Roman | Gregor Sander: Troja, später Nachmittag
So könnte es sich angefühlt haben: das goldene Licht, die tiefstehende Sonne, der dichte Staub. Eine Momentaufnahme aus Troja, später Nachmittag. Wer da gräbt (und graben lässt) ist sich sicher: »Schreibe ich hier nicht Geschichte, zwar nicht wie der große Dichter mit geflügelten Worten, sondern mit Spaten, Hacke und Schubkarre im Schweiße meines Angesichts? Um schließlich das zu entdecken, was der Staub der Jahrtausende bedeckte?« Gregor Sander lässt das ereignisreiche Leben Heinrich Schliemanns wieder aufleben – temporeich, beschwingt und voll rasanter Wendungen. Von INGEBORG JAISER
Er gilt als Selfmademan und früher Start-up-Unternehmer, Sprachgenie und Weltenbummler, furchtloser Autodidakt und selbsternannter Archäologe – als Ausnahmetalent auf vielen Gebieten und resilienter Optimist obendrein. Selbst wer sich nur am Rande für die antike Welt interessiert, dürfte seinen Namen kennen: Heinrich Schliemann. Nicht zuletzt als (vermeintlicher) Entdecker Trojas und des Schatzes des Priamos, mit dessen Datierung er doch gut 1000 Jahre daneben lag. Kein Thema für einen Mann, der Homers Dichtungen als Tatsachenberichte verstand und alles daran setzte, das legendäre Troja auszugraben. Ein bisschen Selbstüberschätzung und noch mehr Zähigkeit gehörten schon dazu.
Zwischen Ankershagen und Athen
Nun zeichnet Gregor Sander das wilde Leben dieses 1822 bettelarm in Mecklenburg geborenen und 1890 delirierend in Neapel gestorbenen Pioniers der Archäologie nach, fabulierend, schillernd und nahezu filmreif, mit schwindelnden Höhen und Tiefen. Kapitelweise springt der Roman von Schauplatz zu Schauplatz, über Länder, Kontinente und Jahrzehnte hinweg, von »Tatsächlichem und Dazugedachtem«, immer die große Fallhöhe im Blick. Und ein ungläubiges Staunen. Wie konnte es nur diesem vernachlässigten Sohn eines prügelnden, in Ungnade gefallenen Pfarrers gelingen, sich zum vermögenden Kaufmann in Sankt Petersburg, zum angesehenen Pariser Immobilienbesitzer, amerikanischen Banker, Multimillionär und schließlich zum autodidaktischen Archäologen emporzuschwingen, der erst im fortgeschrittenen Alter und ohne klassisches Studium mit Doktorwürden versehen wurde?
Geschichtenerzähler
Beim Lesen fühlt man sich mitten im Geschehen, das Gregor Sander so lebensprall und farbenprächtig gestaltet, als verstecke man sich mit dem kleinen Heinrich hinter dichten Vorhängen und würde heimlich den Vorträgen aus der Iliaslauschen. Zusammen mit seiner Jugendfreundin Minna, deren Liebe und deren zarter Geruch (»wie geschmolzene Butter, fast süß und ein wenig salzig«) sich durch die ganze Handlung ziehen. Denn dieser Roman widmet sich nicht nur den Höhepunkten archäologischer Entdeckungen, sondern vielmehr einer lebenslangen Getriebenheit, die durch den Glauben an die Literatur angefeuert wird. Viele Szenen erscheinen allzu schön, um wahr zu sein, so wie die enge Freundschaft zu Dostojewski oder das Treffen mit Kaiserin Elisabeth von Österreich, die eine spiritistische Séance in Mykene abhält. Doch hat sich nicht schon Schliemann mit gewitzter Fantasie über manche Unstimmigkeit einfach hinweggesetzt? »Die Menschen lieben Geschichten und sie sollten sie bekommen.«
Nachdem der 1968 in Schwerin geborene und nun in Berlin lebende Autor Gregor Sander viele seiner bisherigen Romane und Erzählungen in Norddeutschland, gerne an der Ostsee, angesiedelt hat, springt er nun von Schliemanns Heimatort Ankershagen (»Schliemann war ein Nachbar«) in die weite Welt und zurück in das antike Griechenland. Mit viel Esprit, Witz und atmosphärischem Lokalkolorit. Dass Troja, später Nachmittag zeitgleich mit dem großen Hype um Christopher Nolans Film Die Odyssee erscheint, dürfte eher dem Zufall als verlegerischem Kalkül zuzuschreiben sein. Es ist ein leidenschaftliches Buch für alle Zeitreisenden und Altertumswissenschaftler im Geiste. Und für alle jene, die an die Kraft des geschriebenen Wortes glauben.
Titelangaben
Gregor Sander: Troja, später Nachmittag
München: Penguin 2026
320 Seiten. 24 Euro
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