Besuch aus der Vergangenheit

Roman | Bernhard Aichner: Totenfrau. Die Rückkehr

In drei Bänden hat der in Innsbruck und im Südburgenland lebende Bernhard Aichner (Jahrgang 1972) zwischen 2014 und 2017 die Geschichte seiner Bestatterin Brünhilde Blum erzählt. Dann gönnte er der jungen Frau, die der gewaltsame Tod ihres Mannes zu einer unbarmherzigen Rächerin werden ließ, eine lange Atempause. Nun, zehn Jahre später und nachdem nicht zuletzt die Umsetzung für den Bildschirm mit Anna Maria Mühe in der Titelrolle den Namen des österreichischen Autors auch international bekannt gemacht hat, legt er einen vierten Band nach. Von DIETMAR JACOBSEN

Auch für Blum ist nach ihren letzten gefährlichen Abenteuern ein Jahrzehnt vergangen – die beiden Töchter inzwischen so gut wie selbständig und an ihrer Seite Reza, einst von Mark, ihrem Mann, in die Familie mitgebracht und inzwischen Blums zweite große Liebe. Im kroatischen Küstenort Punat lebt man unter falschen Namen und verdient sich das Geld zum Leben, indem man Segeltörns und Tauchkurse anbietet. Eigentlich ein Idyll – aber dann holt die Vergangenheit Blum und Reza wieder ein.

Ein kleines Segelschiff auf dem Meer, von oben fotografiert.Es ist ein älteres Paar, mit dem der aktuelle Ärger für Blum und Reza beginnt. Die beiden zentralen Gestalten aus Bernhard Aichners Totenfrau-Trilogie nennen sich nach ihrer Flucht aus Deutschland Marie und Halim. Inzwischen sind sie in das Leben der knapp 2.000-Einwohner-Gemeinde Punat auf der kroatischen Insel Krk gut integriert – man greift sogar, wenn Not am Mann ist, dem örtlichen Bestatter Jakov unter die Arme – und bieten ihre Dienste Urlaubern an. Für die planen sie Segeltouren auf ihrer eigenen Yacht und bieten Tauchkurse an.

Ein Todesfall mit Folgen

Auch Ruth und Walter haben das Boot der beiden freundlichen Unternehmer für einen Törn bis zur nordafrikanischen Küste gemietet. Doch nach der ersten Nacht an Bord ist Walter tot. Und weil Ruth, die behauptet, finanziell nahezu komplett von dem rund 20 Jahre Älteren abhängig zu sein, um ihre Existenz fürchtet und Blum und Reza glauben, der Todesfall auf ihrem Boot könnte mehr Interesse auf sie ziehen, als man wünscht, entschließt man sich, Walters Leiche heimlich zu beseitigen.

Bernhard Aichners vierter Roman rund um seine Bestatterin Brünhilde Blum bietet stilistisch genau jenes erzählerische Stakkato, das man von dem 54-jährigen Autor inzwischen gewohnt ist. In 75 kurzen Kapiteln, die, jedes für sich, noch einmal in mehrere voneinander abgehobene Abschnitte unterteilt sind und zahlreiche Gesprächspassagen enthalten, mit denen Aichner das Erzähltempo halsbrecherisch hochhält, lässt er jene Romanheldin wieder aufleben, die ihn dank der filmischen Aufbereitung ihrer Erlebnisse durch eine Netflix-Serienproduktion mit der großartigen Anna Maria Mühe in der Hauptrolle – bisher zwei Staffeln mit alles in allem 12 Folgen – zu einem auch international gefragten Bestsellerautor gemacht  hat. Und was bisher dreimal geklappt hat, funktioniert auch in Totenfrau. Die Rückkehr vortrefflich.

Ein lebensbedrohliches Abenteuer

Denn wie immer in den Romanen dieses Autors ist das Versenken der Leiche des Unternehmers Walter, der sich in der Tech-Branche ein ansehnliches Vermögen erworben hat, im Meer nicht das Ende einer unglücklich verlaufenden Reise, sondern ganz im Gegenteil erst der Anfang eines lebensbedrohlichen Abenteuers, aus dem Blum nur mit Anstrengung aller ihrer Kräfte wieder herauskommen kann. Ob ihr das tatsächlich gelingt, lässt der Schluss des Romans geschickt offen. Allein der letzte Satz nach 350 Seiten, die von vielen Leserinnen und Lesern wahrscheinlich in einem Zug weggelesen werden, hält die Hoffnung auf ein fünftes Abenteuer von Bernhard Aichners taffer Protagonistin wach.

Bis man am Ende des Romans angekommen ist, muss man sich allerdings gemeinsam mit Brünhilde Blum nicht nur der Zumutungen der Gegenwart erwehren, sondern auch tief in die Vergangenheit einer Frau eintauchen, deren grauenhafte Kindheit mit zwei psychopathischen Elternteilen sie für das eigene Leben mehr als abhärtete. Dass bei der Verarbeitung jener Erlebnisse aus ihren frühen Jahren auch etliches verdrängt wurde, muss Blum nun spätestens daran erkennen, dass sie nicht nur zunehmend von Albträumen gequält wird, sondern rund um sie herum auch Dinge zu passieren beginnen, die sie langsam begreifen lassen, dass sie es plötzlich mit Kräften zu tun bekommt, die nicht nur ihr eigenes, sondern auch das Leben ihres Geliebten und ihrer beiden Kinder bedrohen. Wer sie allerdings letzten Endes wieder dazu bringt, dass sie um ihrer eigenen und der Sicherheit der von ihr geliebten Menschen willen erneut morden muss, bleibt lange im Verborgenen.

Eine Heldin in ihrem ganz eigenen literarischen Kosmos

Bernhard Aichner hat eine ganze Menge in seinen vierten Blum-Roman hineingepackt. Dass sein szenisches Erzählen den Rezensenten dazu inspiriert hat, sich gelegentlich wie in einem bisher ungedrehten Film zu fühlen – natürlich mit dem Blum-Gesicht von Anna Maria Mühe im Mittelpunkt –, mag vielleicht sogar ein wenig kalkuliert gewesen sein. Immerhin hat der Autor bekannt, zum vorliegenden Buch nicht zuletzt durch »die Arbeit mit Anna Maria Mühe, die Blum mit einer unglaublichen Kraft und Verletzlichkeit verkörpert hat«, inspiriert worden zu sein. Doch selbst wenn es zu keiner Verfilmung kommen sollte – Aichner erzählt seine Geschichte so konzentriert und stilistisch eigenständig, dass er mit vollem Recht zu jenen wirklich wenigen deutschsprachigen Spannungsautoren gezählt werden darf, die mit ihren Büchern einen ganz eigenen literarischen Kosmos aufgebaut haben.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Bernhard Aichner: Totenfrau. Die Rückkehr
Hamburg: Rowohlt Wunderlich 2026
350 Seiten, 26 Euro
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