/

Nichts vergessen

Roman | Svenja Leiber: Nelka

»Alles daran sehe ich noch heute vor mir. Nichts habe ich vergessen«, heißt es auf der ersten Seite des sechsten Romans der 50-jährigen in Hamburg geborenen Schriftstellerin Svenja Leiber. Auf zwei Zeitebenen hat die Autorin ihr erzählerisches Erinnerungswerk angelegt – in der Zeit des Zweiten Weltkriegs ab 1941 und fünfzig Jahre später, als sich die beiden Hauptfiguren wieder begegnen. Von PETER MOHR

Ein aufgeschnittener ApfelNelka war als 16-jähriges Mädchen von den Nazis aus Lwów (das heutige Lwiw in der Ukraine) zur Zwangsarbeit nach Norddeutschland verschleppt worden. »Ich möchte eigentlich generell an diese Frauen erinnern, weil sie meiner Meinung nach die ganze Landschaft mit ihrer Arbeit mitgestaltet haben«, hatte Svenja Leiber, die selbst auf dem Land in Schleswig-Holstein aufgewachsen ist, ihr Schreibmotiv erklärt.

Marten, der Verwalter des großen Bauernhofs, dem Nelka zugeteilt wurde, ist überrascht, wie gut sich die Fremde mit Obst auskennt. Ihr Vater galt in der Heimat als Koryphäe in der Apfelforschung. Marten sollte später durch diese Kenntnisse zu respektablem Reichtum gelangen. Er lässt Nelka aus einem notdürftigen Verschlag ins Verwalterhaus übersiedeln. Nicht wirklich ein Privileg, denn der verheiratete Marten nutzt das Abhängigkeitsverhältnis schamlos aus, und es kommt regelmäßig zu sexuellen Übergriffen.

Als alte Frau kehrt sie nach Jahrzehnten auf den Bauernhof in Schleswig-Holstein zurück und steht ihrem einstigen Peiniger vis-a-vis. »Der Anblick seines Gesichtes trifft sie härter, als sie erwartet hatte. Dabei ist dieses Gesicht verfallen, fünf Jahrzehnte sind darüber gegangen.«

Dazwischen gibt es nicht minder emotionale Episoden um Nelkas jüdische Herkunft, den Tod ihres Vaters und die Schwangerschaft durch die erlittene Vergewaltigung. Marten wird mit seinen Taten konfrontiert, mit der täglichen Gewalt und dem schamlosen Ausnutzen des Abhängigkeitsverhältnisses.

Svenja Leibers Sprache ist klar und kompromisslos. Sie erzählt zwar distanziert, aber dennoch mit einer herzlichen Wärme. Das liest sich stark moralisierend, nach klar abgegrenzten Täter-Opfer-Rollen. Vorzüglich hat sie die »vergiftete« Atmosphäre, die nicht viel Worte benötigte, beim Wiedersehen eingefangen. Kurze Blicke und das Ambiente von einst reichten, und es entsteht eine Atmosphäre von beinahe körperlich spürbarer Kälte. Keine großen Gesten, sondern stilles Verharren im Esszimmer ihres einstigen Peinigers versetzen Marten in innere Aufruhr.

Svenja Leiber beschreibt eindrucksvoll wie die Deutschen die Gefangenen beinahe selbstverständlich wie Sklaven behandelten. Sie begleitet Nelka auf ihrem Weg nach Schleswig-Holstein und später zurück in die heutige Ukraine. Das Leben und Leiden der Protagonistin taugt als Paradigma für das unendliche menschliche Leid, für Unterdrückung und Ausbeutung durch das Nazi-Regime. Für Autorin Svenja Leiber (so steht es zu vermuten) war es offensichtlich ein schmerzhafter Schreibprozess. Im Nachwort heißt es: »Im Garten meines Elternhauses steht ein Apfelbaum. Er ist achtzig Jahre alt und der letzte seiner Art. Über die Herkunft des Baumes wusste ich lange nichts.« Nelka ist ein eindrucksvolles Erinnerungswerk, ein schonungslos offener Roman, dem man vor allem viele junge Leser wünscht. Ein Buch gegen das kollektive Verdrängen und Vergessen.

| PETER MOHR

Titelangaben
Svenja Leiber: Nelka
Berlin: Suhrkamp Verlag 2026
206 Seiten. 24 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein Stachel für alle Fälle

Weitere Artikel der Kategorie »Neu«

Hohe Kunst

TITEL-Textfeld |Wolf Senff: Hohe Kunst

Die Schäden, sagte Wette, seien irreparabel.

