Thies ist kein Junge, der den Kopf in den Sand steckt. Für sein Alter ist er bereits erstaunlich selbstständig. Er hütet klaglos seine kleine Schwester, wenn die Mutter als Hebamme zu einer nächtlichen Geburt eilen muss. Doch eine Sache lastet schwer auf ihm: der drohende Umzug. Seine Mutter hat das ständige Meckern der griesgrämigen Vermieterin satt. Für Thies wäre ein Abschied eine Katastrophe. Weg vom geliebten Wald, weg von seinem besten Freund Matteo und dessen großer Schwester, in die er heimlich ein bisschen verliebt ist – unvorstellbar. Von ANDREA WANNER
Gefährliche Gleise und ein verlassenes Geheimnis
Besonders seine Streifzüge durch die Natur bedeuten Thies alles. Immer wieder zieht es ihn zu den alten Eisenbahngleisen und einem verlassenen Bahnwärterhaus nahe der belgischen Grenze. Während er die Gleise gemeinsam mit Matteo erkundet, wobei die beiden die Vernunft auch mal links liegen lassen, bleibt das marode Gebäude sein exklusives Geheimnis. Die gesamte Grenzregion ist von unsichtbaren Narben geprägt: Geschichten von Flucht, Verfolgung und den Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Diese Vergangenheit ist im Dreiländereck fast körperlich spürbar. Und tatsächlich stößt Thies im alten Haus auf einen historischen Schatz. Er nimmt ihn mit – und bringt damit unbemerkt einen mächtigen Stein ins Rollen.
Realismus statt Realitätsflucht
Anstatt in abgehobene Fantasywelten zu flüchten, bleibt Sigrid Zeevaert auch in ihrem jüngsten Kinderbuch ganz nah an der Wirklichkeit. Meisterhaft verwebt sie existenzielle Themen wie Heimat und Zugehörigkeit: Thies kämpft darum, seinen Platz nicht zu verlieren, während er gleichzeitig begreift, dass andere diesen einst unfreiwillig aufgeben mussten. Zeevaert wirft einen ungeschönten, aber empathischen Blick auf den Alltag einer Alleinerziehenden und die emotionale Last, die Kinder dabei oft stillschweigend tragen. Indem sie die regionale NS-Geschichte mit dem Hier und Jetzt verknüpft, macht sie schwere historische Kost für junge Leserinnen und Leser greifbar und emotional nachvollziehbar.
Fehler machen stark
Thies ist kein fehlerfreier Held: Er macht vieles richtig, aber eben auch einiges falsch. Doch genau diese Ecken und Kanten machen ihn so authentisch. Am Ende schweißt das riskante Abenteuer die beiden Jungen zusammen: Thies weiß nun vor allem eines ganz sicher: Auf Matteo ist zu einhundert Prozent Verlass. Ein kluges, tiefgründiges Buch über das Einfordern des eigenen Platzes in der Welt.
Titelangaben
Sigrid Zeevaert: Thies
Mit Bildern von Hanna Zeckau
München: Tulipan 2026
176 Seiten, 16 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren
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