Keine Traumwelt

Autobiografie | Daniel Keita-Ruel: Zweite Chance

Daniel Keita-Ruels Autobiografie Zweite Chance ist alles andere als ein gewöhnliches Buch. Wenn ein junger Mann von gerade einmal 30 Jahren in einem renommierten Verlagshaus eine Teil-Autobiografie (geschrieben vom Journalisten Harald Braun) vorlegt, dann darf man mit Fug und Recht zwischen den Buchdeckeln etwas erwarten, was sich jenseits des Mainstreams befindet, was überhaupt nichts mit der Glitzerwelt der großen Fußballbühne zu tun hat. Von PETER MOHR

Zweite Chance»Ich bin der Typ mit der dunklen Vergangenheit. Der Fußballprofi, der fast vier Jahre im Knast saß«, heißt es ohne Umschweife im Vorwort. So gerade heraus wie dieses Entree liest sich das gesamte Buch über einen talentierten jungen Burschen, der in Wuppertal in schwierigen sozialen Verhältnissen aufwuchs und im Fußball seine Chance zum sozialen Aufstieg sah.

Das klappte zunächst auch prima: In der Jugend kickte er für Borussia Mönchengladbach, erhielt aber dann keinen Anschlussvertrag und kehrte in seine Heimatstadt Wuppertal zurück – für ihn Fluch und Segen gleichzeitig. Fluch, weil seine Karriere beim Wuppertaler SV ins Stocken geriet und er immer häufiger mit straffällig gewordenen Bekannten aus der alten Nachbarschaft zusammen traf. Ein Segen war es für den Sohn eines senegalesischen Vaters und einer korsischen Mutter, weil er sich in seinem familiären Umfeld am wohlsten fühlte.

Und doch bog er trotz der fürsorglichen Obhut seiner Verwandten auf der Lebensbahn einmal richtig falsch ab, war an vier Raubüberfällen beteiligt, wurde am 8. Oktober 2011 (gerade 22 Jahre alt) verhaftet und anschließend verurteilt.

In Daniel Keita-Ruels Schilderung gibt es keine Schuldzuweisungen an Dritte. Er spricht offen seine Verfehlungen an, berichtet schonungslos von der »Hölle« des Knasts, in der allerdings – allen Schikanen zum Trotz – sein Traum vom Profifußball beinahe obsessive Formen annahm. Jede freie Minute nutzte er, um seinen Körper zu trainieren, um fit zu bleiben für die Zeit nach der Haft.

Als für Keita-Ruel eine psychologische Begutachtung für eine mögliche Haftverkürzung anstand, gab er der Sachverständigen auf die Frage, was er nach der Haft machen wolle, ehrlich und unmissverständlich die Antwort: »Ich will Profi werden.« Alle Einwände und Alternativvorschläge lehnte er – in einer Mischung aus Eigensinn und Beharrlichkeit – ab. Attestiert wurde ihm von der Psychologin, dass er in einer Traumwelt lebe. Damit war die Akte Haftverkürzung geschlossen.

Doch der Stürmer mit dem stählernen Body machte auf dem grünen Rasen dennoch – mit einigen Jahren Verspätung und diversen Karriereschlenkern – seinen Weg. Beim Oberligisten Ratingen hatte sich deren Trainer Peter Radojewski (beide kannten sich aus Wuppertaler Zeiten) für Keita stark gemacht und ihn aus dem offenen Vollzug in die 5. Liga geholt. Er schoss Tore am Fließband, wurde als vorbildlicher Teamplayer gefeiert und für seine offene und ehrgeizige Art geschätzt.

Danach ging es Jahr für Jahr mit Keita bergauf. Beim Regionalligisten Wattenscheid 09 traf er zwölfmal, wechselte dann in die 3. Liga zu Fortuna Köln, wo er 15mal traf. Eiserne Disziplin, großer Trainingsfleiß und ausgeprägter Teamspirit – diese Tugenden lobten sämtliche Trainer, die Keita-Ruels Weg in den »wahren« Profifußball begleiteten. Der Traum war Realität geworden, durch seinen Wechsel aus der Domstadt zum ewigen Zweitligisten Greuther Fürth.

