Zwischen Strandbad-Nostalgie und Lebensmüdigkeit

Jugendbuch | Petra Pellini: Der Bademeister ohne Himmel

Wenn man fünfzehn ist, sollte man Lust auf das Leben haben. Hat Linda aber nicht. Sie plant ihren Selbstmord und vertraut sich ausgerechnet einem Mann an, der seine eigene Realität längst verliert: dem demenzkranken, 86-jährigen Bademeister aus demselben Mehrfamilienhaus. Eine ungewöhnliche, tief berührende Beziehung, findet ANDREA WANNER.

Zwei Welten im selben Takt

Unterwasserfotografie eines Mannes, der im Wasser schwimmt. Man sieht die Beine in Badehosen.Linda ist ein außergewöhnlich empathisches Mädchen. Sie geht mit offenen Augen durch die Welt und bemerkt die Zwischentöne, die andere geflissentlich übersehen. Als sie beginnt, auf den alten Hubert aufzupassen, wenn dessen polnische Pflegerin Ewa frei hat, stößt das bei ihrer Mutter auf pures Unverständnis. Unverantwortlich sei das. Doch Mutter und Tochter sind ohnehin selten einer Meinung. Nach der Trennung vom alkoholkranken Vater ist die Mutter auf der Suche nach einem neuen Partner. Dabei gerät sie, wie Linda scharfsinnig analysiert, zielsicher an die falschen Männer.

Linda dagegen genießt die Zeit mit Hubert. Sie schenkt ihm etwas, das ihm sonst niemand mehr gibt: bedingungslose Akzeptanz. Während andere ihn korrigieren, bricht Linda seine Welt nicht auf. Sie erinnert ihn nicht daran, dass seine Eltern, Geschwister und seine Frau Rosalie längst tot sind. Wenn Hubert »zur Arbeit« will, fragt sie nach seinen Aufgaben im Strandbad. Sie bläst in der Wohnung Schwimmflügel auf und validiert seine Erinnerungen, statt Beweise für das Hier und Jetzt zu fordern. Instinktiv begreift sie, dass in einem Streit um die »richtige« Realität nur Huberts Vertrauen auf dem Spiel steht.

Das Protokoll eines Abschieds

Es sind besondere, fast magische Monate, in denen die beiden zusammenwachsen – während Hubert geistig immer weiter abbaut. Das Paradoxe daran: Eine gesunde Beziehung im Jugendalter wächst und öffnet Türen für die Zukunft. Diese Verbindung hier ist durch Huberts Zustand von vornherein zum Scheitern verurteilt. Doch Linda ist das egal. Ihr eigenes Leben hat sie im Kopf ohnehin schon abgehakt.

Neben Hubert gibt es nur noch Kevin. Linda kümmert sich um ihn wie um einen jüngeren Bruder. Kevin leidet an der Welt; er droht an Klimakrise und Umweltverschmutzung zu verzweifeln. Wo Linda sich wünschen würde, dass er als Aktivist laut wird, sammelt Kevin den Weltschmerz nur still vor drei flimmernden Bildschirmen im Zimmer. Zwei Jugendliche, die auf ganz unterschiedliche Weise am Dasein verzweifeln.

Ein schweres Thema mit ungeahnter Leichtigkeit

Petra Pellini ist mit ihrem 2024 erschienenen Bestseller›Der Bademeister ohne Himmel‹ das Kunststück gelungen, aus dieser Konstellation kein bleiernes Drama zu machen. Ihre junge Protagonistin erzählt frisch, pointiert und mit einem feinen, oft unbestechlichen Witz.

Beim Lesen zieht sich die Schlinge dennoch langsam zu: Warum will sich dieses kluge, lebenswerte Mädchen umbringen? Warum glaubt sie, dass sich zwischen Geburt und Tod ohnehin nichts von Bedeutung ereignet? Und doch bleibt das Buch bei aller Melancholie und tiefem Ernst seltsam tröstlich, selbst in seinen dunkelsten Momenten.

Ein Erwachsenenroman für die Jugend

Jetzt ist diese wunderbare Geschichte als Taschenbuch erschienen. Es ist die perfekte Gelegenheit, einen ursprünglich für Erwachsene geschriebenen Roman über das Erwachsenwerden genau denjenigen ans Herz zu legen, die er im Kern betrifft: den Jugendlichen selbst. Ein literarisches Juwel über das Vergessen. Und das Finden von Halt, wo man ihn am wenigsten erwartet.

Titelangaben
Petra Pellini: Der Bademeister ohne Himmel
Hamburg: rororo 2026 (Original Rowohlt 2024)
318 Seiten, 14 Euro
Jugendroman ab 15 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Geschichte vor der Haustür

Nächster Artikel

Schreiben als Lebenselixier

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Berliner Graffiti

Jugendbuch | Patrycja Spychalski: Bevor die Nacht geht Junge Menschen an einem bestimmten Punkt ihres Lebens, eine Atempause zur Rückschau und zum Genießen der Gegenwart mit allen Sinnen, während von Ferne schon eine neue Zukunft aufdämmert, davon wird immer wieder einmal erzählt. Manchmal trifft eine solche Geschichte eine Generation ins Herz. Patrycja Spychalski lässt in ihrem vierten Jugendroman ›Bevor die Nacht geht‹ zwei Jugendliche knapp vierundzwanzig Stunden Berlin durchwandern und kreiert damit eine Variante mit viel Herz. Von MAGALI HEISSLER

Trauerarbeit

Jugendbuch | Marlies Slegers: 16x Himmel und zurück

Pelle hat seinen Vater verloren. Aber für ihn fühlt es sich an, als wäre seine Mutter seither auch nicht mehr da. ANDREA WANNER freut sich über die einfühlsame Geschichte.

Der Mut der Verzweiflung

Jugendbuch | David Farr: Das Buch der gestohlenen Träume

Wo eitle und selbstsüchtige Diktatoren herrschen, die in ihrem Land alles bestimmen können, wird die Wahrheit unterdrückt, die Opposition zum Schweigen gebracht. Gegner landen in Gefängnissen und Bücher mit verdächtigem Inhalt werden gern mal verbrannt. Oder der Herrscher versucht, sie selbst in die Hand zu bekommen, so sie denn ein Geheimnis beinhalten, das ihm hilfreich sein könnte. Und um so ein Werk handelt es sich beim ›Buch der gestohlenen Träume‹. Von ANDREA WANNER

Ein bisschen Glanz in finsteren Zeiten

Jugendbuch | Lucy Adlington: Das rote Band der Hoffnung

Aus Geschichte werden Geschichten. Das birgt immer ein Risiko in sich, ganz besonders wenn es um das 3. Reich und Konzentrationslager geht, findet ANDREA WANNER

Von den Tieren, den Menschen und den Wundern

Jugendbuch | Shaun Tan: Reise ins Innere der Stadt Wenn Shaun Tan ein Buch schreibt und malt, erfindet er immer eine eigene Welt. Seltsamerweise ist sie gleichzeitig abstrus, geheimnisvoll und heimelig. Man fühlt sich darin so, als müsste die Welt auch wirklich so sein. Von GEORG PATZER