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Umbrüche

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Umbrüche

Nein, sagte Farb, man verstehe diese Welt nicht mehr, sie sei so rapide verändert worden, und es sei gar nicht sicher, daß der Mensch dem standhalte.

Er tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman gähnte.

Es sei gut, sagte er, daß der Mensch an seinen Gewohnheiten festhalte, unbeirrbar festhalte.

Annika lächelte. Niemand in der Stadt, sagte sie und warf einen liebevollen Blick auf Farb, backe besseren Pflaumenkuchen.

Er frage sich, was sie so verändert habe und inwieweit der Mensch verantwortlich sei, sagte Farb, da gäbe es viele Ursachen, zum Beispiel hätten sich die Abläufe rasant beschleunigt, ein Prozeß, unter dem die Übersicht verloren gehe und der, da man sich in Halluzinationen verrenne, in letzter Konsequenz selbstmörderisch sei.

Was er konkret meine, wollte Annika wissen.

Er rede von der Digitalisierung, sagte Tilman.

Es sei noch längst nicht absehbar, sagte Farb, welche Ausmaße das Unheil habe, das damit angerichtet werde, der Alltag werde umstrukturiert, ohne daß irgendjemand danach verlangt hätte oder gar vorbereitet gewesen sei, und zwar grundlegend und komplett umstrukturiert, die Geschäftswelt, der Konsum, die Kommunikation, jedoch Regulierung und Kontrolle fänden nicht statt, dem Mißbrauch würden Tür und Tor geöffnet, und all das unter verwirrender Begleitmusik a la Künstliche Intelligenz, Autonomes Fahren, Marsbesiedelung etc. p. p. – was für ein Chaos!

Tilman warf einen sehnsüchtigen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Unbeschreibliche Zustände, sagte Farb, tat sich einen Löffel Schlagsahne auf und strich sie sorgfältig glatt.

Annika blätterte in einem Reisemagazin.

Da seien gefährliche Komiker am Werk, sagte Farb, an vorderster Front, sagte er, egomane Charaktere, Wirrköpfe, vernarrt in ihre nie dagewesenen, als sensationell innovativ beworbenen Technologien, die ihre begeisterten Kunden unter Minderjährigen fänden, infantiles Niveau dort wie hier, ein Kindergarten, Komm’ auf die Schaukel, Luise, wen verwundere das noch, all das unter einem leichtfertigen laissez-faire der Märkte, und nein, Politik fühle sich leider keineswegs berufen, regulierend einzugreifen, denn das könnte Wähler verschrecken.

Tilman schwieg.

Farb redete sich in Rage. Im Grunde hätten die Menschen einander wenig mitzuteilen, sagte er, unbestritten, und je mehr Aufwand für Kommunikation betrieben werde, desto geschwätziger würden die Inhalte, auch das ein  Paradox unseres Alltags – das Festnetz sei überholt, fürs Reden nutze man das Mobiltelefon, Reden plus Bild gehe unter Skypen, Selfies würden gepostet, wer brauche das alles, Bild mit Text sende man unter smartphone, Simsen und Faxen hätten ihre besten Zeiten hinter sich, Briefe und Postkarten schreibe man gelegentlich, e-mail sei aktuell der etablierte Standard, was habe ich vergessen, und am Ende breite sich nur noch Betriebsamkeit aus, gähnende Leere vor dem finalen Kollaps, er lachte angestrengt, atmete erschöpft und trank einen Schluck Tee, Yin Zhen, sie hatten wie üblich das Service mit dem rostroten Drachen aufgedeckt.

Tilman rückte näher zum Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Das sei nichts Neues, sagte er, ein aufgebrezelter bunter Zirkus, viel Schnickschnack, selbstgefällige Poser vor Kameras und in der Arena lauter närrische Schreihälse.

Sehr lustig, sagte Annika und blickte kurz auf.

Grenzwertig, sagte Farb, man könne das in Maßen ertragen, aber was real ablaufe und das gemeinschaftliche Leben gefährde, sagte Farb, seien die Umbrüche der Alltagskultur,  es sei einfach zu viel, wieder und wieder sei man gefordert, sich an neue Systeme zu gewöhnen, die nachwachsende Generation und Eltern verstünden einander kaum noch, und wer nicht ständig lerne, sich anpasse, Schritt halte, habe ratzfatz ausgespielt, verloren, er kippe geräuschlos aus den Zusammenhängen, doch der Mensch sei nicht in jedem Lebensalter zum Lernen geschaffen, was jedem bekannt sei, der einmal entfernt von Lerntheorie gehört habe, alles in allem, faßte Farb zusammen, rollten die Umbrüche der Alltagskultur wie eine Lawine auf uns zu, sie seien vernichtend, und medial werde dennoch unverdrossen über eine zu geringe Digitalisierung geklagt.

Tilman nickte zustimmend.

Wer solle daraus schlau werden, fragte Farb.

| WOLF SENFF

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Er sei neugierig geworden, sagte Farb, und habe selbst etwas über chinesische Landschaftsmalerei gelesen.

Annika lächelte. Lesen macht schlau, sagte sie und schenkte Tee nach, Yin Zhen.

Tilman blickte auf.

Sie habe sich unter der Tang-Zeit im siebten bis neunten Jahrhundert herausgebildet, sie habe ihre Blüte unter den Song und Yuan (10. Jh. bis 15. Jh.) erlebt, ihr Schwerpunkt habe sich seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts auf das Genre der Blumen und Vögel verlagert, und im neunzehnten Jahrhundert sei die große Landschaftsmalerei nach und nach erloschen.

Eine außergewöhnlich lange Zeit, sagte Annika.

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Entbehrlich, er ist entbehrlich.

Farb lachte. Verzichtbar.

Die Welt stünde ohne ihn keineswegs schlechter da.

Ohnehin ergeht es ihm miserabel, da greifen auch all seine Versuche nicht, gute Laune zu stiften, ehrlich, er ist überflüssig, und außerdem – was trage er bei zum Wohlbefinden des Planeten, nichts, wer brauche ihn, niemand, er nehme sich vom Kuchen und gebe nichts zurück.

Tilman rückte näher zum Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Durchaus sei denkbar, sagte Farb, daß sein Abgang eine befreiende Wirkung hätte, der Planet würde von Zwängen und Knebelungen erlöst, der Tag zum Beispiel dürfte Persönlichkeit entfalten, als ein lebendiges Wesen wahrgenommen werden wie andere auch, er verströmte gute Stimmung unter einem blauen Himmel, er wäre melancholisch unter dunklen Wolken und Regenschauern, neigte zum Zornausbruch unter Blitz und Hagel.