Pieks hat eigentlich vor nichts Angst. Schließlich ist sie ein Igelmädchen und nimmt es dank ihrer wehrhaften Rüstung problemlos mit Elefanten oder Löwen auf. Doch dann wendet sich das Blatt radikal. ANDREA WANNER freute sich an einer Heldin, die ihren Mut völlig neu erfinden muss.
Vom Panzerschutz zur nackten Angst
Es ist die folgenschwere Begegnung mit einem Auto, die Pieks fast alle Stacheln kostet – bis auf einen einzigen. Man muss wohl von Glück im Unglück sprechen, denn normalerweise überleben Igel so einen Zusammenstoß gar nicht. Doch mit den Stacheln schwindet auch das Selbstvertrauen: Schutzlos ohne ihre Geheimwaffe fühlt sich Pieks plötzlich verletzlich und versteckt sich vor der Welt. Die gut gemeinten Ratschläge der anderen Tiere erweisen sich als Sackgasse. Davonfliegen wie die Vögel? Ein Haus mitnehmen wie die Schnecke? Unpraktisch. Auch ein Kaktus als stacheliger Ersatz-Bodyguard taugt nichts – ihn mitzuschleppen ist reine Kraftverschwendung.
Genau diese Last wird Pieks zum Verhängnis: Bei einer Verschnaufpause schnappt sie der Fuchs. Plötzlich sitzt die kleine Igelin im Kochtopf, mitten im festlich gedeckten Fuchsbau. Die Rettung scheint unmöglich. Bis Pieks die rettende Idee kommt.
Ein Vermächtnis voller Witz und Tiefgang
Helme Heine verstarb im Herbst 2025. Dieses nun erschienene Buch konnte er noch selbst vollenden. Man spürt auf jeder Seite den feinen Witz, der all seine Bilderbücher auszeichnet. Doch diese Geschichte über einen Mut, der erst aus Verlust und maximaler Verletzlichkeit erwächst, ist etwas ganz Besonderes. Pieks ist eine großartige Heldin im Krisenmodus. Sie, die früher jede Situation im Handumdrehen meisterte, ist plötzlich völlig nackt. Völlig? Nicht ganz. Ein einzelner Stachel ist ihr geblieben. Wie ein spitzes Horn ragt er unübersehbar mitten auf ihrem Kopf.
Für einen Igel, der normalerweise zwischen 5.000 und 9.000 Stacheln trägt, ist das natürlich fast nichts. Aber eben nicht nichts. Es ist bezeichnend für Heines feine Psychologie, dass Pieks diesen letzten Stachel und ihren größten Mut nicht zur eigenen Verteidigung einsetzt, sondern in dem Moment, als sie jemand anderen retten muss.
Minimalismus mit maximaler Wirkung
Grimmig und forsch kämpft die kleine Igelin zu Beginn, einen Stachel wie einen Degen in der Hand, gegen einen riesigen Löwen. Bedröppelt und sichtlich geschrumpft schleicht sie stachellos durch den Mittelteil, nur um am Ende aufrecht, stolz und mit einem einzigen Einhorn-Stachel zur echten Heldin zu reifen.
Helme Heine gibt seinen Figuren gewohnt viel Raum. Er verzichtet fast vollständig auf ablenkende Kulissen und lässt vor unseren Augen allein durch die Dynamik der Charaktere eine ganze Welt entstehen. »Pieks« ist ein wunderbares, optimistisches Vermächtnis. Es reiht sich nahtlos ein in die Riege seiner unvergesslichen Klassiker – von den Mullewapp-»Freunden« bis hin zum kleinen grünen Drachen Tabaluga. Ein Buch, das bleibt.
Titelangaben
Helme Heine: Pieks
Zürich: Diogenes 2026
36 Seiten. 20 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
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