Grausam oder belanglos

Roman | Helmut Krausser: Wer hat uns je geliebt

»Alle Geschichten sind grausam oder belanglos. Am Ende bleiben viel mehr ungelöste Geheimnisse als zu Beginn des Lebens, wenn fast alles noch im Dunkeln liegt«, heißt es im 21. Roman des 62-jährigen, in Berlin lebenden Schriftstellers Helmut Krausser. Von PETER MOHR

Seine künstlerische Produktivität ist beeindruckend. Der Schach- und Backgammon-Liebhaber hat regelmäßig Erzählungen, Gedichte, Tagebücher, Opernlibretti, Hörspiele und Theaterstücke veröffentlicht. Im November 2023 wurde seine Sinfonie in Aue uraufgeführt.

»In Wahrheit bin ich absolut größenwahnsinnig. Ich wollte immer der beste Schriftsteller überhaupt werden. Als ich es dann geschafft hatte, war es gleich langweilig«, hatte Helmut Krausser vor einiger Zeit in einem Interview bekannt. Understatement ist nicht seine Sache. Er versteht es, sich selbst in Szene zu setzen, und er pendelt bisweilen zwischen hohem künstlerischen Anspruch und klischeehaften Vereinfachungen. Krausser spielt mit den literarischen Genres und erzählt ohne sich an Regeln von Raum und Zeit zu halten. Alles fließt, nichts ist sicher. Helmut Krausser führt seine Leser gerne aufs interpretatorische Glatteis.

Dementsprechend skurril kommen seine Personen daher. Da ist der arbeitslos gewordene Lichttechniker Werner P., ein Augenzeuge, der unter dem Namen Enki bekannt ist – ein alter Mann ohne Nachnamen und Ausweispapiere; die exaltierte Hauptkommissarin Lucia Lill (nur »Lu« genannt), die Boulevardjournalistin Yvonne Gispritz (in der Szene als »Poison Ivy« bekannt), die eine Sensation wittert und nicht zuletzt die Selbstmörderin Jette, die von ihrem Balkon im 7. Stock springt, offensichtlich getrieben von einer »dunklen, zutiefst männlichen Stimme«.

Auslöser dieser assoziativen, komisch-surrealen Geschichte ist ein Ereignis im Berliner Café Belmont in der Nähe des Bahnhofs Zoo. Der arbeitslose Werner P. hat gerade beim Backgammon 300 Euro verspielt, als ihm der Kopf platzt – oder ist er sogar explodiert? Wegen fehlender Ermittlungsansätze wird der mysteriöse Fall von der Polizei schnell zu den Akten gelegt. Die ehrgeizige Polizistin Lucia bleibt jedoch »am Ball« und spürt den Zeugen Enki auf. Sie beobachtet ihn und stellt ihn zur Rede. Die Kommissarin fühlt sich zu dem alten, etwas ungepflegt wirkenden Mann auf seltsame Weise hingezogen. Lucia geht der »Fall« sehr nahe, ihre Psyche gerät in Turbulenzen. »Vierunddreißig, dachte Lu, ist ein diabolisches Alter. Allein, dass ich darüber nachdenke, zeigt, dass ich mit mir nicht im Reinen bin.«

Helmut Kraussers Figuren kommen mit all ihren Spleens und sonderbaren Verhaltensweisen leicht »durchgeknallt« daher. Wer sich als Leser eine simple Lösung des Falls erhofft, wird (ge)-enttäuscht. Hier läuft alles ins Leere: »Lucia und Enki saßen lange zusammen unter der großen Pappel. Bis Lucia, friedlich und schmerzlos, zu atmen vergaß.«

Einzig die enge Verzahnung Berlins mit der abstrusen Story ist eine Konstante. »Die Vier-Millionen-Stadt quoll über von Geschichten, größeren und kleineren, die sich mal miteinander verknüpften, mal voneinander lösten. Manche erloschen wie Kerzen, zu Ende erzählt, zu Ende gelebt. Andere entstanden neu aus beinahe nichts, durch Zufall, durch ein passend gewähltes Wort, eine Geste, eine Bitte, ein Lachen.« Und als Leser nimmt man auch noch an einem nächtlichen Konzert tausender Posaunen im Abwassersystem der Stadt teil.

Freunde des traditionellen, strukturierten Erzählens sollten die Finger von diesem Roman lassen. Wer allerdings ein Faible für literarische Kuriositäten hat, der wird von Helmut Krausser vorzüglich bedient. Eine humorvoll-groteske zeitgeistkonforme Spielart von Döblins »Alexanderplatz« – etwas schräg, abenteuerlich, leicht dystopisch und mit der urbanen Metropole Berlin als heimliche Hauptfigur, um die sich alles dreht. »Die Stadt verhielt sich wie ein Kind mit einer Schublade voller Spielzeug vor sich. Setzte Sachen und Insassen von daher nach dorthin. Wenn ihr danach war, schmiss sie auch mal alles durcheinander. Dann lachte und gluckste die Stadt.«

| Peter Mohr

Titelangaben
Helmut Krausser: Wer hat uns je geliebt
München: Berlin Verlag 2026
302 Seiten. 25 Euro
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