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Eine afghanische Affäre

Roman | M. W. Craven: Die Witwe

Wenn der britische Inlandsgeheimdienst MI 5 an die Tür klopft, muss es wichtig sein. Aber ein mit einem Baseballschläger totgeprügelter Mann auf einem Bordellbett? Trotzdem werden Washington Poe und die genial-verschrobene Analytikerin Tilly Bradshaw mitten aus einem Gerichtsprozess um Poes Anwesen in einem geschützten Nationalpark, den der Ermittler gerade zu gewinnen im Begriff ist, herausgeholt. Und als sie allmählich begreifen, wer sich da um ihre Mitarbeit bemüht und warum, sind sie auch schon mittendrin in einem Fall, der immer geheimnisvollere Dimensionen annimmt. Von DIETMAR JACOBSEN

Ein langer Säulengang mit einer verschlossenen Tür am EndeIm ersten Kapitel von M. W. Cravens Roman Die Witwe, dem vierten Band aus der von Kritik und Publikum hochgelobten und mit etlichen Preisen ausgezeichneten Reihe um das wunderbar erfundene Ermittlerduo Washington Poe/ Tilly Bradshaw, darf man fünf Männern, die die Masken von Bond-Darstellern tragen, bei einem Bankraub über die Schultern sehen. Wobei »Raub« in diesem Fall das falsche Wort ist. Denn aus dem offenen Tresor fehlt nichts. Stattdessen lassen die fünf Bonds die Keramikfigur einer Ratte am Tatort zurück. Und einen Toten – nämlich denjenigen, der die Maske von Timothy Dalton trägt. Doch der soll, wie einer von den übrigen vier behauptet, als »Bond sowieso scheiße« gewesen sein.

Washington Poe und die Bonds

Dass der skurrile Auftritt der fünf durchaus etwas mit dem Fall zu tun hat, zu dem zwei verschwiegene Herren das Ermittlerduo Washington Poe/ Tilly Bradshaw am Beginn ihres vierten gemeinsamen Abenteuers abholen, wird schnell klar. Denn auf dem Kaminsims des Bordellzimmers, in dem man eine übel zugerichtete Männerleiche fand, hat bis vor Kurzem ebenfalls eine Keramikratte gestanden. Der Grund, weshalb sie jemand entfernte, bevor Cravens Ermittler den Tatort betraten, hat viel mit den Umständen zu tun, unter denen Poe und Bradshaw diesmal zu arbeiten haben. Denn von ihrer Dienststelle ausgeliehen, der SCAS (Serious Crime Analysis Section), deren Experten bei der Aufklärung von scheinbar grundlosen Morden und Taten von Serienkillern von den örtlichen Polizeiorganen im gesamten Königreich angefordert werden können, hat sie diesmal der englische Inlandsgeheimdienst MI 5. Und der behält sich gern vor, mit welchem Hintergrundwissen er Ermittler, die nicht zu den eigenen Leuten gehören, ausstattet und was er aus scheinbar triftigen Gründen lieber verschweigt.

Nun wissen die Leserinnen und Leser Cravens natürlich längst, dass man ein solches Versteckspiel weder mit Washington Poe, der nie das macht, was von ihm verlangt wird, sondern immer eigene Wege geht, noch mit der Computerspezialistin Tilly Bradshaw, die noch jede Firewall innerhalb von Minuten zu überwinden in der Lage ist, machen kann. Was im aktuellen Fall bedeutet: Die beiden müssen nicht nur einen Mörder und sein Motiv finden, sondern auch all das ins Licht ihrer Ermittlungen zerren, was die Geheimdienstleute ihnen verschweigen. Und die Zeit drängt, denn der ermordete Hubschrauberpilot Christopher Bierman war angeheuert worden, um gemeinsam mit einem Geschäftsfreund prominente Gäste eines in Kürze auf einem nahen Landgut stattfindenden Wirtschaftsgipfels sowohl bei ihrer An- wie auch bei ihrer Abreise zu befördern. Und würde die Vermutung zutreffen, dass der Tod des Helikopterpiloten ein Signal für einen bevorstehenden Anschlag auf den Gipfel sein sollte, wäre natürlich Eile geboten.

