/

Die Suche nach dem ultimativen Motiv

Nein, es ist nicht die schwedische Malerin Anna Boberg, die hier aus ihrem Leben erzählt, es ist Sophie van der Linden, die sozusagen in deren Haut schlüpft und so das Lebensbild einer Frau und Malerin auf der Suche nach Anerkennung und dem ultimativen Motiv zeichnet. Diese Suche führt weit weg, sehr weit weg. Von BARBARA WEGMANN

Eine winterliche Meereslandschaft. Eine kleine Bucht, in der verschneite Häuser stehen, dahinter ragt ein hoher Berg aufDas muss schon eine spannende Frau gewesen sein. Ganz allein, ohne ihren Mann, den Architekten Ferdinand Boberg, fährt die schwedische Malerin Anna Boberg (1864–1935) in ihre Hütte auf die Lofoten. Zu damaliger Zeit, Anfang des 20. Jahrhunderts, etwas sicher sehr Außergewöhnliches, zumal für eine Frau. Malen, das war ihre Passion, wie einer Sucht folgend, sucht sie das Motiv, von dem sie schon so lange träumt. »Und wenn der Winter sich dann richtig breit gemacht und seinen dunkelsten Punkt erreicht hat, wenn die Nacht nicht mehr weichen will, dann ist der Moment gekommen, loszufahren, dem hartnäckigen Ruf zu folgen …

Dem Ruf nach dem tiefen Sinn, den ich im Malen dieser widerspenstigen Landschaft gefunden habe.« Eine Obsession, die sie in dreißig Jahren und vielen, vielen Besuchen auf den Lofoten nie verlassen hat, so schreibt die Autorin. Denn, so Sophie van der Linden, dieser Flecken Erde habe auf sie gewartet. Also auf Anna Boberg. Nicht auf Sophie van der Linden. Und genau da liegt das, was mich an dem Buch stört. Mit dem Leben und Werk der hierzulande wenig bekannten Künstlerin hat sich die Autorin intensiv beschäftigt, sie kennt jeden Winkel ihres Schaffens, ihrer Zweifel, ihrer Fantasien und Träume, sie kennt alle Rückschläge und den Mut zu Ungewöhnlichem, aber:
Als einen Roman würde ich die gut einhundert Seiten nicht bezeichnen, vielleicht eher eine Erzählung, ein Reisebericht, eine biographische Reise. Aber einhundert Seiten in der Ich-Form, einhundert Seiten aus Sicht der 1935 verstorbenen schwedischen Malerin erzählt, das wirkt nur sehr wenig authentisch, aus einer Biografie kann man keine Autobiografie machen.

Eine Biographie hätte mich weitaus mehr berührt als diese knapp 130 Seiten Erzählung über eine Frau, in deren Haut und Hülle und Rolle sie schlüpft. So wunderbar Sophie van der Linden auch erzählt, beschreibt, darstellt, bildhaft und anschaulich Szenerie, Verhältnisse, gesellschaftliche Bedingungen und das Umfeld damaliger Zeit vermittelt und skizziert, so wenig ist es doch letztlich möglich, in die Haut eines Anderen zu schlüpfen. Das eine ICH kann eben nie wirklich das andere ICH sein. Das, was Sophie van der Linden erzählt, in der Tat sehr bildreich, sehr ausschweifend und mit Worten anschaulich malend, ist und bleibt aber eben nur eine Reproduktion, Anna Boberg wäre mir persönlich weitaus näher gekommen, hätte die Autorin die Ich-Form nicht gewählt. Sophie van der Linden wurde von Bobergs Autobiografie inspiriert, so entnehme ich den abschließenden Anmerkungen. Eine Biografie mit dem erzählerischen Talent der Autorin, der Farbigkeit ihrer Beschreibungen und dem Einfühlungsvermögen in eine doch fremde, so begabte, bemerkenswerte und schöpferische Frau hätte mich deutlich stärker für das Buch begeistert.

Was bleibt ist allerdings ein gewecktes Interesse für Anna Bobergs Gemälde aus jener eisigen Region, irgendwo am Rande der Welt. » Alles wofür ich mir diese langen Wochen hier auferlegt habe, weit weg von dir , in der Distanz, ergibt endlich Sinn in diesem Zusammenspiel von Weiß und Licht. Jetzt, und nur jetzt kann ich mein Werk vollenden. Alles war so kompliziert in letzter Zeit. Nun aber gibt es keinerlei Rätsel, kein Mysterium mehr. Diese Landschaft ist die unkomplizierteste der Welt.«

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Sophie van der Linden: Im Licht der Lofoten
Übersetzt von Valerie Schneider
mare verlag, Hamburg
ISBN: 9783866487536
128 Seiten, 20 Euro

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Der NÖB fragt … Wittek

Nächster Artikel

Kritische Theorie und Mainmetropole

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Zwischen Ruhm, Isolation und Verrücktsein

Sachbuch | Susan Bernofsky: »Hellseher im Kleinen«. Das Leben Robert Walsers

Robert Walser wurde bereits als junger Schriftsteller über sein Geburtsland Schweiz hinaus von vielen bewundert, so auch von seinen Zeitgenossen Franz Kafka, Robert Musil, Hermann Hesse, Walter Benjamin, Thomas Mann und Stefan Zweig. In seinem späteren Leben hingegen war er, so seine Biografin Susan Bernofsky, »fast vergessen, eine Vergessenheit, die ihn überdauerte.« Erst nach seinem 100. Geburtstag im Jahre 1978 wurde sein schriftstellerisches Werk wiederentdeckt und »von neuen Generationen von Lesenden und Literaturwissenschaftler:innen begeistert aufgenommen.« Von DIETER KALTWASSER

Melancholic Melodies And Organic Grooves: An Interview With Chic Miniature

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world As a lover of electronic music it can get a bit overwhelming trying to keep up with the number of new releases coming out each week. For every Compro or Skylax House Explosion there are numerous functional house and techno records which are simply content to exist. This is why albums such as Ficción Futuro by Chic Miniature can seem like such a godsend. Formed of eight pieces of dance floor delight, the record manages to do a very rare thing these days, in that it works

Die Erkenntnis meiner Dummheit

Menschen | Vor 125 Jahren wurde der österreichische Schriftsteller Heimito von Doderer geboren

»Mein eigentliches Werk besteht, allen Ernstes, nicht aus Prosa oder Vers: sondern in der Erkenntnis meiner Dummheit«, hatte der österreichische Schriftsteller Heimito von Doderer in seinen autobiografischen Aufzeichnungen notiert. An seinem Leben und Werk scheiden sich noch immer die Geister.Von PETER MOHR

Nicht zwischen den Stühlen

Menschen | Zum 90. Geburtstag des Schriftstellers Georges-Arthur Goldschmidt am 2. Mai »Ich wollte zeigen, was ich der Literatur an Freiheit, Selbständigkeit und an Lebensabenteuern verdanke«, hatte Georges-Arthur Goldschmidt vor zehn Jahren über seinen gerade erschienenen Essayband ›Die Faust im Mund‹ erklärt, in dem er sich intensiv mit Kafka (einem seiner Briefe ist auch der Buchtitel entlehnt), Eichendorff, den Grimmschen Märchen und mit seinem eigenen literarischen Selbstverständnis auseinandersetzt. Ein Porträt von PETER MOHR