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Nah und fern

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Nah und fern

Diese Kultur habe seit mehreren Jahrtausenden Bestand.

Und?

Von Mashad, sagte Annika, besitze sie einen Teppich, sagte Annika, Mashad sei eine Stadt im Osten des Landes, zwei Millionen Einwohner, das Grab des achten Immams werde von rund zehn Millionen Pilgern pro Jahr besucht, die Stadt gelte als heiliger Ort.

Schön.

Das Design der Teppiche aus Mashad sei seit Jahrtausenden unverändert, sagte Annika, ihr Teppich habe tiefblauen Grund, pflanzliche Muster, Arabesken, und in der Mitte ein Medaillon, bildliche Elemente seien aus religiösen Gründen tabu.

Ob das nicht auf Dauer eintönig werde, fragte Wette, müsse man nicht auch einmal etwas Neues versuchen.

Das Gespräch stockte, und in die Stille hinein wurde plötzlich laut Hilfe! gerufen, und noch einmal: Hilfe!

Farb erschrak.

Wette schien amüsiert.

Hilfe! Hilfe!

Nichts von Bedeutung, sagte Wette und lachte, es handle sich um eine Figur ohne Namen, sagte er, sie sei auf der Flucht und geistere bald hier, bald dort durch die Erzählungen, werde jedoch nirgends aufgenommen und sei schnell wieder verschwunden, sogar am Toten Meer sei sie gesehen worden, sie habe mit Sergej aus Murmansk Backgammon gespielt, ja, an dem kleinen Tisch im Lager, man habe sich an sie gewöhnt, zumal Flucht auf dem Planeten eher zum Normalzustand geworden sei, ob nun vor den Gewaltausbrüchen der Natur oder den Zerstörungen des Menschen.

Wette schenkte Tee nach, Yin Zhen, sie hatten das Service mit dem Drachen aufgedeckt, das Annika so sehr liebte, rostrot, ich erwähnte das mehrfach, Tilman hatte es von Beijing mitgebracht, er war dort einen Halbmarathon auf der Großen Mauer gelaufen.

Annika warf einen Blick zum Gohliser Schlößchen.

Es handle sich um eine andere Kultur, sagte Tilman, sie werde als dauerhaft verstanden, die Aufgeregtheit und Hektik des Westens gelte als verpönt, der ständige Drang, die Dinge zu verändern, werde verachtet.

Teheran, sagte Farb, fünfzehn Millionen Einwohner, die Stadt werde mit Bomben belegt, ihre Öllager stünden lichterloh in Flammen, aus dem Himmel falle schwarzer Regen herab, die Luft sei giftgetränkt, die Zustände seien unbeschreiblich, ein Inferno, das sei die Gegenwart, sie liege weit entfernt, kein Gedanke an Dauer und an Bestand.

Ramstein.

Ramstein?

Ramstein air base, sagte Tilman, militärisches Drehkreuz der USA in Europa, zehn Kilometer westlich von Kaiserslautern, auf der Ramstein air base würden die Planung und Steuerung der Kampfdrohnen-Einsätze im Irak, in Afghanistan, im Jemen sowie die Drohnenangriffe in Pakistan koordiniert, die Welt sei ein Dorf, sagte Tilman, und nein, widersprach er, die Gegenwart liege keineswegs weit entfernt.

| WOLF SENFF

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Nein, ganz und gar nicht, null, wehrte Tilman ab, er werde keineswegs darauf verzichten, die Kultur des alten Ägypten heranzuziehen, weshalb, wir müßten lernen, die Gegenwart aus gebührender Distanz wahrzunehmen, Distanz sei hilfreich.

Anne schenkte Tee nach.

Farb griff zu einem Keks.

Sich ausschließlich mit dieser Kultur zu befassen, wandte Farb ein, das werde auf Dauer eintönig.

Die drei Jahrtausende seien in höchst verschiedene Abschnitte unterteilt, in drei Reiche mit jeweils Zwischenzeiten, einer Spätzeit und einigen Jahrzehnten, von denen wir heute wohl sagen würden, das Land habe unter fremder Herrschaft gestanden, es sei besetzt gewesen.

Klingt kompliziert und höchst lebendig.

Interessant, sagte Anne, und ob man daraus lernen könne.