Am 4. August 2018 stand der gebürtige Wuppertaler im Fürther Stadion am Ronhof zum ersten Mal im deutschen Profifußball auf dem grünen Rasen. Ob er nach seinen zwei Toren beim Sieg über den SV Sandhausen an das »vernichtende« Attest seiner einstigen Psychologin gedacht hat, ist nicht überliefert. Sein damaliger Fürther Trainer Damir Buric konstatierte: »Man spürt, dass ihn seine Vergangenheit geprägt hat, er hat seine Lektion gelernt.«

Daniel Keita-Ruel hat sich seinen Lebenstraum erfüllt und steckt noch voller Tatendrang, gerade so, als wolle er die verlorenen Jahre seiner Haftzeit irgendwie aufholen.

Zweite Chance ist eine völlig unpathetische, absolut authentisch klingende Zwischenbilanz – nicht hoch literarisch, eher eckig, kantig, ehrlich und offen – so wie das Leben des Daniel Keita-Ruel. »Wenn du am Boden liegst, musst du wieder aufstehen«, heißt es geradezu paradigmatisch auf der letzten Seite des Buches.

| PETER MOHR

Titelangaben
Daniel Keita-Ruel: Zweite Chance
Mein Weg aus dem Gefängnis in den Profifußball
Köln: Kiepenheuer und Witsch 2020
218 Seiten, 16 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Rreinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Der moderne Mensch

Nächster Artikel

Chemo und die Bohne in der Nase

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Er wollte noch fliegen lernen

Menschen | Zum Tod des provozierenden Multitalents Herbert Achternbusch

»Mein Vater war sehr leger und trank gern, er war ein Spaßvogel. Kaum auf der Welt, suchten mich Schulen, Krankenhäuser und alles Mögliche heim. Ich leistete meine Zeit ab und bestand auf meiner Freizeit. Ich schrieb Bücher, bis mich das Sitzen schmerzte. Dann machte ich Filme, weil ich mich bewegen wollte. Die Kinder, die ich habe, fangen wieder von vorne an. Grüß Gott!« Mit diesen typischen, schelmisch-provokanten Sätzen hat Herbert Achternbusch vor einigen Jahren sein eigenes Leben beschrieben. Zugespitzt, drastisch, gegen den Strom – so wie sein gesamtes künstlerisches Werk. Von PETER MOHR

Komik und Trauer vereint

Menschen | Zum Tode des Schauspielers Helmuth Lohner   In der Nacht zum Dienstag ist Helmuth Lohner im Alter von 82 Jahren gestorben. PETER MOHR blickt zurück auf das Werk des wandlungsfähigen Schauspielers. [Abb:Salzburger Festspiele 1990 – Jedermann: Helmuth Lohner, Sunnyi Melles Abb: Archiv der Salzburger Festspiele/Foto Weber]

Prosa als fehlender Rest

Menschen | Zum Tod von Jürgen Becker

»Vielleicht ein Versuch, die Zeit aufzuhalten und geräumtes Gelände zurückzugewinnen. Weit kommst du nicht mehr, aber fang nicht damit an, deine Schritte zu zählen; allein dein Schatten, falls Sonne vorhanden, begleitet dich«, hieß es im Band ›Die Rückkehr der Gewohnheiten‹ (2022) aus der Feder des viele Jahrzehnte unterschätzten Schriftstellers Jürgen Becker. Als »eine maßgebliche Stimme der zeitgenössischen Poesie« wurde Becker 2014 völlig zu Recht bezeichnet, als ihm der Georg-Büchner-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung Deutschlands, verliehen wurde. Von PETER MOHR

Angst dressiert

Menschen | Zum 70. Geburtstag von Nobelpreisträgerin Herta Müller

Vor 14 Jahren wurde Herta Müller der Nobelpreis für Literatur verliehen. Seitdem hat sie keinen Roman mehr und auch keine längere Erzählung veröffentlicht. In lockeren Intervallen sind schmale Bände mit Collagen, Essays oder Reden erschienen – so wie der nun vorliegende, 13 ganz unterschiedliche Texte umfassende Band »Eine Fliege kommt durch einen halben Wald«. Von PETER MOHR

Letzte Grüße nach Nartum

Menschen | Zum Tod des Schriftstellers Walter Kempowski

»Walter Kempowski ist ein Volksdichter, weil sehr viele Menschen seine Werke lesen und weil er wie kein anderer das Volk selbst zum Sprechen gebracht hat«, erklärte Bundespräsident Horst Köhler im Mai in Berlin, als er eine Ausstellung über Leben und Werk des Schriftstellers in Anwesenheit von dessen Ehefrau Hildegard eröffnete. Der Autor selbst konnte wegen seiner Krankheit den feierlichen Termin in der Hauptstadt nicht mehr wahrnehmen. Von PETER MOHR