Schreiben als Lebenselixier

Kurzprosa | Isabel Allende: Unsere Geschichten

In ihrem jüngsten Buch Unsere Geschichten. Über das Schreiben“ erzählt die chilenische Schriftstellerin Isabel Allende von dem Leben mit der Literatur und den Büchern. Von BETTINA GUTIÈRREZ

Weiße und goldene Strahlen umkränzen den Schriftzug des Titels.Wer die chilenische Schriftstellerin und Bestsellerautorin Isabel Allende kennenlernen möchte, der sollte ihren Essayband Unsere Geschichten. Über das Schreiben lesen. Dort wirft sie einen persönlichen Blick auf ihre literarischen Arbeiten und Credos, die eng mit dem eigenen Leben verknüpft sind.

So ist ihr Verständnis von dem, was Literatur eigentlich bedeutet etwas  Besonderes: Die Literatur sei für sie eine Art von Zauberei, eine Sphäre der Träume, Intuition und Vorahnungen, die sie während des Schreibens betrete. Das Schreiben, erklärt sie weiter, sei in erster Linie eine kontemplative Reise in die Erinnerung, die Seele und die Stille. Doch heißt dies nicht, dass es ihr hierbei um eine beschauliche Besinnlichkeit geht, die sich in den Romanen widerspiegelt. Nein, Literatur, so Isabel Allende, solle vor allem vital und unterhaltsam sein, ganz im Gegensatz zur literarischen »Selbstbespiegelung der Menschheit«, die von manchen zeitgenössischen  Romanciers gerne aufgegriffen wird.

Außerdem spricht sie sich für das Ineinandergreifen von Fantasie und Realität und eine Sicht auf das Positive, auf die »die Helligkeit und das Licht« aus, das jeder Geschichte zugrunde liegen solle. Das Düstere liegt ihr nicht. Und schließlich, so schreibt sie, seien ihr die Empfindungen, die sie bei den Leserinnen und Lesern hervorrufe und Werte wie Liebe und Solidarität ein wichtiges literarisches Anliegen.

Passend zu diesem ästhetischem Programm gibt sie in Unsere Geschichten. Über das Schreiben einen Einblick in die eigene »Schreibwerkstatt«: Die Inspiration schöpft sie aus den Begegnungen mit Menschen, aus Filmszenen, Träumen, dem familiären Umfeld und vergangenen Ereignissen. Eine strukturierte Handlung, Disziplin, die gründliche Recherche zu Schauplätzen und Epochen und die Themenfindung sind für Isabel Allende die Voraussetzung für eine authentische Schreibkunst. Wobei die Wahl der Themen bei ihr unterschiedlich ausfällt; mal ist sie zufällig, mal eher bedacht.

Bestes Beispiel hierfür ist der Roman Das Geisterhaus (1984), mit dem sie international berühmt wurde . Er erschien erst viele Jahre später nachdem sie im Jahr 1973 vor der Militärdiktatur von Augusto Pinochet nach Venezuela geflohen war. Auslöser für diesen Roman war das Heimweh im venezolanischen Exil nach Chile und ein Briefwechsel mit dem im Sterbebett liegenden Großvater. Der eigentliche Protagonist ist hier Chile, inspiriert wurde er von Allendes Familienchronik. Von Liebe und Schatten (1990) eine Liebesgeschichte zwischen einer großbürgerlichen Journalistin und einem linken Oppositionellen widmet sich thematisch der Ära unter Pinochet und ist ebenfalls nicht dem Zufall geschuldet sondern politisch motiviert. Die Vorliebe für historische Sujets spiegelt sich insbesondere in »Inés meines Herzens« (2008), einer fiktiven Biographie einer Spanierin, die im  16. Jahrhundert nach Lateinamerika auswanderte und in »Die Insel unter dem Meer« (2010), einer Erzählung über den Sklavenaufstand im 18. Jahrhundert in Haiti wider.

Den weltweiten immer noch andauernden Erfolg als Schriftstellerin erklärt sich Isabel Allende damit, dass es in ihren Büchern um Beziehungen und Gefühle gehe, die alle Menschen teilten und miteinander verbinden. Viel wurde sie dafür gescholten, gerne von den Schriftstellerkollegen des »lateinamerikanischen Booms«, der in den 60er Jahren einsetzte. Zwar war sie selbst durch die Lektüre der Meister des Booms geschult, wurde jedoch nicht in diesen Kreis aufgenommen. Den Boom sieht sie daher als ein männliches Phänomen an, das damals Frauen nicht unbedingt vorbehalten war und eine existentialistische, kritische Lebenseinstellung vertrat. Doch ist sie davon unbeirrt geblieben. Als leidenschaftliche Schriftstellerin, als lebensbejahende, positive literarische Stimme, deren Protagonisten »auch unter düsteren Voraussetzungen überleben ohne zu verbittern« schreibt sie weiter. Unsere Geschichte. Über das Schreiben ist der beste Beweis: eine dichte, interessante Lektüre, die Zuversicht verbreitet.

| BETTINA GUTIERRÈZ

Titelangaben
Isabel Allende: Unsere Geschichten
Berlin: Suhrkamp 2026
194 Seiten. 22 Euro
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