zusammen mit ihrer Mutter. Dass Menschen sich verändern, reifen, neue Gefühle entwickeln, ignoriert sie. Ebenso die Tatsache, dass man, je älter man wird, desto mehr Verantwortung übernehmen muss, für sich und für andere.
Zuhause ist sie verbissen eigensinnig und egoistisch und pflegt mit Hingabe ihre verletzten Gefühle, besonders die vermeintlichen. Ein Gutteil ihrer Wut gilt der kleinen Stiefschwester, die ihrerseits die Mutter verloren hat, und deswegen von ihrem Vater und Marthas Mutter besonders umsorgt wird. Grüne Eifersucht kocht in Martha.

Die schwärmerische Verliebtheit in den Englischlehrer trifft sie unverhofft, macht ihre Situation aber nicht leichter. Im Gegenteil hindern ihre rosigen Tagträume sie noch mehr daran, Boden unter den Füßen zu finden. Die extremen Gefühle sind punktgenau eingefangen und so realistisch beschrieben, dass sie beim Lesen auch bei Erwachsenen unversehens Erinnerungen an lang zurückliegende peinlich-trotzige Pubertätsauftritte wecken. Der scharfe Blick der Autorin und ein sehr gutes Ohr für die Zwischentöne machen aus diesem Buch eine regelrechte Studie über pubertäre Selbstbezogenheit.

Raffiniert-perfide Verwicklungen

Marthas Egoismus treibt wilde Blüten. Wenn auch die Idee, sich mit einem Mörder einzulassen, nicht von ihr stammt, so bedurfte es doch ihrer inneren Wut, um so etwas Haarsträubendes zu tun. Die Autorin hat sich für diesen Teil der Geschichte besonders raffiniert-perfide Verwicklungen ausgedacht, die nicht nur dem jungen Zielpublikum Herzklopfen verursachen können. Die Wahl des Theaterstücks, dessen Proben einen Teil der Handlung einnehmen, überrascht zuerst, entwickelt aber Bedeutung, die zum Schaurigen des Ganzen beitragen.
Gut gelungen sind auch die Nebenfiguren, allen voran die kleine Poppy, die sich nicht beirren lässt. Schulfreundinnen, Eltern, die häuslichen Probleme anderswo bilden den Hintergrund und sind zugleich Spiegel für Marthas eigene Schwierigkeiten. Einzig die Konfrontation mit dem Mörder ist ein wenig zu theatralisch geraten.
Realistisch und zu loben ist dann das Ende, in dem deutlich gesagt wird, dass Marthas Tun unangenehme Konsequenzen haben wird. Nicht nur das Familienleben muss neu begonnen werden, auch die Gesellschaft verurteilt selbstsüchtiges und skrupelloses Verhalten. Pubertäre Gefühlsstürme sind keine Entschuldigung für böse Taten.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Sabine Ludwig: Am Ende der Treppe, hinter der Tür
Rowohlt: Reinbek 2013
380 Seiten. 9,99 Euro
Jugendbuch ab 16.

Reinschauen
Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Hedge (K)Nights

Nächster Artikel

Lauter letzte Bücher

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Falsche Sicherheit

Jugendbuch | Karin Bruder: Panama Für die einen ist die Teenagerzeit eine Zeit voller Verwirrung, aus der die Betroffenen aber zuletzt neu orientiert ins Leben aufbrechen. Für die anderen ist sie der Aufbruch aus einer sicheren Kinderzeit ins Leben, das sich zwar als komplex erweist, aber zuletzt Halt bietet. Karin Bruder gibt sich in ihrem jüngsten Roman nicht mit vorgeblichen Sicherheiten zufrieden. Im Gegenteil entlarvt sie diese als falsch. Und das Teenagerdasein als besondere Zone gleich auch. Von MAGALI HEISSLER

Blinder Aktionismus – und die Folgen

Jugendbuch | Robin Stevenson: Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete Betrachtet man die Welt, kann einer schon angst und bange werden. Boden, Meer, Wälder, Flüsse, Tiere und auch noch die Politik, alles scheint im Untergang begriffen. Dagegen muss etwas getan werden, jetzt und auf der Stelle! Die Folgen von blindem Aktionismus sind jedoch nie die, die man erwartet hat. Robin Stevenson zeigt schmerzhaft deutlich, wie und warum das so ist. Von MAGALI HEISSLER

Mutiges Herz

Jugendbuch | Annet Schaap: Eliza und der Ruf der Schwäne

Ein junges Mädchen lässt sich in einer kleinen Stadt fünf Wörter auf ihr Bein tätowieren: James, Joshua, Elliot, Oliver, Billy. Fünf Namen – die ihrer Brüder, die angeblich tot sind. Sie will es nicht glauben und macht sich zusammen mit Krekel, ihrem jüngsten Bruder, auf die Suche nach ihnen. Von ANDREA WANNER

Horror pur – mit leichtem Lerneffekt

Jugendbuch | Claire Legrand: Das Haus der verschwundenen Kinder Perfekt zu sein, gilt als höchstes Lob. Wer Perfektion erreicht, die ist die Beste. Es gibt aber eine Kehrseite des Perfekten. Davon erzählt Claire Legrand in ihrem Debütroman ›Das Haus der verschwundenen Kinder‹. Was sie zeigt, ist Horror pur, und wer ihn erträgt, kann sogar ein bisschen daraus lernen. Von MAGALI HEISSLER

Möge der Beste gewinnen…

Jugendbuch | Kate Hattemer: Für Freiheit, Kunst und Mayonnaise Castingshows liegen im Trend, unterhalten das Fernsehpublikum und versprechen den Siegern eine grandiose Zukunft. Aber wie sieht es hinter den Kulissen aus. Von ANDREA WANNER