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Der Spionageroman lebt

Roman | Michael Idov: Das Riga-Komplott

Auch im lettischen Riga sind amerikanische Spione nicht sicher. Nachdem ein systemkritischer russischer Blogger nach einem Giftanschlag praktisch in seinen Armen gestorben ist, muss CIA-Agent Ari Falk kurz darauf den Tod seiner beiden Mitarbeiter in der lettischen Station der Agency hinnehmen. Er selbst entkommt im letzten Moment einem Killerkommando. Ob und auf welche Weise die Ereignisse in einem der östlichsten Staaten der EU mit dem Suizid des milliardenschweren russisch-amerikanischen Finanziers Paul Obrandt zu tun haben, ist zunächst nicht klar. Doch Maya Chou, die Tochter dieses Mannes, glaubt an keinen Selbstmord. Sie ahnt, dass ihr Vater irgendwem im Wege war und begibt sich auf seine Spuren. In Tanger aber läuft ihr Ari über den Weg und plötzlich ist die Hoffnung wieder da, dass Obrandt doch noch lebt. Von DIETMAR JACOBSEN

Wenn eine weißrussische MIG-29 eine Linienmaschine von Istanbul nach Riga urplötzlich zu einer Zwischenlandung in Minsk zwingt, kann das verschiedene Gründe haben. Für den systemkritischen Blogger Anton Basmanny, der sich in der lettischen Hauptstadt mit einem CIA-Mann treffen will, der ihn angeworben hat, aber steht fest: Er hat das Moskauer Regime mit seinen letzten Aktionen zu sehr gereizt. Jetzt schlagen die Russen zurück und versuchen mit allen Mitteln, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Allein um ihn scheint es gar nicht zu gehen, als eine schwer bewaffnete Spezialeinheit nach der Landung in das Flugzeug eindringt. Stattdessen interessiert man sich nur für ein unscheinbares älteres Paar. Basmanny hingegen wird mit der nächsten Maschine nach Istanbul zurückgeschickt. Als Ari Falk, der Leiter der CIA-Station Riga, ihm dort endlich von Mann zu Mann gegenübersteht, ist allerdings nicht mehr viel von ihm zu erfahren. Denn irgendwo unterwegs kam Basmanny mit einem tödlichen Kontaktgift in Berührung und ihm bleibt nicht mehr viel Lebenszeit.

Tod in Istanbul

Maya Chou traut ihren Augen nicht, als über den Fernsehbildschirm die Nachricht vom Tod ihres Vaters läuft. Der schwerreiche russisch-amerikanische Investment-Manager soll sich bei einem Bootsausflug nahe Tanger ins Meer gestürzt haben. Ein Schreiben von ihm setzt die Hinterbliebenen ins Bild und regelt die Nachfolge in seiner Firma. Doch für die 23-jährige Schauspielerin steht fest: Nie und nimmer ist ihr Vater freiwillig aus dem Leben geschieden. Zumal vom Vermögen des Fonds, den er für wohlhabende Kunden aufgelegt hat, plötzlich nichts mehr da zu sein scheint.

Also macht sie sich auf, um herauszufinden was wirklich mit dem Mann passierte, dessen Leiche man vergeblich gesucht hat, und wohin die Milliarden verschwunden sind, die er seinen Kunden abluchste. Ihr Weg führt zunächst nach Portugal, dann ins marokkanische Tanger. Und spätestens hier muss sie erkennen, wie mordsgefährlich die Mission ist, auf der sie sich befindet.

Eine junge Frau glaubt nicht an Suizid

Michael Idov (Jahrgang 1976) ist Schriftsteller, Regisseur und Drehbuchautor. Der in Lettland geborene Amerikaner wuchs in Riga auf und zog nach seinem Studium nach New York. Das Riga-Komplott ist sein Debüt als Autor von Spionageromanen – inzwischen liegt mit The Cormorant Hunt (2026) ein Sequel zu diesem vielbeachteten und von der Times  zu einem Best Thriller of the Year gekürten Buch vor.

Äußerst raffiniert hat Michael Idov in seinem Roman die Lebenswege zweier Menschen miteinander verknüpft. Maya Chou, an deren Fersen bald ein Killer klebt, und Ari Falk, der genau im richtigen Moment auftaucht, um die junge Frau fürs Erste zu retten, erkennen ziemlich schnell, dass ihrer beider Interessen sie auf dasselbe Ziel zuführen. In Moskau glaubt Maya, endlich in Erfahrung zu bringen, was mit ihrem Vater geschah. Ari aber will Rache für den Tod seiner beiden Mitarbeiter in Riga, der ihn völlig aus der Bahn gerissen hat. Dass hinter dem Verschwinden von Paul Obrandt und der Ermordung von Falks Team ein und derselbe mächtige Geheimdienstmann steht, kristallisiert sich schnell heraus. Doch so einfach ist dem auf seinem eigenen Territorium und angesichts der Fülle von Macht, über die er gebietet, nicht beizukommen.

Showdown in Moskau

Das Riga-Komplott ist ein ebenso unterhaltsamer wie spannender Roman. Mit ihm tritt Michael Idov den Beweis an, dass Spionagegeschichten auch heute (oder vielleicht gerade heute) noch ganz wunderbar funktionieren können. In England verfolgt ein ähnliches Projekt seit geraumer Zeit bereits Mick Herron. Dessen Hauptaugenmerk in seiner Slow-Horses-Buchreihe gilt der Tatsache, dass Geheimdienste in unserer Zeit mehr mit sich selbst und den Fehlern, die sie in ihrer Vergangenheit gemacht haben, beschäftigt zu sein scheinen, als mit ihrer eigentlichen Kernkompetenz, dem klassischen Ausspäh-Geschäft. Auch in Idovs Roman erklären sich die gegenwärtigen Wirrnisse letztlich aus vor Jahrzehnten geschmiedeten, inzwischen aber gescheiterten Plänen. Doch mögen die Vorhaben auch gescheitert sein, das Geld, welches man über die Jahre in sie investierte, ist noch da. Dass in dem gnadenlosen Fight um Macht und Vermögen, in den Ari und Maya geraten, auch der Liebe noch eine wichtige Rolle zukommt, macht Das Riga-Komplott umso lesenswerter.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Michael Idov: Das Riga-Komplott
Aus dem Amerikanischen von Stefan Lux
Berlin: Suhrkamp Verlag 2026
329 Seiten. 17 Euro
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