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Eine Verteidigung der Einzigartigkeit des schöpferischen menschlichen Geistes

Sachbuch | Rüdiger Safranski: Die vierte Kränkung

Alle bisherigen Kränkungen entsprangen dem menschlichen Gehirn: Unter »Kränkungen der Menschheit« versteht man die Erschütterungen des anthropozentrischen Weltbildes durch vorwiegend auf wissenschaftlicher Basis erarbeitete Erkenntnisse. Drei Kränkungen hat Sigmund Freud im Jahr 1917 in seiner Schrift ›Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse‹ zusammengestellt: Die kopernikanische Wende, die den Menschen aus dem Zentrum des Weltalls nahm, dann die darwinsche Evolutionstheorie, die das menschliche Wesen als aus dem Tierreich stammend (ab)qualifizierte, und schließlich die Psychoanalyse von Freud und seine Theorie vom Unbewussten, das den denkenden Menschen als Resultat von dunklen Triebkräften interpretiert. Die KI ist für Safranski die vierte Kränkung der Menschen, weil sie nun auch noch in kognitiver Hinsicht von Algorithmen übertroffen werden, die wir zudem noch selber programmiert haben. Von DIETER KALTWASSER

Schwarz-weiß-Zeichnung eines menschlichen GehirnsDer Philosoph und Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski hat Biografien über Goethe, Schiller, Schopenhauer, Nietzsche, Heidegger, Kafka und Hölderlin geschrieben. Mit seinen politischen Äußerungen zum Thema Migration erntete er allerdings auch Kritik.

In seinem knapp 112seitigen neuen Buch ›Die vierte Kränkung‹ verteidigt er die Einzigartigkeit des schöpferischen menschlichen Geistes überzeugend. Seine Sorge gilt der Zukunft, in der menschliches Denken im digitalen Rauschen untergehen könnte und sich niemand mehr für irgendetwas verantwortlich fühlt. Schon längst habe die Technik, schreibt Safranski, die Grenzen des Verantwortbaren überschritten, womit er z. B. auch die Entwicklung der Waffentechnik meint. Doch für Safranski hat die Digitalisierung noch eine grundsätzlichere Dimension:
»Das Projekt der Durchdigitalisierung der Gesellschaft bedeutet im Ergebnis: die Brücken hinter sich abzureißen. Die Rückversicherung durch analoge Strukturen wird preisgegeben. Dazu kommt, dass die KI nicht nur den Alltag durchdringt, sondern in die Steuerungszentren der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Prozesse vordringt und auf diese Weise die Zukunft zu bestimmen versucht. Die Technik wird zum Schicksal. Es verschwinden die alten Götter, auftritt der neue Prothesengott.«

Daher sollte sich die Menschheit, so Safranski, »auf den guten alten Humanismus« und »die Einzigartigkeit des schöpferischen menschlichen Geistes« berufen und stark machen. Er weist darauf hin, dass die KI trotz aller Hochleistungen tote Materie bleibt, die nicht denken kann, sondern nur rechnen, dies jedoch mit einer den Menschen weit überbietenden Leistungsfähigkeit.

Eine von Safranskis zentralen Erkenntnissen ist, dass die Künstliche Intelligenz eine monströse Materialisierung der »instrumentellen Vernunft« (Max Horkheimer) sei, die Verwirklichung eines Denkens, welches sich allein als Instrument begreift, um ein bestimmtes Ziel möglichst effizient zu erreichen, ohne etwaige ethische Fragen nach der Sinnhaftigkeit des Ziels zu stellen und ohne sich von Erfahrungen korrigieren zu lassen. Er stellt dem die »reflektierende Vernunft« entgegen, die weiß, dass sie sich irren kann und unvollkommen ist. Safranski schreibt: »Was die lebendige Vernunft von ihrer instrumentellen Verarmung unterscheidet, ist die Bereitschaft, sich über sich selbst aufzuklären: Dann öffnet sie sich für die Erfahrung und behält Fühlung mit dem Wirklichen.«

Er macht in seinem sehr empfehlenswerten Buch sehr deutlich, dass sich die Ideen des Humanismus keineswegs überlebt haben. Auf die Frage, was bis jetzt die dümmste Antwort gewesen sei, die er von einem KI-Chatbot erhalten habe, antwortet Safranski: »Die Dummheit ist nicht das Problem. Eine leblose Maschine kann nicht dumm sein. Dumm wird man nur selbst, wenn man vergisst, dass man es mit dem toten Geist aus der Maschine zu tun hat.« Dem bleibt wenig hinzuzufügen. Unbedingt lesen!

| DIETER KALTWASSER

Titelangaben
Rüdiger Safranski: Die vierte Kränkung
Menschlicher Geist im Schatten Künstlicher Intelligenz
München: Carl Hanser Verlag 2026
112 Seiten, 22 Euro
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