Rom, mitten im Zweiten Weltkrieg. Emanuele ist zwölf Jahre alt und Jude. Er lebt mit seiner Großfamilie in einer engen, wuseligen Wohnung im römischen Ghetto. Am 16. Oktober 1943 zerschlägt eine deutsche Razzia seine Welt von einer Sekunde auf die andere für immer. Von ANDREA WANNER
Emanuele muss hilflos mit ansehen, wie Soldaten seine Mutter auf einen Lastwagen zerren. Er will ihr helfen, rennt hinterher und landet selbst auf der Ladefläche. Doch seine Mutter reagiert blitzschnell: Mit einem heftigen Schubs stößt sie ihn vom Lkw hinunter. Er entkommt, aber nach Hause kann er nicht mehr. Er flüchtet in eine Straßenbahn und flüstert dem Schaffner zu: »Ich bin Jude. Die Deutschen suchen mich.« Seine Rettung.
Drei Tage lang fährt er kreuz und quer durch Rom, pennt nachts heimlich im Depot. Die Straßenbahnfahrer halten eisern zusammen. Sie versorgen ihn mit Essen, geben ihm einen Schal gegen die Kälte und decken ihn vor der SS, die ihm dicht auf den Fersen ist. Emanuele hat riesiges Glück und überlebt.
Doch danach wartet die nächste harte Pflicht auf den Zwölfjährigen: Sein Vater ist vor Trauer und Schmerz über die Deportation der Mutter völlig gelähmt. Also muss Emanuele die Verantwortung für die Familie übernehmen. Als Straßenhändler verdient er das Geld, das sie zum Überleben brauchen. Was ihn antreibt? Der Gedanke an seine Mutter. Ihr Schubs vom Lkw hat ihm das Leben gerettet – das erste Wunder in einer ganzen Kette.
Eine Geschichte, die uns heute wachrütteln muss
Es wird viel Zeit vergehen, bis aus dem Jungen der berühmte »il bambino del tram« wird. Heute ist er 94 Jahre alt und einer der letzten Zeugen dieser Razzia. Während die Illustratorin Isabella Labate ihm 2022 das eindrückliche Bilderbuch ›Il bambino del tram‹ widmete, hat die italienische Autorin Tea Ranno den Zeitzeugen persönlich getroffen, tief recherchiert und seine dramatischen Erlebnisse in dem Jugendroman ›Die Straßenbahn ins Leben‹ aufgeschrieben. Ihr Ziel: Diese Geschichte für junge Leserinnen und Leser von heute greifbar zu machen.
Dieses Buch tut weh, es kann gar nicht anders. Sätze wie »Rom ist wie eine Wunde, die sich infiziert hat: eine Pustel voller Hass und Gewalt« beschreiben eine absolute Hölle, erst recht aus der Perspektive eines Kindes. Aber Jugendliche mussten da durch. Deshalb ist es so wichtig, ihre Geschichten genau so ungeschönt zu erzählen. Tea Ranno lässt den zwölfjährigen Emanuele selbst berichten. Das geht direkt unter die Haut, weckt echtes Mitgefühl und macht das historische Leid für uns viel greifbarer, als es jede trockene Statistik je könnte.
Unser Schutzschild gegen das Vergessen
Heute, wo Fake News, Geschichtsfälschung und Holocaust-Leugnung im Netz zunehmen, sind Zeitzeugen unser stärkster Schutzschild für die Wahrheit. Ihre Berichte sind der lebendige Beweis gegen jede Lüge. Sie schlagen die Brücke ins Hier und Jetzt und zeigen uns, wie verdammt schnell eine Demokratie in eine Diktatur abgleiten kann.
Emanueles Erlebnisse sind kein Blick in verstaubte Geschichtsbücher: Sie sind ein lautstarker Appell an unsere Gegenwart. Sie schärfen den Blick für Rassismus, Ausgrenzung und Antisemitismus, denen wir auch heute im Alltag entgegentreten müssen. Und die Story der römischen Straßenbahnfahrer beweist: Selbst in den dunkelsten Zeiten kann jeder Einzelne Zivilcourage zeigen und das Richtige tun.
Titelangaben
Tea Ranno: Die Straßenbahn ins Leben
Inspiriert von Emanuele Di Porto und seiner Flucht aus dem jüdischen Ghetto von Rom
(Un tram per la vita, 2023). Aus dem Italienischen von Ulrike Schimming
München: Mixtvision 2026
160 Seiten, 16 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren
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