Blood and Guts

Film | Im Kino: True Grit

Nichts auf dieser Welt ist umsonst: »You must pay for everything«, weiß die junge Mattie (Hailee Seinfeld), und zahlen wird auch Tom Chaney (Josh Brolin). Er soll nicht, er muss. Daran gibt es für die Vierzehnjährige keinen Zweifel, denn der Hilfsarbeiter hat ihren Vater ermordet. Auge um Auge. So geht es in dem Wild-West-Krimi der Coens zu, den LIDA BACH auf der Berlinale sah.

True GritReuben J. »Rooster« Cogburn hat davon nur eines, und meist blickt es alkoholvernebelt in die Welt. Das andere verdeckt eine schwarze Augenklappe. Mattie zahlt mit Lehrjahren bei dem versoffenen Marshall Rooster Cogburn (Jeff Bridges), den sie anheuert, um Chaney zu finden. Fähiger als Cogburn scheint der Texas Ranger LaBoef (Matt Damon). Monate schon verfolgt er den Mörder Chaney, doch keineswegs aus rein altruistischen Zielen. Rooster zahlt mit einer Lektion in störrischem Gerechtigkeitssinn bei der Jugendlichen, die zäher ist als er geahnt hätte. Und Chaney zahlt. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. True Grit geht ihn bis zum bitteren Ende.

So laufen die Dinge im Wilden Westen. Ein Western ist True Grit, einer DER Western, den Henry Hathaway 1969 mit John Wayne drehte. True Grit ist einer der Filmklassiker, von denen es immer heißt, man dürfe sie nie neu verfilmen. Joel und Ethan Coen taten es trotzdem und schenken der Berlinale einen ihrer besten Eröffnungsfilme. Was die Regisseure in früheren Filmen an Sarkasmus, trockenem Humor und Exzentrik in die Handlung einwebten, fließt vor allem in die Dialoge.

Öfter als mit Kugeln wird mit Worten geschossen. »Du verzuckerst deine Worte nicht«, sagt der indignierte LaBoef, der schnell erkennen muss, dass Mattie sich noch weniger von seinen Reden beeindrucken lässt als Cogburn.

Der Stoff, aus dem die Helden sind

Wie ein Spätwerk fühlt das vollendete Genre-Drama sich an, womöglich, weil sich die Coens erst so spät mit Inbrust der klassischen Filmkunst hingeben. Die Bildkompositionen erinnern in ihrer atmosphärischen Dichte an einen Noir-Krimi, in dem zugefrorener Steppenboden den Asphalt ersetzt. Wer anständig begraben werden will, muss sich zum Sterben die passende Jahreszeit aussuchen. Im Winter ist der Grund noch härter als die obskuren Leichenhändler und Knocheneinrenker, die auf ihm reiten.

Jeder in dieser Welt ist auf ein gutes Geschäft aus, wenn nicht mit den Besitztümern der Toten, dann mit ihren Leichen selbst. »There´s nothing free in this world exept for the grace of God.« Im Herzen bleibt True Grit immer Western. Sonst nichts.

Die Geschichte scheint alt, auch ohne den Gedanken an Hathaways Klassiker. Vielleicht war sie es immer. In der kindlichen Statur Matties wohnt die Seele einer alten Frau; jene, die das Paradigma des Films spricht. Bitterkeit ist den Figuren ins Gesicht gefurcht, doch sie bezeichnet Menschlichkeit, denn wer verbittert, hatte Ideale. Die entdeckt sogar Rooster widerwillig in sich.

In gewisser Hinsicht erreicht Jeff Bridges mehr als Wayne. Wayne war bereits vor True Grit eine Western-Legende. Seine Persona dominiert die des Filmcharakters. Bridges wird von Cogburn beherrscht. Besessen scheint er von dem alkoholsüchtigen Jäger, der als ein Schatten seines einstigen selbst durch die von Staub zerfressenen Städte torkelt.

Der physische Preis, den Mattie für ihre Rache bezahlt, kennzeichnet sie und Cogburn auch äußerlich als seelenverwandt. Beide haben bewiesen, dass sie aus dem gemacht sind, woraus auch der raue Festivalauftakt der Coens besteht: True Grit.

| LIDA BACH

Titelangaben
True Grit (USA 2010)
R: Joel & Ethan Coen
B: Joel & Ethan Coen
K: Roger Deakins
S: Roderick Jaynes
M: Carter Burwell
P: Joel Coen, Ezhan Coen, Scott Rudin, Steven Spielberg
D: Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper
110 Min.

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