Agentendrama in drei Akten

Roman | Mick Herron: Bad Actors

Was ist mit Sophie de Greer passiert? Die im Beraterstab des britischen Premierminister tätige Wissenschaftlerin ist über Nacht verschwunden. Nun suchen sie sie alle: Anthony Sparrow, der zwielichtige Mann, der de Greer eingestellt hat und nach mehr Macht giert, ebenso wie der Inlandsgeheimdienst MI 5 unter seiner Chefin Diana Taverner. Selbst Claude Whelan, Vorgänger und Intimfeind der intriganten »Lady Di«, wie Taverner intern genannt wird, muss noch einmal in die Spur. Nur Jackson Lamb und seine ausrangierten Spione aus der Aldersgate Street haben es nicht so eilig. Denn obwohl sie bei ihren Oberen längst abgeschrieben sind, wissen sie wieder einmal mehr. Mit Bad Actors legt Mick Herron den achten Band rund um die unter dem Namen »Slow Horses« bekannten Männer und Frauen vor, denen niemand im Geheimdienst Seiner Majestät mehr einen ordentlichen Job anbietet. Doch wo Skandalöses in der Luft liegt, mischen die Frauen und Männer um Lamb trotzdem immer mit. Von DIETMAR JACOBSEN

Im Slough House ist frisches Blut eingetroffen. Praktisch zur Begrüßung hat Jackson Lamb, der die Truppe abgehalfterter Spione des Inlandsgeheimdienstes MI 5 in ihrem heruntergekommenen Unterschlupf in der Londoner Aldersgate Street mehr schlecht als recht und mit fragwürdigen, moralisch nur sich selbst gegenüber zu vertretenden Methoden zusammenhält, der jungen Ashley Khan gleich einmal den Arm gebrochen. Und während Ashley noch denkt, mit dem ungehobelten alten Kerl gleich nach ihrer Rückkehr zur Geheimdienstzentrale am Regent‘s Park Schlitten fahren lassen zu können, wissen alle anderen »lahmen Gäule« aus leidvoller Erfahrung: Für den, der erst einmal im Slough Hause landet, gibt es kein Zurück. Man sollte also versuchen, das Beste aus seiner Degradierung zu machen. Doch kann man sich wirklich für immer und ewig damit abfinden, an die bedeutenden und ruhmesträchtigen Geheimdienst-Aktionen nicht mehr herangelassen zu werden?

Einmal Slough House – immer Slough House

Eine über Nacht verschwundene Wissenschaftlerin bildet diesmal den Stein des Anstoßes. Als Teil des Beraterteams des britischen Premierministers besaß Sophie de Greer Einblicke in Sphären des Gemeinwesens, die strengster Geheimhaltung unterlagen. Damit ihr Verschwinden nicht sofort hohe Wellen schlägt, wendet sich Anthony Sparrow, ehrgeiziger Chefberater und damit unmittelbarer Vorgesetzter de Greers, deshalb im Vertrauen an den Ex-MI 5-Direktor Claude Whelan. Der soll die Vermisste ausfindig machen, und das möglichst unter Vermeidung von allzu viel Lärm. Doch weder Whelan noch Sparrow ahnen, dass man im Slough House, was die junge Frau betrifft, längst mehr weiß, als man eigentlich wissen sollte.

Denn Sophie de Greer hat eine Mutter, der sie wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Und dass es sich bei der um die KGB-Oberstin Alexa Tschaikowskaja handelt, macht die Sache nicht gerade einfach. Denn man darf wohl davon ausgehen, dass auch dieser Apfel nicht weit vom Stamm gefallen ist und Anthony Sparrow sich von hintertriebenen russischen »Freunden« eine falsche Schlange hat aufschwatzen lassen. Mit unabsehbaren Folgen nicht nur für Sparrows eigene Karriere, sondern auch für die innere Sicherheit des Inselreichs.

Das »Waterproof« – Protokoll

Also gilt es, dafür zu sorgen, dass der Fall de Greer schnellstens und ohne Regierung, Geheimdienste und Öffentlichkeit allzu sehr zu beunruhigen, gelöst wird. In der Zentrale des Inlandsgeheimdienstes am Regent’s Park hat man für solche Fälle extra ein Protokoll mit dem Namen »Waterproof« entwickelt. Aber wurde diese Karte beim MI 5 bezüglich der aktuellen Wirren wirklich gezogen? Oder benutzt der mit allen Wassern gewaschene Sparrow Claude Whelan nur, um de Greer ausfindig zu machen, damit er danach seine eigenen Leute, einen Haufen italienischer Fußball-Hooligans, denen es auf ein oder zwei Leichen bei ihren Aktionen nicht ankommt, auf sie hetzen kann?

