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Hohe Kunst

TITEL-Textfeld |Wolf Senff: Hohe Kunst

Die Schäden, sagte Wette, seien irreparabel.

Farb nickte. Wir hängen der Illusion an, es gäbe geschultes Personal und gar eine Werkstatt, die Brüche auszubessern.

Er lachte und tat sich von der Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Sahne.

Oder der Mensch, fügte Farb hinzu, könne vorbeugen, vorsorglich einen Doktor konsultieren, damit die Schäden gar nicht erst aufträten, nein, sagte er, der Doktor sei da wenig hilfreich, die Dinge lägen gründlich anders, erinnern wir uns an die Flutkatastrophe im Ahrtal.

Vor fünf Jahren, sagte Wette.

Dort wappne man sich, spottete Farb, für das nächste Hochwasser und betreibe den Wiederaufbau, die Menschen kämpften, heiße es, bis heute mit den Folgen.

Wette lachte. Unermüdlich.

Von Folgen zu reden sei ein großer Irrtum, der Mensch lüge sich in die Tasche, er müsse seine Worte abwägen, denn anders, die Katastrophe halte unvermindert an, sie lasse allenfalls eine Pause eintreten, befristet, ein Wimpernschlag, und schöpfe nur kurz Atem, ihre Muskeln zu stärken, und werde, keine Frage, ungebrochen weiterwirken.

Der Irrtum sei längst in seiner Sprache manifest, ohne daß er es noch merken würde, vor den Waldbränden in Frankreich seien zwölftausend Menschen in Sicherheit gebracht worden, ja, genau so: in Sicherheit – doch könne von Sicherheit kaum die Rede sein, der Mensch sei außerstande, das Geschehen in Worte zu fassen.

Farb aß von der Pflaumenschnitte.

Tilman griff zu einem Marmorkeks.

Wette schenkte Tee nach, Yin Zhen, sie tranken aus dem Drachenservice, eigentlich tranken sie immer aus diesem Service, das Tilman von Beijing mitgebracht hatte, rostrot, wo er auf der Großen Mauer einen Halbmarathon gelaufen war, nein, nicht über die gesamte Distanz, denn die Große Mauer war zu schmal, als daß man mehr als einen Läufer zur Zeit hätte überholen können.

Ein weiterer Irrtum sei zu meinen, eine jede Katastrophe sei begrenzt, sagte Wette, nein, als ob sie sich verabredet hätten, stünden sie in erschreckendem Zusammenhang, es würden sich im Grunde keine einzelnen Katastrophen abspielen, sondern sie unterlägen einer Ordnung, einer vollkommenen harmonischen Dramaturgie, und zwar sowohl synchron als auch diachron, der Mensch müsse lernen, in anderen Kategorien zu denken, die Katastrophe sei ein überwältigendes planetarisches Kunstwerk, das es zu verstehen gelte, nicht digital zu vermessen, sondern zu verstehen, und nicht der Mensch setze die Regeln, nein, keineswegs, sondern er müsse sich fügen, seinen Platz darin finden.

Welch maßloser Unsinn, Farb stöhnte, wie solle der Mensch einen Platz finden inmitten der Klimakatastrophe und wie einen Pfad hinaus, zumal er das Unheil selbst heraufbeschworen habe.

Das Gespräch stockte.

Regentropfen schlugen gegen die Scheiben.

Tilman rückte näher zum Sofa und nahm eine schmerzfreie Sitzposition ein.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Wette griff aus Langeweile nach einem Marmorkeks.

Damit nicht genug, sagte Farb, und man könne ja nicht so tun, als bewege sich der Mensch unbeschadet inmitten all dieser schrecklichen Verfallserscheinungen, nein, beileibe nicht, er sei längst selbst gezeichnet, unübersehbar gezeichnet.

Das habe begonnen, als die Pocken durch die Kolonisatoren Amerikas – ersten Fahnenträgern des Maschinenwesens – dort eingeschleppt worden seien, sagte Tilman, und wo der Mensch heutzutage etwa von neu entdeckten unbekannten Krankheiten rede, lüge er sich in die Tasche, und er täusche sich über die realen Ursachen, eine industrialisierte Landwirtschaft, die die fruchtbaren Böden hochgradig aggressiv mittels Pestiziden radikal ausbeute, auch das massive Auftreten von Krebserkrankungen, von Diabetes, von Asthma sei Folge der Industriegesellschaft, klein gedruckt erfahren wir von einer fortschreitenden Hirnerkrankung CIT, und über die Ursachen von Covid mögen wir besser nicht nachdenken.

Und all das, spottete Farb, der immer organische Teil einer einzigen umfassenden Katastrophe.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Genug, sagte Wette, er habe keine Lust mehr auf das Thema, null, die Tage seien verregnet, die Stimmung sei trübe, und es setze sich ja ungebremst fort bis in die Köpfe, sagte er, burn out und Depression seien seelische Folgen, die Zeiten seien außer Rand und Band.

| WOLF SENFF

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