Wenn man fünfzehn ist, sollte man Lust auf das Leben haben. Hat Linda aber nicht. Sie plant ihren Selbstmord und vertraut sich ausgerechnet einem Mann an, der seine eigene Realität längst verliert: dem demenzkranken, 86-jährigen Bademeister aus demselben Mehrfamilienhaus. Eine ungewöhnliche, tief berührende Beziehung, findet ANDREA WANNER.
Zwei Welten im selben Takt
Linda ist ein außergewöhnlich empathisches Mädchen. Sie geht mit offenen Augen durch die Welt und bemerkt die Zwischentöne, die andere geflissentlich übersehen. Als sie beginnt, auf den alten Hubert aufzupassen, wenn dessen polnische Pflegerin Ewa frei hat, stößt das bei ihrer Mutter auf pures Unverständnis. Unverantwortlich sei das. Doch Mutter und Tochter sind ohnehin selten einer Meinung. Nach der Trennung vom alkoholkranken Vater ist die Mutter auf der Suche nach einem neuen Partner. Dabei gerät sie, wie Linda scharfsinnig analysiert, zielsicher an die falschen Männer.
Linda dagegen genießt die Zeit mit Hubert. Sie schenkt ihm etwas, das ihm sonst niemand mehr gibt: bedingungslose Akzeptanz. Während andere ihn korrigieren, bricht Linda seine Welt nicht auf. Sie erinnert ihn nicht daran, dass seine Eltern, Geschwister und seine Frau Rosalie längst tot sind. Wenn Hubert »zur Arbeit« will, fragt sie nach seinen Aufgaben im Strandbad. Sie bläst in der Wohnung Schwimmflügel auf und validiert seine Erinnerungen, statt Beweise für das Hier und Jetzt zu fordern. Instinktiv begreift sie, dass in einem Streit um die »richtige« Realität nur Huberts Vertrauen auf dem Spiel steht.
Das Protokoll eines Abschieds
Es sind besondere, fast magische Monate, in denen die beiden zusammenwachsen – während Hubert geistig immer weiter abbaut. Das Paradoxe daran: Eine gesunde Beziehung im Jugendalter wächst und öffnet Türen für die Zukunft. Diese Verbindung hier ist durch Huberts Zustand von vornherein zum Scheitern verurteilt. Doch Linda ist das egal. Ihr eigenes Leben hat sie im Kopf ohnehin schon abgehakt.
Neben Hubert gibt es nur noch Kevin. Linda kümmert sich um ihn wie um einen jüngeren Bruder. Kevin leidet an der Welt; er droht an Klimakrise und Umweltverschmutzung zu verzweifeln. Wo Linda sich wünschen würde, dass er als Aktivist laut wird, sammelt Kevin den Weltschmerz nur still vor drei flimmernden Bildschirmen im Zimmer. Zwei Jugendliche, die auf ganz unterschiedliche Weise am Dasein verzweifeln.
Ein schweres Thema mit ungeahnter Leichtigkeit
Petra Pellini ist mit ihrem 2024 erschienenen Bestseller›Der Bademeister ohne Himmel‹ das Kunststück gelungen, aus dieser Konstellation kein bleiernes Drama zu machen. Ihre junge Protagonistin erzählt frisch, pointiert und mit einem feinen, oft unbestechlichen Witz.
Beim Lesen zieht sich die Schlinge dennoch langsam zu: Warum will sich dieses kluge, lebenswerte Mädchen umbringen? Warum glaubt sie, dass sich zwischen Geburt und Tod ohnehin nichts von Bedeutung ereignet? Und doch bleibt das Buch bei aller Melancholie und tiefem Ernst seltsam tröstlich, selbst in seinen dunkelsten Momenten.
Ein Erwachsenenroman für die Jugend
Jetzt ist diese wunderbare Geschichte als Taschenbuch erschienen. Es ist die perfekte Gelegenheit, einen ursprünglich für Erwachsene geschriebenen Roman über das Erwachsenwerden genau denjenigen ans Herz zu legen, die er im Kern betrifft: den Jugendlichen selbst. Ein literarisches Juwel über das Vergessen. Und das Finden von Halt, wo man ihn am wenigsten erwartet.
Titelangaben
Petra Pellini: Der Bademeister ohne Himmel
Hamburg: rororo 2026 (Original Rowohlt 2024)
318 Seiten, 14 Euro
Jugendroman ab 15 Jahren
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