//

Panitzsch

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Panitzsch

Vom Dorf hinauf zur Kirche sei ein angenehmer Spaziergang, sagte Farb, er fahre gelegentlich hinaus nach Panitzsch, sein Bruder habe dort gelebt, sagte Farb, die Kirche habe Charakter, sie sei robust, sei widerständig, stelle sich als ein Fels in die Brandung, Kirchen seien Gotteshäuser, Trutzburgen, Orte des Rückzugs von der Welt, und nein, ergänzte er, sie strahle nicht nach außen, kein Prunk, sie heische nicht nach Aufmerksamkeit.

Interessant, sagte Tilman und griff nach einem Kipferl, das, wie er längst wußte, nach nicht mehr als einem Hauch Vanille schmecken würde, die Preise für Vanille waren während der vergangenen Monate massiv erhöht worden, die Lieferketten waren mancherorts eingebrochen.

Nachdem zuvor zweimal eine Kirche aus Holz errichtet worden sei, sagte Farb, sei zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts nach romanischem Vorbild eine Kirche aus Feldsteinen erbaut worden, der ummauerte Kirchhof habe als Zuflucht und zur Verteidigung gedient.

Sie habe ihre endgültige, barocke Gestalt früh im achtzehnten Jahrhundert erhalten. Wenige andere Bauten würden Jahrhunderte überdauern. Weithin sichtbar, stehe sie weiß und massiv auf einem Hügel südlich der Parthenaue.

Ihre Bronzeglocken aus dem vierzehnten Jahrhundert seien Schmuckstücke, er habe sie auf dem Fußboden der Apsis liegen sehen, sagte Farb und tat sich eine Pflaumenschnitte auf, wahrscheinlich sollten sie restauriert werden oder die Aufhängung erneuert.

In Erinnerung geblieben, sagte er, sei ihm das Grab von einer Britt Süß, die verstorben sei, als sie einundzwanzig war, mehr habe der Grabstein nicht preisgegeben, bei seinem nächsten Besuch war das Grab nicht wiederzufinden, er habe noch gesucht, aber vergeblich, obgleich der Kirchhof klein war.

Er aß von seinem Pflaumenkuchen.

Tilman reichte ihm einen Löffel Sahne.

Diese Landschaft um Panitzsch, sagte er, sei während der langen Zyklen des Planeten entstanden, vor hundertdreißigtausend Jahren, als die Saalekaltzeit ausklang.

Das Gespräch stockte.

Tilman rückte näher zum Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einznehmen.

Wette griff nach einem Marmorkeks.

Ein Mensch blicke kaum über den Horizont seines eigenen Lebens hinaus, nein, und schon gar diese langen Zyklen ließen sich in einer Erzählung kaum wiedergeben, man habe eh ein begrenztes Empfinden für die verschiedenen Geschwindigkeiten der Natur. Das Eis habe sich nach und nach zurückgezogen und habe Endmoränen hinterlassen; eine von ihnen, so stellte Farb sich vor, sei der  Kirchberg von Panitzsch.

Farb hatte gelegentlich seinen Bruder in Panitzsch besucht, der vor einigen Jahren verstorben war und jetzt unmittelbar an der Südseite der Kirche neben Katherina ruhte, es war jedesmal eine aufwändige Fahrerei gewesen, seit der Diagose dann jedes zweite Wochenende, und er hatte nie ein entspanntes Verhältnis zu diesem Bruder gepflegt, manche Dinge, sagte er, könne man nicht erklären.

Vielleicht daß man sie verstehen könne, sagte Wette.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Getrieben von Ängsten und Sorgen

Nächster Artikel

Der Traum vom Aufstieg

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Provinz ist, wo ich bin

Kurzprosa | Wolfgang Pollanz: Die Undankbarkeit der Kinder Altersstarrsinnige Verwandte, Nachbarinnen in Christl-von-der-Postmoderne-Dirndln und nach Argentinien ausgewanderte Wurstwarenfabrikanten bevölkern Wolfgang Pollanz´ Erzählungen. Dabei ist Die Undankbarkeit der Kinder eine geradezu lässliche Begleiterscheinung. INGEBORG JAISER genoss bei einem Glas Schilcher die Lektüre.

Corona

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Corona

Ihr merkt davon nichts, bei euch kommt die Seuche nicht an? Unmöglich. Du nimmst mich auf den Arm, Krähe. Tröpfcheninfektion, Lungenentzündung, und erzähl mir nicht, ihr hättet keine Lunge. Na also.

Aufenthalt

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Aufenthalt

Am besten schicken wir ihn in einer selbstfliegenden Raumkapsel auf den ominösen Planeten 9, jenseits noch von Pluto.

Tilman lachte. Den Mars zu besiedeln, das wäre für jemanden wie ihn keine Herausforderung mehr, diesen Weirdo zieht es nach ferneren Sternen.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin. So jemand, sagte sie, wolle immer der erste sein, wer brauche ihn, für so jemanden sei das Leben ein Schlachtfeld, es gebe schwarz, es gebe weiß, und wer nicht für ihn sei, sei gegen ihn.

Zum Ende

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Zum Ende

Der Walfang wäre ertragreich.

Wir werden uns einige Tage gedulden müssen, Ausguck.

Ich weiß. Die Pause hat positive Seiten, oder?

Wenn du mich fragst – der Grauwal imponiert mir. Was für eine gewaltige Fluke! Alle Achtung!

Damit schlägt er jede Schaluppe kurz und klein.

Er weiß das nur nicht.

Wir werden es ihm nicht verraten, Thimbleman.

Der Ausguck lachte, stand auf und sah hinaus auf die Lagune.

Die Maus

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Die Maus

Er erinnere sich an die Kleine Fabel jenes Versicherungsangestellten aus Prag, sagte der Pharao, in der eine Maus in eine ausweglose Situation gerate.

Es war spät geworden, die Walfänger saßen um das verklingende Feuer, die Ojo de Liebre war rundum in schwärzeste Nacht getaucht, von fernher rauschte das Meer, die Temperaturen waren mild, vor einigen Minuten war Termoth mit seinen Leuten zur ›Marin‹ aufgebrochen.

Ein Versicherungsangestellter?, fragte Harmat.

Zwanzigstes Jahrhundert, erklärte London, man könne sich gegen Risiken versichern, auch eine Fracht könne gegen Havarie oder andere Unglücksfälle finanziell abgesichert werden.