Wilde Jagd

Jugendbuch | Sandra Greaves: Draußen im Moor

Gibt es das Böse? Gibt es Flüche, die eine Familie ruinieren können? Sandra Greaves gelingt es, gleich mit ihrem Debütroman nicht nur ein herbstdüsteres Dartmoor, sondern die ganze Wilde Jagd samt ihrem teuflischen Vorreiter auf höchst bedrohliche, weil überzeugende Weise lebendig werden zu lassen. Von MAGALI HEISSLER

MoorMatt hat seinen Rucksack gepackt und ist aufs Land gefahren. Bei seiner Mutter ist es nicht auszuhalten, vor allem nicht, seit ein neuer Mann um sie herumschwirrt. Sein vielbewunderter Vater reist durch die Welt, wann er zurückkommt, ist unsicher. Bleibt Onkel Jack, Besitzer des Bauernhofs in Dartmoor, der Matts Mutter und ihrer jüngeren Schwester Rose gehört.

Allerdings ist Tante Rose gestorben, zudem lastet ein alter Streit auf der Familie. Matt in der ganzen Selbstbezogenheit eines Dreizehnjährigen ist das egal, er will nur seine Ruhe.
Seiner gleichaltrigen Cousine Tilda ist der Familienstreit nicht egal. Sie macht Matts Mutter dafür verantwortlich und das lässt sie Matt auch vom ersten Moment an spüren. Die Ablehnung zwischen Tilda und Matt ist mehr als eine Familienkabbelei, aus Bosheit wird schnell Bösartigkeit.

Liegt das wirklich an dem Dunklen, das draußen im Moor lauert und sich vom Bösen nährt? Unsinn, erklären die beiden Teenager, obwohl das, was um sie herum passiert, immer bedrohlicher wird. Gebell unsichtbarer Jagdhunde, seltsames Verhalten selbst zahmer Tier, ein verhextes Waldstück und ein Brachvogelschädel verbinden sich zu etwas, das sie das Leben kosten kann. Als den beiden das klar wird, reitet die Wilde Jagd schon in vollem Galopp hinter ihnen.

Böses Blut

Greaves lässt Tilda und Matt abwechselnd erzählen. Die unterschiedliche Sicht auf die Dinge, der Unterschied zwischen Verhalten und Fühlen, Innensicht und Wahrnehmung, wird von Anfang an deutlich. Matt vermisst seinen Vater und verschließt die Augen vor der bevorstehenden Scheidung, Tilda leidet unter dem Tod der Mutter und unter der nicht ganz irrationalen Angst, den geliebten Hof verlassen zu müssen. Beide wählen die gleiche Lösung für ihre Schwierigkeiten, sie geben anderen die Schuld.

Anders als in ähnlich konstruierten Romanen lässt die Autorin ihre jugendlichen Hauptfiguren sich nicht zusammenraufen. Im Gegenteil steigert sie die Spannung dadurch, dass die beiden sich immer weiter voneinander entfernen. Greaves ist ihren Figuren auch nah genug, dass die Leserin den jeweiligen Standpunkt auch gut verstehen kann, das Für, das Wider. Tilda und Matt haben beide recht und unrecht. Sie sind Opfer eines alten Familienstreits und treiben ihn zugleich weiter. Das böse Blut zwischen ihren Müttern, das schon in deren Kinderzeit den Frieden störte, hat sich anscheinend auf die nächste Generation vererbt.

Klanggemälde

Greaves hat sich einiges einfallen lassen, um ihren Roman gruselig zu gestalten und erweist sich dabei als recht einfallsreich. Sie greift auf alte Mythen zurück, wählt aber nur wenige Elemente aus. Sie arbeitet mit der Vorstellung des Unbezähmbaren und damit immer leicht Unheimlichem im Wesen von Tieren, aber auch mit Hexenglauben und Teufelsvorstellungen. Tierlaute beherrschen die Klangwelt, der Schrei der Wildgänse, die man im Übrigen auch über jedem Kapitelanfang fliegen sehen kann – eine sehr schöne Idee -, Hundegebell, angstvoll, gefährlich, unheimlich. Die Moorlandschaft in ihrer Urwüchsigkeit wird ausgemalt in einer Lebendigkeit, dass man den Sumpf beim Lesen fast unter den eigenen Füßen quietschen hört. Im alten Bauernhaus knarren Dielen und Gebälk und ein alter Knecht warnt mit rauer Stimme vor den Gefahren aus dem Jenseits. Sie versteht aber auch etwas vom Meer und vom Segeln. Ein Fluchtversuch Matts endet in einem bösen Sturm. Über der Geschichte schwebt immer der gefahrbringende Ruf des Brachvogels.
Die deutsche Übersetzung von Ilse Rothfuss gibt das wunderbar wieder, der Text liest sich ohne Anstoßen. Einen Ausrutscher gab es beim Korrektorat, »Boxhorn« geht wirklich nicht.

Sieg der Metaphysik

Über weite Strecken ist dieser Roman die sehr gelungene Geschichte zweier sehr junger Teenager, die sich, von den Erwachsenen mit ihren Sorgen allein gelassen, mit Trennungsschmerzen, Trauer und Verlassenheitsgefühlen herumschlagen müssen, die allein nur schwer zu tragen sind. Der immer wiederkehrende Einbruch des Unheimlichen bleibt lang in der Schwebe zwischen Rationalität und Irrationalem. Man kann »das Böse« viele Kapitel lang als Unsicherheit lesen, als Reaktion der beiden Dreizehnjährigen auf seelisches Erleben, das sie kaum bewältigen können. Hätte Greaves es dabei belassen, es wäre ein ausgezeichneter Jugendroman geworden.

Sie entscheidet sich jedoch dafür, einen echten Gruselroman vorzulegen. Den Sieg der Metaphysik über die Physik mag man bedauern, das Talent der Autorin aber genügt auf jeden Fall, um alte Flüche, Legenden, Tierzauber und eine Art Personifikation von »Bösem« überzeugend zu schildern. Nicht zuletzt, weil die Geschichte um Hallowe’en spielt.

So ist ein aufregender Gruselroman entstanden, mit einem guten Schuss Realismus, nämlich einer intensiv geschilderten komplizierten Familiengeschichte, die zu einem hoffnungsvollen Abschluss kommt. Dass das nicht ohne schmerzhafte Opfer geht, ist jeder klar, die gern gute Gruselgeschichte liest. Die Wilde Jagd reitet nicht aus, ohne Beute zu machen.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Sandra Greaves: Draußen im Moor
The Skull in the Wood (2013) – übersetzt von Ilse Rothfuss
Hamburg: Chicken House 2015
310 Seiten. 13,99 Euro
Jugendbuch ab 13 Jahren

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