Getrieben von Ängsten und Sorgen

Sachbuch | Starken, Sally Lisa: Zu Besuch am rechten Rand

Sally Lisa Starken formuliert mit ihrem Reportagebuch ›Zu Besuch am rechten Rand. Warum Menschen AfD wählen‹ den Anspruch, einen ungeschönten Blick ins Hier und Jetzt des rechten Randes zu bieten. Ob ihr das gelingt, untersucht BASTIAN BUCHTALECK

Pessimismus als Triebfeder

Eine blonde Frau im schwarzen Pullover, die uns ansiehtZu Beginn beschreibt Starken einen mutmaßlichen Hauptantrieb vieler Wähler der AfD: »Mir scheint, viele Menschen sehen sich subjektiv ungerecht behandelt und befürchten den sozialen Abstieg.« (Seite 29) Genau dies haben Untersuchungen herausgefunden, die Starken anführt. Bei vielen Menschen ist es nicht so, dass sie tatsächlich absteigen (viele sehen sich sogar individuell gut aufgestellt), sondern ihnen bereitet die gefühlte Möglichkeit eines Abstiegs Angst. Starken erlebt ein gutes Stück weit genau das, was die Wissenschaft zuvor schon herausgefunden hatte.

So können die Arbeitslosigkeit und die Kriminalitätsraten faktisch gesunken sein in den letzten 20 Jahren. Gefühlt wächst die Angst davor trotzdem an. Im Buch klingt das so: Im Allgemeinen würden AfD-Wähler pessimistischer in ihre Zukunft blicken und ihre wirtschaftliche Lage negativer einschätzen als der Rest der Menschen in Deutschland. Zudem wird, wer sich abgehängt und bedroht fühle, empfänglicher für einfache, emotionale Antworten. Sachliche Fakten werden weniger wichtig.

Angst vor Fakten

Die AfD versteht es mit ihren Erzählungen, die Menschen dort abzuholen, wo sie sich gefühlt befinden. Ist es in Deutschland unsicherer geworden – Nein! Fühlen sich die Menschen unsicherer – Ja! Spiegelt der viele Hass in den Sozialen Medien die Stimmung in der Gesellschaft korrekt? Nein! Sind viele Nutzer trotzdem wütend und lassen sich vom Hass anstecken? Ja!

Die Menschen wollen das Gefühl haben, sie seien sicher, ihre Zukunft sei sicher. Es ist eine erklärliche Reaktion auf die gefühlte Angst vor sozialem Abstieg. In der Angst liegt die Stärke der AfD.

Warum Rechtspopulismus so gut verfängt

Das Wesen des Rechtspopulismus ist, mit einer klaren Unterscheidung zwischen Freund und Feind, ein Gefühl von Halt und Sicherheit zu vermitteln. Du hast Angst vor Asylanten, Homosexuellen, selbstbewussten Frauen? Außerdem vor geschlechtergerechter Sprache, dem Tempolimit und vor Menschen, die auf Fleisch verzichten. Der Rechtspopulist verspricht, dass du weniger Angst haben wirst, ob das nun realistisch ist oder nicht.

Um Rechtspopulismus gesellschaftsfähiger zu machen, werden die Grenzen nach rechts zunehmend verwischt. Rechts sei konservativ, traditionsbewusst, familienorientiert. Tatsächlich ist es jedoch anders. Starken zitiert hierfür den Soziologen Albert Memmi. Dieser definiert Rassismus als die Abwertung anderer, um zu eigenen Vorteilen zu gelangen und Aggressionen zu rechtfertigen.

Ziemlich genau dies tut die AfD: »links-grün-versifft«, »Gender-Gaga«, »Altparteien« und »Lügenpresse« sind allesamt aggressive Abwertungen mit dem Ziel das Gegenüber verächtlich zu machen. Das ist nicht konservativ, traditionsbewusst, familienorientiert. Das ist schlicht rechts im Sinne von abwertenden Unterscheidungen. Dort, wo Menschen Angst um ihre Identität haben, ist ein Einfallstor für Rechtspopulismus. Ich werte andere ab, um mich selbst aufzuwerten.

Heitmeiyer: Die Anfänge liegen schon rund 40 Jahre zurück

Dabei liegen, zumindest laut dem deutschen Soziologen Wilhelm Heitmeyer, den Starken ebenfalls für ihr Buch befragt hat, die Wurzeln der AfD schon rund 40 Jahre zurück, also in einer Zeit, in der an diese Partei noch nicht gedacht werden musste. Nach Heitmeyer setzte ab den 1980er Jahren eine soziale Ungleichheit ein, die durch die neoliberale Wirtschaftspolitik ausgelöst wurde.