Ein Wirtschaftsgipfel in Cumbria

Nicht nur Mi 5-Beamte sehen Poe und Bradshaw genauestens auf die Finnger, sondern auch die Craven-Leserinnen und -Lesern bereits aus dem Band Der Kurator bekannte FBI-Agentin Melody Lee gibt sich erneut die Ehre. Denn zum einen hat die Logistikfirma des getöteten Helikopterpiloten ihren Sitz in Lees Heimat, den Vereinigten Staaten. Und schließlich vertrauen die US-amerikanischen Teilnehmer an der Wirtschaftskonferenz natürlich vor allem ihren eigenen Sicherheitsexperten, sollte es tatsächlich um ihr Leben gehen.

Als sich allerdings herausstellt, dass es sich bei dem ermordeten Bierman um den kurz vor seiner Exekutierung durch die Taliban aus der Gefangenschaft befreiten Captain Jack Duncan handelt, einen Helden des britischen Afghanistan-Einsatzes, dessen Geschichte einst durch alle Medien ging, öffnen sich für Poe und Bradshaw völlig neue Ermittlungshorizonte. Denn plötzlich sieht es so aus, als würde sich hinter der Erkundungsmission einer kleinen Einheit englischer Soldaten am Hindukusch, die mit dem Tod aller daran Beteiligten endete, die wahre Ursache für die Verbrechen in der Gegenwart verbergen. Denn nicht umsonst versucht der britische Geheimdienst mit allen Mitteln und Kniffen, über die er verfügt, Poe und Bradshaw davon abzuhalten, das Geheimnis hinter jenem ominösen Einsatzes britischer Soldaten in einer Gegend zu lüften, in der sie nichts zu suchen hatten.

Eine ominöse Erkundungsmission

Mit dem Roman Die Witwe hat der Münchener Droemer Verlag endlich eine große Lücke geschlossen. Als man vor drei Jahren nämlich mit dem Band Der Botaniker begann, einen der aufregendsten britischen Spannungsautoren der Gegenwart auch für das hiesige Lesepublikum zu entdecken, hatte man sich ausgerechnet für den fünften Band einer Reihe entschieden, deren einzelne Teile zwar einen je abgeschlossenen Fall präsentieren, die man aber trotzdem besser und vor allem wegen der Genese des freundschaftlichen Verhältnisses der beiden zentralen Figuren Washington Poe und Tilly Bradshaw in der originalen Reihenfolge lesen sollte. Das ist nun endlich möglich, denn inzwischen liegen mit Der Zögling (2024), Der Gourmet (2025) und Der Kurator (2025) auch die Bände 1 bis 3 der Reihe auf Deutsch vor, Band 6 mit dem Titel Der Prediger verspricht der deutsche Verlag Cravens übrigens noch für das laufende Jahr.

Wer M. W. Craven (Jahrgang 1968) also noch nicht kennt, sollte sich deshalb das Vergnügen nicht nehmen lassen, einem Ermittlerpaar, wie man ihm seit Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander aus Stieg Larssons legendärer Millennium-Trilogie (postum zwischen 2005 und 2007 erschienen) nicht wieder begegnet ist, von Anfang an zu folgen. Auch wenn das bedeuten sollte, mit Die Witwe das aktuelle Highlights der Serie erst einmal kurz beiseite legen zu müssen.

Ein großes Lesevergnügen

Aber keine Angst! Sie werden schneller darauf zurückkommen, als sie denken. Wer freilich bereits up to date ist, dem wird auch mit Die Witwe ein großes Lesevergnügen zuteil. Denn Craven weiß zu fesseln wie kaum ein anderer. Und seine Übersetzerin Marie-Luise Bezzenberger schafft es auch diesmal wieder mühelos, dem neuen Abenteuer von Washington Poe und Mathilda (Tilly) Bradshaw im Deutschen einen gehörigen sprachlichen Drive zu geben.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
M. W. Craven: Die Witwe
Aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger
München: Droemer 2026
508 Seiten. 16,99 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
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