Am sogenannten »Schwarzen Samstag«, dem 27. Oktober 1962, stand die Welt am Abgrund. Der Abschuss eines amerikanischen Aufklärungsflugzeugs über Kuba, die Verletzung des sowjetischen Luftraums durch eine weitere U-2 sowie die Konfrontation eines sowjetischen U-Boots mit einem US-Zerstörer nahe der kubanischen Hoheitsgewässer, bei der Übungswasserbomben seitens der Amerikaner zum Einsatz kamen, führten dazu, dass für die Hardliner in Moskau und Washington endgültig feststand: Ein Krieg zwischen den beiden Weltmächten war nicht mehr zu vermeiden. Von DIETMAR JACOBSEN
Dass sich im letzten Augenblick freilich besonnene Kräfte durchsetzten, denen klar war, dass eine nukleare Auseinandersetzung schnell in den Untergang der ganzen Welt führen könnte, ließ die Menschen diesseits und jenseits des Atlantiks noch einmal aufatmen. Auch Kriminalrat Philipp Gerber und die für den SPIEGEL arbeitende Journalistin Eva Herden, Ralf Langroths Protagonisten aus bisher vier Kriminalromanen, werden in die Ereignisse rund um die Kubakrise hineingezogen. Und das fünfte Abenteuer des inzwischen frisch verheirateten Pärchens steht seinen vier Vorgängern in nichts nach: Genaue Recherche, eine turbulente Geschichte und die Mischung aus historischen und fiktiven Figuren vor einem brisanten zeitgeschichtlichen Hintergrund garantieren erneut ein spannendes Leseerlebnis.
Ralf Langroths aus bisher vier Bänden – zuletzt Mauern und Lügen (2024) über die Zeit des Berliner Mauerbaus 1961 – bekannte Protagonisten, der gerade zum Kriminalrat beim BKA beförderte Philipp Gerber und die Journalistin Eva Herden, haben, nachdem sie sich 1953 zum ersten Mal begegnet sind, geheiratet. Allein ihre Flitterwochen, die sie auf einer Schiffsreise rund um das Mittelmeer feiern, enden früher als gedacht. Kaum in Casablanca abgelegt und noch eine tagelange Heimreise vor sich, fallen ihnen nämlich drei Mitreisende ins Auge, deren Benehmen Gerbers Gespür für alles Kriminelle wach werden lässt. Und der Kriminalrat täuscht sich nicht. Denn kurz darauf blickt Eva Herden in die Mündung einer Pistole.
Flitterwochen mit Esprit
Doch Gerber und Herden sind Gefahren gewohnt und haben außerdem in dem Schiffssteward Freder Guthmann noch einen mutigen Helfer an Bord, der tatkräftig dabei hilft, das kriminelle Trio festzusetzen. Umso verstörender dann die Nachricht von Philipp Gerbers Bonner Vorgesetzten: Die Geschäftsleute, deren Metier offensichtlich der weltweite Waffenhandel ist, sind auf der Stelle wieder freizulassen und nicht mehr zu behelligen. Aber so schnell geben weder Gerber noch die für den SPIEGEL tätige Investigativjournalistin Herden auf. Und so führt die Frage, mit welchen Waffen hier ein schmutziges Spiel getrieben wird und wer letztendlich der Adressat der geheimen Fracht ist, Gerber in ein Hamburger Milieu, in dem korrupte Anwälte, Kleinkriminelle und Sicherheitsleute, die im Hafen lieber die Hand als die Augen aufhalten, ihre lukrativen Geschäfte betreiben und dabei nicht davor zurückzuschrecken, mit international gesuchten Kriegsverbrechern und deren Helfershelfern zusammenzuarbeiten.
Ralf Langroth ist das Pseudonym des 1962 in Minden geborenen Schriftstellers Jörg Kastner. Dessen Leidenschaft für das Erzählen spannender Geschichten, verbunden mit einem Faible für Geschichte und der Lust am Recherchieren, führte den studierten Volljuristen, der sich schon während des Studiums mit dem Schreiben von Zeitschriftenartikeln, Kurzgeschichten und Heftromanen auf eine andere Karriere als die juristische vorbereitete, ab den frühen 1990er Jahren zur Spannungsliteratur. Bis dato schrieb Kastner unter eigenem Namen und verschiedenen Pseudonymen um die dreißig historische, fantastische und Kriminalromane. Mit der Philipp-Gerber-Eva-Herden Reihe gelang ihm dabei zuletzt eine Buchserie, die historische Wegmarken aus der deutschen Nachkriegsgeschichte als Hintergrund für spannend erzählte Kriminalgeschichten einsetzte. Mit Schwarzer Samstag ist er dabei nun im Jahr 1962, dem Jahr von Kuba-Krise und SPIEGEL-Affäre, angekommen.
