Chemo und die Bohne in der Nase

Kinderbuch | Peter Schössow: Wo ist Oma?

Nie war Aufklärung so wichtig wie heute: Wer oder was ist Corona? Und was passiert in einem Krankenhaus? Von Corona wusste Schössow vor vier Jahren noch nichts, aber mit seinem Bilderbuch »Wo ist Oma?« nimmt er einem die Angst vor dem Krankenhaus. Und das ist heute wichtiger denn je. Von GEORG PATZER

Wo ist OmaKrankenhäuser sind unheimlich. Lange Gänge, hastig hastende Menschen, kranke, stöhnende Menschen, und alles riecht seltsam nach Putzmitteln und Desinfektion. Das kann einem schon Angst machen. Und gleich gar, wenn man sich verläuft. Wie Henry, als er eigentlich nur seine Oma besuchen will. Einen schönen Blumenstrauß hat er schon gekauft, bei »Planten & Blomen«. Aber da er noch klein ist, begleitet ihn seine Babysitterin, Gülsa. Aber dann klingelt ihr Handy, sie telefoniert mit Corinna. »Das dauert – es geht um den und den und die und die. Die kenn ich alle nicht. Das find ich langweilig. ‚Ich geh schon mal vor‘«, sagt er. »Jaja«, sagt Gülsa, »Aber bleib in der Nähe.« Und telefoniert und redet und hört zu.

Henry geht schon mal zur Information. Aber da er nur weiß, dass Oma »Oma« heißt, kann ihm die Frau nicht helfen. Er setzt sich neben andere Wartende. Gülsa aber telefoniert immer noch. »Sieht aus, als würde Gülsa sich grade mächtig ärgern. Das kann jetzt dauern, ich kenn das schon.« Deswegen geht Henry allein los – vielleicht findet er seine Oma ja auch so.

Die Odyssee beginnt. Ein Gang mit vielen Türen, überall klopft er. Manchmal kommt keine Antwort, manche Türen sind zu, manche offen, aber es ist niemand drin. Natürlich fragt er alle, denen er begegnet: Die drei, die in der Cafeteria stehen und sich Witze erzählen, den Mann, der eingewickelt ist wie eine Mumie, weil er »peng! – vor den Bus gelaufen« ist, Herrn Schlicksup, Mr. Lime und den dritten Mann in einem Zimmer, einen Jungen mit Glatze, der »Chemo« sagt und ihm erklärt, was das heißt. Einmal, im Fahrstuhl, wird er von Frau Hofer für ihren Sohn gehalten – die hat sich übrigens auch verlaufen und ist nicht davon abzubringen, dass er nicht ihr Günther ist. Dann trifft er Dakota: »Die kenn ich aus der Kita. Die ist in der Lummerland-Gruppe. Ich will abhauen – zu spät. Sie hat mich schon gesehen, winkt und kommt angelaufen.« Sie ist im Krankenhaus, weil sie eine Bohne in der Nase hat, »aber frag bloß nicht, wie die da reingekommen ist.«

Herz. Und der dritte Mann

Peter Schössows Bilderbuch ist eine pfiffige Idee, wie man anhand einer glaubhaften Geschichte alle Abteilungen eines Krankenhauses vorstellen kann, und die manchmal müden, manchmal grumpfeligen, manchmal unwirschen Gestalten gleich mit. Und das ist dann ein schönes Sammelsurium, vor allem, weil Schössows typische Ligne-claire-Bilder mit seinen flächigen Zeichnungen und zurückhaltenden Farben das in vielen Details noch verstärken und im Hintergrund auch noch andere Geschichten erzählen. Da schieben Schwestern in grünem Kittel Betten durch die Gegend, da sitzt der operierende Arzt müde auf einer Bank und ist ein wenig maulfaul und sagt auf die Frage, was sie da machen: »Operieren.« Und auf die Nachfrage: »Blinddarm raus und so?« einfach nur »Nein, Herz«.

Da sieht man in den Türen, an die Henry klopft, Männer mit und ohne Stock stehen, mit Kopfverband oder einem langen Gestell mit Beutel. In einem Zimmer drei Männer, einer mit verbundener Nase, der andere mit Augenklappe. Der Mann, der »peng! – vor den Bus gelaufen« ist, wird im Rollstuhl geschoben, während der Schiebende mit dem Handy telefoniert. Alte Männer mit Rollator sind zu sehen und junge, die schnellen Schritts einen Behälter davontragen, auf dem was mit »…man Organ« steht. Aus den Fahrstühlen schauen Nonnen im Habit, die meisten Menschen haben Pyjamas und Bademäntel an. Irgendetwas wird immer hin und her getragen oder geschoben, ein Tablett mit Medikamenten, Tassen und Teller, ein Wagen mit Verbandsmaterial, ein Essenswagen. Manche Menschen stehen einfach nur herum, es gibt Gespräche, tröstende Gesten, ermahnende Gebärden – es ist ein rechtes Gewusel.

Ein bisschen versteckt hat Schössow ein paar witzige Geschichten wie die mit Mr. Lime und dem dritten Mann, eine Anspielung auf den Film ›Der dritte Mann‹ mit Orson Welles. Oder wie der vor den Bus Gelaufene erzählt, der wohl Godot heißt: »Wahrscheinlich warten Wladimir und Estragon immer noch auf mich und fragen sich, wo ich bliebe. Die sind vielleicht verwirrt und machen irgendwelche Dummheiten…« Und natürlich will man auch wissen, wie die Bohne in Dakotas Nase gekommen ist, aber das erzählt Schössow nicht. Leider.

In dreißig doppelseitigen Bildern erzählt Schössow diese schöne Geschichte, wie Henry ungewollt ein riesiges Krankenhaus erforscht, wie nett zu ihm all die Ärztinnen und Pfleger und sogar die Patienten zu ihm sind, ihm alles erklären, z. B. was es mit dem Magen auf sich hat. Schön ist auch, dass Schössow das Tatsächliche abbildet, dass die Babysitterin eine Kurdin ist, die »Fröhliche Rose« heißt – die anderen sind Natascha, Shelly und Johanna, und dass das Krankenhaus voller Menschen mit anderen Hautfarben, Frisuren und Geschichten ist. Das alles erzählt Schössow undramatisch in einer Alltagsgeschichte verpackt, kenntnisreich, altersgerecht und humorvoll

| GEORG PATZER

Titelangaben
Peter Schössow: Wo ist Oma? Zu Besuch im Krankenhaus.
München: Hanser Verlag 2016
64 Seiten, 17,00 Euro
Kinderbuch ab 6 Jahren
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