Deregulierte Märkte haben den gesellschaftlichen Zusammenhalt zersetzt. Bahn, Gesundheitssystem und Wohnen funktionierten damals leidlich, sie wurden dennoch unter dem Label »Ineffizienz« privatisiert und anschließend waren sie zwar »effizient«, doch leider zunehmend kaputt. »Solche Prozesse beschreiben den Verlust von Zusammenhalt und sozialer Integration innerhalb einer Gesellschaft« (Seite 84). Die Stabilität ging verloren und die Menschen fühlten sich angesichts der neoliberal geprägten Märkte hilflos.

Dies hatte lange Jahre Zeit zu gären, zumal die Substanz nur langsam aufgebraucht wurde. Dann war es soweit, dass der Nährboden da war für eine Partei, die Sicherheit verspricht; auch unabhängig von der Wahrscheinlichkeit, dieses Versprechen einhalten zu können.

Auch hier sind Fakten nicht so wichtig. Es ist nicht wichtig, welchen Beitrag Windkraft zum deutschen Energiemix leistet. Es ist nicht wichtig, ob neue Atomkraftwerke den Strom günstiger machen. Es ist unwichtig, ob es weniger Arbeitslosigkeit gibt und die Kriminalitätsrate gesunken ist. Wichtig ist das Gefühl. Wichtig ist die Behauptung, wenn wir erst die Führung haben, wird es dir besser gehen.

Der Weg raus aus Angst, Wut und Untätigkeit

Schließlich gibt die deutsch-iranische Politikwissenschaftlerin und Journalistin Gilda Sahebi den entscheidenden Hinweis, wie man sich aus der gruseligen Umarmung der AfD lösen kann: »Menschen helfen sich gegenseitig, fühlen sich verbunden.« Das müsse die Geschichte sein. »Man solle nicht ständig an den Schatten der Gesellschaft appellieren, an die Angst und die Wut, sondern an das Bedürfnis der Verbundenheit, an das Bedürfnis einander zu helfen.« (Seite 206)

Im Prinzip ist dies auch die Erzählung der AfD, bloß dass in dieser Erzählung immer andere Schuld an den eigenen Ängsten haben. Die Verbundenheit funktioniert nur nach innen.

Laut der Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach, die ebenfalls zu Wort kommt, müssten die etablierten Parteien einen eigenen Zukunftsentwurf anbieten, ohne dabei ständig auf die AfD zu schielen. Eine Vision zu erzählen, die ehrlich die Probleme der Zeit anspricht. Tatsächlich fehlt eine solche mutige und lösungsorientierte Politik.

Fazit

Das Buch umfasst 225 Seiten. Leider kommen Gespräche mit AfD-Wählern deutlich zu kurz. Echte Stimmen sind viel zu selten zu hören. Gefüllt wird das Buch weitgehend mit Aussagen von Expertinnen und Experten. Der Buchtitel ist insofern ein Etikettenschwindel, das Buch an sich ist dennoch wichtig.

Für Starken ist nach ihren Recherchen klar. Das Narrativ, die Wähler der AfD seien hauptsächlich Protestwähler, sei zu kurz gesprungen. Die gesellschaftliche Dynamik (Unsicherheit durch neoliberale Wirtschaft und durch Soziale Medien) führte zu individuellen Identitätsfragen (»werde ich sozial absteigen«), die als Reaktion zu rechten Überzeugungen gefrieren (Bedürfnis nach Autorität, Abwehr von Fremden, Selbstaufwertung über Abwertung Anderer). So kommt es, dass viele Menschen die AfD wählen, obwohl die Positionen der AfD diesen Menschen inhaltlich nichts zu bieten haben.

Am Ende des Buchs ›Zu Besuch am rechten Rand. Warum Menschen AfD wählen‹ beantwortet die Autorin die Frage so: »Die Antworten, die ich darauf gefunden habe, sind so vielfältig wie die Geschichten der Menschen, denen ich in den Gesprächen dieses Buchs begegnet bin.« (Seite 225) Dieses kurze Fazit ist total schade, weil es einmal die Leistung des Buchs verwääsert und zum Zweiten auch zeigt, dass Starken ihrem eigenen Anspruch, zu zeigen »warum« Menschen die AfD wählen, nicht wirklich gerecht wurde.

Letztlich gehört es zu den großen Widersprüchen unserer Zeit, dass die Menschen, die von Ängsten und Sorgen umgetrieben werden, sich in einer Partei sammeln, um anderen Menschen größere Ängste und Sorgen zu bereiten, zumal diese Partei keine eigenen tragfähigen politischen Lösungen auf die Fragen der Zeit hat.

| BASTIAN BUCHTALECK

Titelangaben
Sally Lisa Starken: Zu Besuch am rechten Rand
Warum Menschen AfD wählen
München: Heyne Verlag
288 Seiten, 16 Euro
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