Raffiniert hat Mick Herron (Jahrgang 1962) seinen achten Roman um die Damen und Herren aus der Aldersgate Street aufgebaut. Er beginnt nach einem kurzen, bereits das Ende antizipierenden Prolog zunächst einmal mit Teil 2, der die Folgen des Verschwindens von Sophie de Greer beschreibt: Chaos, um sich greifende Ängste und ein immer hektischer werdender Aktionismus auf allen staatlichen und geheimdienstlichen Ebenen. Teil 1 wird anschließend an ein zwischengeschaltetes »Intermezzo« nachgeliefert, ehe nach einem weiteren Zwischenspiel ganz klassisch der dritte und letzte Akt folgt. Das setzt die Leserinnen und Leser des britischen Bestseller-Autors in der Nachfolge John le Carrés schließlich in die Lage zu verstehen, wie es zum Verschwinden von Sophie de Greer kommen konnte, wer daran welchen Anteil hatte und welche Rolle Jackson Lamb und die Seinen in der ganzen Sache spielten.

Mick Herron wieder auf der Höhe seiner Kunst

Auch mit Bad Actors – wunderbar übersetzt wie immer von Stefanie Schäfer – offeriert Mick Herron dem wachsenden Heer seiner Leserinnen und Leser wieder ein großes Lesevergnügen. Gekonnt changierend zwischen beißender Gesellschaftskritik, schwarzem britischem Humor, schrägem Personal und jenem Quentchen Empathie, das selbst an einem Ekelpaket wie Jackson Lamb noch die eine oder andere liebenswerte Seite zu entdecken vermag, überzeugt der achte Roman um die schrägen Gestalten aus dem »Slough House« voll und ganz. Und natürlich ist es wieder einmal Jackson Lamb allein, der den Durchblick bewahrt und letztlich einen Supergau für den MI 5 verhindert. Mit den titelgebenden Bad Actors hingegen sind jene Akteure gemeint, deren übereifriges Bemühen, nicht zu den Opfern eines veritablen Skandals zu gehören, sie von einer Panne in die nächste taumeln lässt.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Mick Herron: Bad Actors
Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer
Zürich: Diogenes Verlag 2025
460 Seiten. 19 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Mehr Mick Herron in Titel kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Augen auf!

Nächster Artikel

Writing on Games: Thinking the Medium Seriously

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Der Drucker als einziger Freund

Roman | Fien Veldman: Xerox

Der Romanerstling der jungen niederländischen Autorin Fien Veldman ist gleich ein großer literarischer Wurf. Mit geradezu sezierendem Blick und anspruchsvoller Komposition betritt die 34-Jährige mutig und voller Elan die literarische Bühne. In ihrem schmalen Roman thematisiert sie viele zeitgenössische, gesellschaftlich relevante Sujets. Es geht in Xerox um die Vereinsamung der Individuen, um Veränderungen in der Arbeitswelt und um die Reduzierung der verbalen Kommunikation und der sozialen Interaktion auf ein Minimum. Von PETER MOHR

Wyatt und die Raubkunst

Roman | Garry Disher: Hitze Wyatts achter Auftritt führt ihn an die australische Goldküste im Osten des Landes. In dem kleinen Urlauberörtchen Noosa, nördlich von Brisbane, versucht Garry Dishers krimineller Held, sich bzw. seine Auftraggeberin in den Besitz eines Gemäldes aus dem 17. Jahrhundert zu bringen. Die Nazis haben das Bild einst für das von Hitler in Linz geplante Museum einer jüdischen Industriellenfamilie abgegaunert. Nun will Hannah Sten, Nachkommin der einstigen Besitzer, das Bauern bei der Feldarbeit zeigende Kunstwerk zurückhaben. Von DIETMAR JACOBSEN

Auf Entdeckungsreise

Roman | Jörg Magenau: Die kanadische Nacht

»Warum weiß ich von meinem eigenen Vater weniger als von manchen Figuren, über die ich als Biograf geschrieben habe?« Diese Frage stellt sich der Protagonist im Romandebüt des bekannten Literaturkritikers Jörg Magenau. Von der ersten Seite an sieht sich der Leser mit der Frage konfrontiert, wie stark autobiografisch die Figur des Ich-Erzählers ist und wo der Autor bewusst fiktionalisiert haben könnte. Von PETER MOHR

Kein Ort für Gott

Roman | Johannes Groschupf: Die Stunde der Hyänen

Der polnische Fernfahrer Radek Malarczyk hat Glück: Als ein Unbekannter seinen VW Bulli, in dem er seit einiger Zeit auf Berliner Parkplätzen übernachtet, in Brand steckt, gelingt es ihm, gerade noch mit dem Leben davonzukommen. Der Journalistin Jette Geppert erzählt er daraufhin im Unfallkrankenhaus eine Geschichte von Schuld und Sühne. Die junge Frau Anfang 30 steckt selbst gerade mitten in einer Krise. Doch das Angebot der Polizistin Romina Winter, sich ihr anzuvertrauen, schlägt sie vorerst in den Wind. Und währenddessen glaubt ein junger Postbote dazu bestimmt zu sein, dem über die Stadt herrschenden Satan mit Feuer entgegentreten zu müssen. Johannes Groschupfs drittem Berlin-Roman gelingt auf beeindruckende Weise das Porträt einer Stadt, in der die Widersprüche unserer Zeit und unserer Gesellschaft wie nirgendwo anders in Deutschland zutage treten. Von DIETMAR JACOBSEN