Film | 79. Locarno Film Festival 05.–15.08.26
Der Internationale Wettbewerb beim wichtigsten Festival des Autorenfilms war bei dieser Ausgabe leider recht schwach besetzt. Die Geschichten, die in den 17 Beiträgen erzählt werden, waren oft zäh und langatmig. Eine positive Ausnahme war die recht erfrischende portugiesisch schweizerische Koproduktion ›O Jacaré‹. Im Gegensatz zu den verschiedenen Wettbewerbskategorien in den verschiedenen Festivalkinos wird auf der Pizza Grande der Publikumspreis vergeben. Dort werden überwiegend Welt- und internationale Premieren gezeigt und auch die Ehrenleoparden vergeben vor der größten Leinwand (364 qm) weltweit. Von FRANK SCHEIDT
Den Goldenen Leoparden für den besten Film vergab die internationale Jury doch recht überraschend an den rumänischen Beitrag ›You Don‘t Belong Here‹. Darin wird die Geschichte des Chefarztes eines Krankenhauses in der rumänischen Provinz und seinem Sohn erzählt. Dieser gehört zu einer rechtsradikalen Gruppe, bei deren nächtlichen Selbstjustizaktionen ein Roma ums Leben kommt. Dabei gerät der Sohn des Chirurgen unter Mordverdacht. Die recht langatmig erzählte Geschichte überzeugt dabei weder darstellerisch noch inhaltlich.
In einem Vorort von Lissabon spielt ›O Jacaré‹ (›Der Kaiman‹), der ebenfalls im Internationalen Wettbewerb lief und die schillernde Geschichte eines Raubüberfalls erzählt, dessen Beute auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Unter den Bewohnern träumt eine skurrile Schar davon, eben diese Beute zu ergattern. Eine recht illustre Nebenrolle spielt dabei auch ein Kaiman, der dem Film den Titel gab. Der Beitrag ging allerdings leider leer aus.
Den Publikumspreis gewann eine sehr eindrucksvolle Produktion aus England und der Schweiz. In ›Frank & Louis‹ geht es um pflegebedürftige Gefängnisinsassen, die durch Mitgefangene gepflegt werden, die sich dafür freiwillig melden können, um eventuell eine Haftverkürzung zu bekommen. Dabei betreut Frank (Kingsley Ben Adir) den an Alzheimer erkrankten Louis (Rob Morgan). Die Schweizer Regisseurin Petra Volpe hat für den Film angeblich 12 Jahre recherchiert über ein Thema, das in der Öffentlichkeit bisher überhaupt keine Beachtung fand. Es bleibt zu hoffen, dass sich das mit diesem Beitrag ändert.
Isabella Rossellini beim
Publikumsgespräch
Isabella Rossellini, die Tochter der Schauspielerin Ingrid Bergman (›Casablanca‹) und des Regisseurs Roberto Rossellini, wurde in diesem Jahr mit einem „Excellence Award ausgezeichnet. Sie ist auch bekannt für ›Blue Velvet‹ mit Dennis Hopper (Regie: David Lynch 1986) sowie ›Konklave‹ (2024) mit Ralph Fiennes.
Monica Belluci erhielt einen
Darstellerpreis für Ketticè
Einen Darstellerpreis erhielt Monica Bellucci für die Rolle einer Mutter in dem italienischen Beitrag ›Ketticè‹ des Internationalen Wettbewerbs. In der Coming-Of-Age-Story geht es um junge Menschen des politisch und kulturell stagnierenden Palermo des Jahres 2012 und zeigt eine Generationenkluft sowie ein Bildungssystem, welches junge Menschen erstickt statt fördert.
Isabelle Huppert mit Ihrem
neuen Film „All About Corinne“
Als Abschlussfilm der diesjährigen Ausgabe wurde auf der Piazza Grande ›All About Corinne‹ gezeigt. Darin spielt Isabelle Huppert eine Statistin, die davon träumt, endlich eine große Rolle zu bekommen. Die Geschichte, die der Film erzählt, hatte allerdings nur wenig Tiefgang und war außerdem ziemlich vorhersehbar.
Seit mehr als 20 Jahren gibt es beim Filmfestival Locarno die nicht wettbewerbsorientierte Sektion »Open Doors«. Dort werden Filme aus unterrepräsentierten Ländern gezeigt. Von 2025 bis 2028 konzentriert sich das Projekt auf 42 Länder des afrikanischen Kontinents. Hier können Filmwerke entdeckt werden, die in der Regel kein europäisches Kino erreichen. In diesem Jahr umfasste die Auswahl 13 Filme. So war aus dem Tschad ›Diya‹ (Blutgeld) zu sehen. Im Tschad werden Auseinandersetzungen nicht nur vor Gericht ausgetragen, sondern es kann auch ein Blutgeld zwischen zwei Familien vereinbart werden, um Anwalts- und Gerichtskosten zu sparen.
Dass es dabei zu folgenreichen Manipulationen als Resultat eines Unfalls kommen kann, zeigt diese eindrucksvolle Produktion. Bei ›Cotton Queen‹ aus dem Sudan wird die Geschichte eines Dorfes erzählt, in dem auf traditionelle Weise Baumwolle produziert wird. Es ist der erste Spielfilm aus diesem Land, der von einer Frau gedreht wurde und vor allem auch die Frauen zum Thema hat. Die Dreharbeiten wurden wegen des Bürgerkriegs nach Ägypten verlegt.
| FRANK SCHEIDT, VERA KRAIL
| Fotos: VERA KRAIL, LOCARNO FILMFESTIVAL
Informationen
Die 80. Ausgabe des Filmfestivals Locarno findet vom 04. Bis 14.08.2027 statt.
| Webseite des Festivals
