Opa Ole besucht mit seinen beiden Enkelkindern Franka und Anton das Grab von Oma Elli. Das wird ein wunderbarer Spaziergang durch einen Friedhof, in dem es viel zu entdecken und viel zu erinnern gibt, freut sich ANDREA WANNER.
Natürlich sind diese Orte eng mit Verlust und Trauer verbunden. Umso schöner ist die Unbefangenheit, mit der das Trio seinen Besuch gestaltet. »Wollen wir einen Umweg machen? Oder gleich zu Oma Elli?«, fragt Opa Ole zu Beginn. »Einen sehr großen Umweg!«, wünscht sich Franka. Anton hat derweil schon eine schwarze Katze entdeckt, die sich fortan auf sämtlichen Bildern versteckt – eine charmante Suchaufgabe für kleine Entdecker*innen.
Ein lebendiges Wimmelbild aus der Vogelperspektive
Die Ruhestätte der Verstorbenen präsentiert sich den Lesenden zunächst aus der Vogelperspektive als detailreiches Wimmelbild. Opa und die Kinder starten ganz unten links am Eingang nahe der Friedhofsverwaltung. Von hier aus lässt sich das weitläufige Areal überblicken: Ganz unterschiedliche Grabstätten, ein Springbrunnen, steinerne Engel, ein Steinmetzbetrieb, ein Bestattungsinstitut, die Baumgräber und die Friedhofsgärtnerei säumen den Weg. Sogar das Grab von Oma Elli ist bereits auszumachen.
Auf dem Gelände herrscht reges, aber respektvolles Treiben: Zwei Beerdigungen finden statt, ein Bagger hebt eine neue Grube aus, Besucher sind unterwegs, Eichhörnchen tollen durch die Büsche, Vögel fliegen umher und selbst ein kleines Skelett hat sich versteckt. Dieser großartige Überblick zeigt sofort: Der Friedhof ist ein Ort des Erinnerns und Gedenkens, gleichzeitig wirkt er aber wie ein großer, einladender Park. Hohe Bäume, grüne Wiesen und bunte Blumenbeete betten Kreuze, Grabsteine und Gedenktafeln sanft ein. Weil es hier so friedlich ist, haben hier auch viele Tiere ein Zuhause gefunden; sogar ein Fuchs schleicht durchs Dickicht.
Vom Handwerk des Steinmetzes bis zum Pappsarg
Nach diesem Panorama widmet sich das Sachbuch auf Doppelseiten einzelnen Themen im Detail. Das Kapitel »Grabsteine« zeigt eine faszinierende Vielfalt an Monumenten und regt Opa und Enkeltochter zu einem kreativen Spiel an: Sie erfinden Geschichten zu den Namen. Auf einer dunklen, hohen Stele steht schlicht »Gork«. Franka fabuliert prompt: »Gork kam aus New York. Er hieß eigentlich Georg Gurke. Gork ist nur eine Abkürzung.« Weiter geht es mit dem Beruf des Steinmetzes. Hier wird die Ausrüstung vom Fäustel über das Sitzeisen bis zum Klüpfel anschaulich beschrieben und dessen Handwerk erklärt.
Beim Weiterschlendern philosophieren sie über das Sterben, über die Wahl zwischen Sarg und Urne, historische Friedhöfe und moderne Bestattungsmöglichkeiten. Opa gefällt ein unbehandelter, bunt bemalter Pappsarg besonders gut. Und Franka stimmt fröhlich zu.
Respektvoll, detailverliebt und voller Witz
Das Buch vermittelt spielerisch, wie eine Beerdigung abläuft, warum Menschen Ruhestätten besuchen, was es mit Seemannsgräbern auf sich hat und stellt berühmte Stätten der Welt vor: von den Pyramiden im alten Ägypten bis zur Friedhofsinsel San Michele vor Venedig. Auch praktische Anregungen für selbstgemachten Grabschmuck dürfen nicht fehlen.
Am Ende steht das Trio schließlich an Oma Ellis Grab, das liebevoll gepflegt seine ganz eigene Geschichte erzählt.
Das Wort »Friedhof« leitet sich ursprünglich vom alten Begriff ›frithof‹ ab, was einen eingefriedeten, also eingezäunten Bereich bezeichnet. Zugleich schwingt darin der Frieden mit, der diesen Ort so still und tröstlich macht. Eilika Mühlenberger, die 2025 bereits das Buch »Schwimmbad: Schwimmen lernen macht Spaß!« veröffentlichte, fängt diese ganz besondere Atmosphäre meisterhaft ein. Ihre gründominierten Illustrationen sind freundlich, originell und voller humorvoller Details – und bewahren dennoch stets den nötigen Respekt vor der Würde des Ortes. Ein wunderbares Buch, um mit Kindern ganz unbefangen ins Gespräch zu kommen.
Titelangaben
Eilika Mühlberg: Friedhof
Hildesheim: Gerstenberg 2026
48 Seiten, 22 Euro
Kindersachbuch ab 5 Jahren
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