Farb nickte. Wir hängen der Illusion an, es gäbe geschultes Personal und gar eine Werkstatt, die Brüche auszubessern.

Er lachte und tat sich von der Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Sahne.

Oder der Mensch, fügte Farb hinzu, könne vorbeugen, vorsorglich einen Doktor konsultieren, damit die Schäden gar nicht erst aufträten, nein, sagte er, der Doktor sei da wenig hilfreich, die Dinge lägen gründlich anders, erinnern wir uns an die Flutkatastrophe im Ahrtal.

Vor fünf Jahren, sagte Wette.

Eine afghanische Affäre

Roman | M. W. Craven: Die Witwe

Wenn der britische Inlandsgeheimdienst MI 5 an die Tür klopft, muss es wichtig sein. Aber ein mit einem Baseballschläger totgeprügelter Mann auf einem Bordellbett? Trotzdem werden Washington Poe und die genial-verschrobene Analytikerin Tilly Bradshaw mitten aus einem Gerichtsprozess um Poes Anwesen in einem geschützten Nationalpark, den der Ermittler gerade zu gewinnen im Begriff ist, herausgeholt. Und als sie allmählich begreifen, wer sich da um ihre Mitarbeit bemüht und warum, sind sie auch schon mittendrin in einem Fall, der immer geheimnisvollere Dimensionen annimmt. Von DIETMAR JACOBSEN

Abenteuer im Eis-Schlaraffenland

Kinderbuch | Das Land wo die Eiscreme wächst

Was für ein Sommer! Was für eine Hitze! Wenn man sich jetzt irgendwo hinträumen könnte, dann bitte genau hierher: vorbei an der Wassereiskuppe, direkt auf den Vanillegipfel, vorbei am Mont Banan und hinein in die Baiseralpen. Kurz: Willkommen in dem Land, wo die Eiscreme wächst, freut sich ANDREA WANNER. Eine Reisewarnung in der Bar

»Ahoi und Willkommen an Bord!«

Sachbuch | Erlebnis Flusskreuzfahrt

So lädt der umfangreiche und großformatige Bildband ein. Wer weiß, vielleicht ja schon Anregung und Anreiz für eine Planung für das Frühjahr 2027, findet BARBARA WEGMANN

Eine Verteidigung der Einzigartigkeit des schöpferischen menschlichen Geistes

Sachbuch | Rüdiger Safranski: Die vierte Kränkung

Alle bisherigen Kränkungen entsprangen dem menschlichen Gehirn: Unter »Kränkungen der Menschheit« versteht man die Erschütterungen des anthropozentrischen Weltbildes durch vorwiegend auf wissenschaftlicher Basis erarbeitete Erkenntnisse. Drei Kränkungen hat Sigmund Freud im Jahr 1917 in seiner Schrift ›Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse‹ zusammengestellt: Die kopernikanische Wende, die den Menschen aus dem Zentrum des Weltalls nahm, dann die darwinsche Evolutionstheorie, die das menschliche Wesen als aus dem Tierreich stammend (ab)qualifizierte, und schließlich die Psychoanalyse von Freud und seine Theorie vom Unbewussten, das den denkenden Menschen als Resultat von dunklen Triebkräften interpretiert. Die KI ist für Safranski die vierte Kränkung der Menschen, weil sie nun auch noch in kognitiver Hinsicht von Algorithmen übertroffen werden, die wir zudem noch selber programmiert haben. Von DIETER KALTWASSER