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Kritische Theorie und Mainmetropole

Menschen | Gesellschaft | Stefan Müller-Doohm: Frankfurt als geistige Lebensform

Die biographischen Erinnerungen im Gespräch mit Matthias Bormuth und die Essays des Autors, in Textform vereint in seinem sehr empfehlenswerten Buch ›Frankfurt als geistige Lebensform‹, zeigen eindrucksvoll, wie die Mainmetropole als kultureller Erfahrungsraum eine ganze soziologische Weltsicht und philosophische Selbstfindung maßgeblich beeinflussen konnte. Von DIETER KALTWASSER

Zeichnung einer Brücke in einer Stadt, die über einen Fluss führt. Im Wasser schwimmen einige Schiffe.Besonders hervorzuheben ist hierbei die kluge und besonnene Sichtweise, mit der er auf die Vergangenheit von Frankfurt und die Frankfurter schaut. Schon in seinen Jugendjahren am Eisernen Steg wurde bei ihm durch die direkte Konfrontation mit dem Ungeheuerlichen der deutschen Vergangenheit sein Bedürfnis nach Verstehen und ethischer Orientierung geweckt, noch verstärkt durch den Auschwitz-Prozess. Doch auch die Politisierungsprozesse im Zuge der 68er-Studentenbewegung trugen dazu bei, »dass treibhausmäßig ein generationsspezifischer intellektueller Habitus einer Frankfurter Moderne gedeihen konnte«.

Müller-Doohm wuchs in einer bildungsbürgerlich geprägten Familie auf, wobei er sich bald zu den das Bürgertum kritisch betrachtenden Theoretikern der Frankfurter Schule, insbesondere zu Adorno hingezogen fühlte. Er studierte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Soziologie, Politikwissenschaft, Philosophie und Psychologie. Zu seinen akademischen Lehrern zählen u. a. Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Jürgen Habermas, Iring Fetscher, Alexander Mitscherlich und Horst-Eberhard Richter. 1964 wurde Jürgen Habermas auf Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt berufen. Für seine Antrittsvorlesung ›Erkenntnis und Interesse‹ wählte er Horkheimers Aufsatz ›Traditionelle und kritische Theorie‹ als Bezugspunkt.

Müller-Doohm ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Oldenburg. Der Autor publizierte die maßgeblichen Biografien über Theodor W. Adorno und den im März 2026 verstorbenen Jürgen Habermas. Adorno, Jahrgang 1903 und in Frankfurt geboren, war zusammen mit Max Horkheimer Begründer der »Frankfurter Schule«. Für Adorno war er »der bevorzugte Denkgenosse und Vorgesetzte«.

Adorno gilt als einer der wichtigsten Theoretiker des 20. Jahrhunderts. Er hat nicht nur die zeitgenössische Philosophie und Soziologie nachhaltig beeinflusst, sondern ebenso die Kulturwissenschaften sowie Literatur und Psychoanalyse. Allein die Vielfalt der Themen seiner Vorträge aus den Jahren 1949 bis 1969 ist beeindruckend: Es geht um das Suchtpotenzial von Marcel Prousts Prosa und um die Kompositionstechnik von Richard Strauss, um Fragen des Städtebaus und der Pädagogik, um Aberglauben und Antisemitismus, um die autoritäre Persönlichkeit und den neuen Rechtsradikalismus.

Im April 1967 hielt Adorno auf Einladung des Verbandes »Sozialistischer Studenten Österreichs« an der Wiener Universität einen Vortrag, der nicht allein von historischem Interesse ist, da er vor dem Hintergrund der Wahlerfolge der AfD und des Wachsens rechtsradikaler Bewegungen eine geradezu unheimliche Aktualität besitzt. Eine Lektüre der Rede erfordert es naturgemäß, durch den Kontext Bedingtes und Grundsätzliches zu differenzieren.

Die zusammen mit Max Horkheimer verfasste ›Dialektik der Aufklärung‹ avancierte zum klassischen Text des 20. Jahrhunderts und ist eine Theorie der modernen Massenkultur und zugleich eine philosophische Kritik und Auseinandersetzung mit dem Faschismus. Als Theodor Wiesengrund Adorno am 6. August 1969 starb, zählten er und Max Horkheimer zu den intellektuellen Gründungsvätern der Bundesrepublik. Die im Buch enthaltenen Porträts über Adorno und Habermas beleuchten die eminente Rolle, »die die beiden in Frankfurt Lehrenden über die akademische Sphäre hinaus jeweils auf ihre Weise für die Frankfurter Kultur gespielt haben«. Es ist insbesondere die Sprachkunst Adornos, die den Autor beeindruckt haben und die er würdigt, vor allem in seinen Essays zu dessen ›Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben‹.

Doch ebenso wie seine akademischen Lehrer Adorno und Habermas war es der Verleger Victor Otto Stomps (von seinen Freunden und Autoren Vau-O genannt), der einen prägenden Eindruck bei Müller-Doohm hinterließ. Er hatte sich schon zur Zeit der Weimarer Republik in Berlin als Verleger der Rabenpresse einen Namen gemacht. Stomps, so Müller-Doohm, »war ein nonkonformistischer Mensch, den lebenslang ein geradezu obsessives Interesse an zeitgenössischer Literatur junger Autoren auszeichnete.« Der Verleger »sprach ein Publikum von Liebhabern jenseits des Mainstreams an. Deshalb gab er seinem eigenen Verlag auch jenen schönen Namen Eremitenpresse.«

Und lässt sich dieser »Frankfurter Geist« weitertragen? Sagen wir es mit Axel Honneth, dem ehemaligen Direktor des Instituts für Sozialforschung der Universität Frankfurt. In seinem Nachruf zum Tode von Jürgen Habermas schreibt er: »Habermas Tod bedeutet das Ende des fiktiven Dialogs, den er zeitlebens mit Adorno, seinem einzigen Lehrer, geführt hat. Darin besteht die geistesgeschichtliche Tragik seines Ablebens für die Kritische Theorie. Man stünde, so hat Habermas am Grab von Adorno gesagt, mit dessen Tod philosophisch plötzlich vollkommen nackt dar. Wie viel mehr Gründe haben wir, das heute von uns zu behaupten, die wir doch an den Zielen einer Kritischen Theorie im Frankfurter Geist festhalten wollen?«

| DIETER KALTWASSER

Titelangaben
Stefan Müller-Doohm: Frankfurt als geistige Lebensform
Erinnerungen und Essays
Mit einem Nachwort von Wolfgang Schopf
Göttingen: Wallstein Verlag 2026
192 Seiten, 24 Euro

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