Das Jahr von Kuba-Krise und SPIEGEL-Affäre
Dass die Waffen, denen Gerber und sein Team nachjagen, für Kuba bestimmt sind und sich rund um die seit Kurzem von den bärtigen Revolutionären um Fidel Castro beherrschte Karabikinsel gerade eine veritable Krise entwickelt, die allgemach auf einen Krieg zwischen den Weltmächten Sowjetunion und USA zusteuert, erleichtert die Arbeit des Kriminalrats nicht. Denn es gilt Rücksicht zu nehmen auf die eigenen, deutschen Interessen. Und die sind zwischen den unterschiedlichen Akteuren von Bundeskanzleramt – Gerber kennt Adenauer persönlich, seit dem Wahlkampf von 1953 ist er immer wieder in dessen Auftrag unterwegs gewesen –, über den Bundesnachrichtendienst unter dem ehemaligen Wehrmachtsgeneral Gehlen bis zur Sicherungsgruppe des BKA, für die Gerber arbeitet, keineswegs immer dieselben.
Dass der Weg der Schmuggelware noch dazu nicht direkt nach Havanna geht, sondern von Hamburg aus erst einmal der DDR-Hafen Rostock-Warnemünde angelaufen wird, wo die Fracht auf das ostdeutsche Urlauberschiff »Völkerfreundschaft« umgeladen wird, macht die Sache nicht einfacher. Zum Glück aber kann Gerber den Schiffssteward Freder Guthmann, der immer wieder aufgetaucht ist, wenn es gefährlich wurde für den Kriminalrat und seine Leute, und der nichts lieber täte, als sofort nur noch für Gerber zu arbeiten, an Bord schmuggeln.
Völkerfreundschaft einmal anders
Ein blutiger Anfänger im geheimdienstlichen Undercover-Auftrag. Ein Staatsbediensteter, der, gegen seine eigenen festen Überzeugungen von der Freiheit der Presse, plötzlich die Hamburger SPIEGEL-Redaktion zu besetzen hat, weil ein Artikel des Blattes über die deutsche Wehrfähigkeit als Landesverrat ausgelegt wurde. Eine Journalistin des SPIEGEL, die über die USA nach Kuba reist, um den »Máximo Líder« Castro zu interviewen, und dabei natürlich in Lebensgefahr gerät, weil sie den dubiosen Gestalten, die ihr schon die Flitterwochen verdarben, wiederbegegnet. Ralf Langroth hat eine Menge hineingepackt in seinen fünften Gerber-Herden-Roman.
Dabei kommt das Politische nicht zu kurz – Adenauer, Globke, selbst Helmut Schmidt – der »kann es noch sehr weit bringen«, lautet Gerbers Urteil über den Hamburger Innensenator – und auf der anderen Seite des Atlantiks die Kennedy-Brüder John F. und Bobby, Außenminister Rusk, Verteidigungsminister McNamara und als Figur, durch dessen Augen man auf den sich abspielenden Kampf zwischen Falken und Tauben rund um den Präsidenten blickt, Sicherheitsberater McGeorge Bundy, sie alle haben ihre mal kleinen, mal großen Auftritte. Dass sowohl Philipp Gerber als auch Eva Herden und – als neue Figur, der Langroth hoffentlich weitere Auftritte gönnt – der sympathische Freder Guthmann noch ganz persönliche Überraschungen erleben, ist des Guten fast schon ein bisschen zu viel. Immerhin ist damit aber genug vorhanden, das eine Fortsetzung der Reihe rechtfertigen würde.
Titelangaben
Ralf Langroth: Schwarzer Samstag
Hamburg: Rowohlt Taschenbuch 2026
464 Seiten. 18 Euro
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