Neue Perspektiven entdecken

Kinderbuch | Josephine Apraku (Hg.): Ein ganz normaler Tag

Was erwartet man von einem Buch, das den unscheinbaren Titel ›Ein ganz normaler Tag«‹ trägt? Sicher kein Feuerwerk an überraschenden Geschichten, unterschiedlichster Perspektiven, mannigfacher Illustrationen und verblüffender Überraschungen. Aber genau das, findet ANDREA WANNER, bietet der Band.

Mehrere Kinder laufen auf einen Baum zu, in dessen Ästen schon einige Kinder sitzen.Da erzählt ein Reisepass von seinen Erlebnissen, seinem Dasein im Schatten der Aufenthaltserlaubnis, der die ganze Aufmerksamkeit geschenkt wird, eine kleine Frage sinniert über ihre Daseinsberechtigung und Felix gesteht seiner besten Freundin, dass er in seinen Träumen Felicia, ein Popstar, ist. Ein altes Märchen über die Entstehung der Tierkreiszeichen entführt nach Vietnam und im Hafen von Abadan im Iran erzählt ein alter Mann eine Geschichte von einer goldenen Kakerlake.

Aber auch Menschen aus anderen Ländern, die in Deutschland angekommen sind, berichten von ihren – nicht immer schönen – Erlebnissen. Da wird ein türkischer Junge von seinen Mitschüler:innen in der neuen Schule ausgelacht und gemobbt, weil sein Vesperbrot so ganz anders ist als ihres. Oder ein anderer, weil er auch mal ein Kleid statt Jeans trägt. Es gibt mutmachende Geschichten wie die von der Überfliegerin Keisha, die es in eine Schule geschafft hat, wo fast nur weiße Kinder sind. Der Besuch im Planetarium wird zu ihrem Lebenstraum: Sie will Astronautin werden und sie setzt alles daran, ihn wahr werden zu lassen. Und es gibt traurige wie die einer geflüchteten Familie, die in einer bayerischen Kleinstadt gelandet ist und wo die Eltern sich voller Trauer an die verlorene Heimat erinnern und bedauern, ihren Kindern nicht dort eine sorgenlose Kindheit bescheren zu können.

12 ganz unterschiedliche Geschichten von 12 Autor:innen, von 12 unterschiedlichen Illustrator:innen jeweils einfühlsam, stilistisch ganz unterschiedlich illustriert. Mal kommen die Bilder wie Comicsequenzen daher, mal niedlich, mal spielen sie mit ornamentalen Formen und beschwören fremde Länder und Kulturen herauf, jenseits der Sehgewohnheiten.

Weitblick statt Engstirnigkeit. Dazu ermuntern die an diesem Buch Beteiligten, die aus ganz verschiedenen Bereichen kommen. Sie alle werden mit ihrer Geschichte mit Porträtbildern und kurzen Texten vorgestellt. Ihnen allen ist wichtig, über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken, ihre eigenen Horizonte zu erweitern und die ihrer Leserinnen und Leser.

Diversität bezieht sich auf die Vielzahl von Unterschieden, die Individuen auszeichnen, einschließlich – aber nicht beschränkt auf – ethnische Herkunft, Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung, Fähigkeiten und kulturelle Hintergründe. Das können Kleinigkeiten sein oder Dinge, die einen Menschen prägen. Diese Vielfalt bereichert unsere Gesellschaft, indem sie ganz unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Ideen einbringt. Das schaffen diese Geschichten wunderbar: kleine Irritationen dadurch, dass der »ganz normale Tag« irgendwie ganz anders ist als erwartet.

Ein respektvoller Umgang mit Diversität fördert das Verständnis füreinander und damit kann man nicht früh genug beginnen. Weg von einem »normal«, das es nicht gibt. Eine bessere und gerechtere Welt setzt darauf, dass jede und jeder einzigartig ist und von allen anderen respektiert wird. Jenseits des Gewohnten fangen wir an, darüber nachzudenken.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Josephine Apraku (Hrsg.): Ein ganz normaler Tag
Geschichten voller Abenteuer, mächtiger Gefühle und mit einer Menge Mut
Hamburg: Carlsen 2024
128 Seiten, 18 Euro
Kinderbuch ab 6 Jahren

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Konstanten im Leben

Nächster Artikel

Im Abseits lebt es sich gefährlich

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Ist die Katze aus dem Haus…

Kinderbuch | Anne Vittur Kennedy: Der Bauer ist weg! Mäh! Muh! Quäck … tanzen die Mäuse. Und wenn der Bauer aus dem Haus ist? ANDREA WANNER war neugierig.

Von den Folgen schneller Urteile

Kinderbuch | Timothy Knapman, David Tazzyman: Ellis Augenbrauen Alles hat seinen Nutzen, das sieht man doch. Und man kann es benennen. Manchmal aber begegnet einer etwas, das sich nicht auf Anhieb erklären lässt. In dem Fall hat es keinen Nutzen. Die Sache ist glasklar. Weg damit. Doch radikale Entscheidungen können unangenehme Folgen haben. Timothy Knapman erzählt in Ellis Augenbrauen eine solche Geschichte auf originell verrückte Weise und David Tazzyman zeichnet die passenden Bilder dazu. Von MAGALI HEISSLER

Einer für zwei

Kinderbuch | Jon Klassen: Wir haben einen Hut Hüte haben es dem kanadisch-amerikanischen Illustrator und Schriftsteller Jon Klassen angetan. »Wo ist mein Hut?«, fragte der Bär 2012, »Das ist nicht mein Hut!«, heißt es in dem Unterwasserstreit 2013 und jetzt – geht es wieder um einen Hut. ANDREA WANNER freut sich.

Gruseln garantiert

Kinderbuch | Julia Kahrs: Sturm überm Winkelhaus

Ein windschiefes altes Haus, das ewig leer stand und in das keiner einziehen wollte, wird das neue Zuhause von Sam, ihren beiden älteren Brüdern Gabriel und Fleming und ihrer Mutter. Gørja ist auf den ersten Blick eine ganz normale kleine Stadt, auf den zweiten Blick gibt es dort jede Menge Geheimnisse und ungelöste Rätsel. Das wäre eine superspannende Sache, gäbe es da nicht einen schrecklichen Verdacht. Von ANDREA WANNER

Frühlingserwachen

Kinderbuch | C.Okada/ K.Okada: Bist du der Frühling?

Da muss man sich reindenken: Wenn man etwas so gar nicht kennt, etwas nie gesehen, gefühlt oder geschmeckt hat, es absolut nicht einzuordnen weiß, wo fängt man dann an? Googeln, würde jetzt bestimmt jemand sagen, aber was macht ein WLAN-loses Hasenjunge mitten im Wald, von einer brennenden Frage gequält? BARBARA WEGMANN hat sich die Geschichte angesehen.