Pete wohnt mit seiner Familie in der Sullivan Street; Hand in Hand geht er morgens mit seiner großen Schwester Judy in die Schule. Doch dann gibt es ein Problem. Der neue Lehrer will wissen, welche Berufe die Eltern der Kinder haben. Als Pete an der Reihe ist, bekommt er wegen der neuen Zahnklammer das Wort »Musik« nicht über die Lippen. »Mein Papa, der schaubert schöne Muschki…«, stammelt er – und die Kinder verstehen nur »zaubern«. Oh je! ANDREA WANNER ahnt, dass das nicht gutgehen kann.
Leider gerät Pete danach erst richtig in Fahrt. Seine Fantasie geht mit ihm durch. Er erzählt von Zauberkunststücken im Zirkus, wo sein Vater als der TOLLE DEVREE auftrete, von Besuchen bei der Queen, von Uhren, die aus Nasen gezaubert werden, und von Zauberstäben, die sich in Papageien verwandeln. Die Bewunderung seiner Klasse tut ihm gut – was danach kommt, weniger. Der Musiker Professor Anatol S. Devree staunt nicht schlecht, als er einen Anruf vom Vorstand des Elternvereins der Schule erhält und Miss Cattlebone ihn um einen Auftritt vor den Schülerinnen und Schülern bittet. Der Ärger für Pete zu Hause bleibt nicht aus. Und leider ist das noch nicht alles.
Die amüsante Geschichte in Reimform stammt von Mascha Kaléko. Auch hier zeigt sich, was ihre Lyrik auszeichnet: eine »Alltagslyrik«, die präzise Großstadtbeobachtungen mit klassischen Reimen verbindet. ›Abracadabra on Sullivan Street‹ entstand ursprünglich auf Englisch – im amerikanischen Exil, also auf jeden Fall nach 1938 – und wurde von Uwe-Michael Gutzschhahn wunderbar ins Deutsche nachgedichtet.
Ehe man Pete kennenlernt, führt Kaléko die Leserinnen und Leser zunächst durch das ganze Haus in Greenwich Village. Wir begegnen Miss Carolls mexikanischer Boutique im Erdgeschoss links, dem Sizilien-Markt Bracchioli auf der rechten Seite, der Halbtagsputzfrau Marie im ersten Stock, die immer singt, dem Maler Latouche in der zweiten Etage, der noch auf seinen künstlerischen Durchbruch wartet, dem Flötisten Slobodka im dritten Stock, der zu viel Wodka trinkt, und Signora Marchese unter dem Dach. Im vierten Stock lebt die Familie Devree. Mit leichter Feder gelingt Kaléko mit dieser bunten Hausgemeinschaft ein Mikrokosmos der Gesellschaft von New York City. Durch die unterschiedlichen Nationalitäten, Berufe und Lebenssituationen der Bewohner zeigt sie die multikulturelle, sozial gemischte und teilweise künstlerisch geprägte Großstadtgesellschaft der 1930er und 1940er Jahre.
Bunt, laut und ein bisschen verrückt setzt Thomas Müller diese Welt in seinen Illustrationen um. Alles ist in Bewegung, Werbeschilder verkünden »24 hours OPEN« oder »FRESH DAILY«. Kräftige Farben, starke Konturen und viele amüsante Details: Man spürt die Großstadt, spürt, dass dort immer etwas los ist.
Und mittendrin Pete, der sich in einen ordentlichen Schlamassel gebracht hat. Sympathisch, mit großen Kulleraugen, ein netter Kerl. Aber jetzt hat er seinen Spitznamen weg: Abrakadabra von der Sullivan Street. Eine witzige, sprachverspielte Geschichte über Fantasie, kleine Lügen – und deren Folgen.
Titelangaben
Mascha Kaléko: Abrakadabra in der Sullivan Street. Eine wirklich wahre Geschichte
(Abracadabra on Sullivan Street, entnommen aus Mascha Kaléko: Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden, München: dtv 2012)
Aus dem Englischen nachgedichtet von Uwe-Michael Gutzschhahn
Illustriert von Thomas Müller
München: dtv 2026
49 Seiten, 18 Euro
Bilderbuch ab 5 Jahren
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