Was für ein Sommer! Was für eine Hitze! Wenn man sich jetzt irgendwo hinträumen könnte, dann bitte genau hierher: vorbei an der Wassereiskuppe, direkt auf den Vanillegipfel, vorbei am Mont Banan und hinein in die Baiseralpen. Kurz: Willkommen in dem Land, wo die Eiscreme wächst, freut sich ANDREA WANNER. Eine Reisewarnung in der Bar
Die Expedition beginnt standesgemäß im Zeppelin. Drei Freunde machen sich auf den Weg, angelockt durch einen bizarren Zwischenfall: Ein Barbesucher lehnt das angebotene Dessert entsetzt ab. »Nie wieder will ich Eiscreme auch nur sehen!«, ruft er. Ein Satz, der die Neugier der Freunde triggert. Sie sprechen den traumatisierten Genießer an und erfahren vom ultimativen Eis-Schlaraffenland. Was sie dort erwartet, sprengt jede kulinarische Vorstellungskraft.
Kulinarischer Größenwahn
Die Kulisse ist gigantisch, fast schon psychedelisch: Eiswaffeln ragen auf wie Wolkenkratzer, der Boden besteht aus purem Vanilleeis mit einem Hauch von Heidelbeere, und der Wald lockt mit Stieleis in allen erdenklichen Farben. Gekrönt wird das Ganze von einem Vulkan, der frische Schlagsahne speit, und einem Meer aus warmer Schokosoße. So schmeckt das Paradies! Oder etwa nicht?
Dystopie trifft Zuckerschock
Hinter diesem zuckersüßen Fiebertraum steckt ein absolut faszinierendes Duo: Der italienische Maler Fulvio Testa lieferte die skurrilen Bilder, kein Geringerer als Anthony Burgess den Text. Ja, genau der Burgess, den Erwachsene für seinen dystopischen Kultroman ›A Clockwork Orange‹ fürchten. 1975 lernten sich die beiden in Italien kennen. Burgess war sofort fasziniert von Testas Kunst und fand sie perfekt für die Geschichten, die er ursprünglich für seinen Sohn Paolo Andrea erfundene hatte. Nach ›A Long Trip to Teatime‹ und ›A Christmas Recipe‹ folgte 1979 dieses gefrorene Meisterwerk. Ein großes Kompliment geht dabei auch an den Übersetzer Ludger Tolksdorf, der dafür sorgt, dass der sprachliche Witz an keiner Stelle auf der Strecke bleibt.
Süßer Genuss mit leisem Gruselfaktor
Doch wer Burgess kennt, ahnt: Der Spaß ist nicht ohne Grusel zu haben. Testa sorgt visuell dafür, dass die Idylle Risse bekommt. Da sind riesige Spuren, die in eine düstere Schneehöhle führen. Die drei Freunde wirken winzig vor dem brodelnden Sahnevulkan. Und als sie schließlich gigantischen Eisriesen mit Kirschen auf dem Kopf begegnen, die finstere Pläne schmieden, heißt es nur noch: Nichts wie weg hier!
Am Ende rettet eine augenzwinkernde Schlusspointe das genial-verrückte Abenteuer. Ein Buch, das in all den Jahren nichts von seinem skurrilen Charme verloren hat – perfekt für heiße Sommertage und fantasiehungrige Köpfe.
Titelangaben
Das Land wo die Eiscreme wächst
Idee und Illustrationen von Fulvio Testa
Erzählt von Anthony Burgess
(The Land Where the Ice Cream Grows, 1979) Deutsch von Ludger Tolksdorf
Coesfeld: Elsinor 2026
32 Seiten, 18,90 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren

