Einfach schauen

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Kinderbuch | Aaron Becker: Die Reise

Eine Geschichte ohne Text zu präsentieren und trotzdem eine vollgültige Geschichte erzählen, spannend, mitreißend, mit sich überschlagenden Ereignissen, voll Gefühl und mit einer Heldin, die man rundum liebt, das ist große Kunst. Um eine solche Geschichte zu bekommen (und große Bilderkunst zu erleben) muss man nur Aaron Beckers Buch aufschlagen und einfach schauen. Von MAGALI HEISSLER

reiseDer Titel macht neugierig, aber eigentlich verrät er nichts. Alles, was man erfahren soll, sagen Beckers Bilder. Schon der Vorsatz ist programmatisch. Auf rotem Grund zeigen sich dunkle Schemen, beim näheren Hinsehen werden sie zu Fortbewegungsmitteln quer durch die Geschichte und die Elemente. Wikingerschiffe und Weltraumfähren z.B., Flugzeug, Dampflok, ein Auto, ein Unterseeboot entdeckt man, schattenhaft, wie im Traum. Sobald die Augen sie ausgemacht haben, werden sie deutlich und verschwimmen im nächsten Moment. Aber man ist schon aufs Reisen eingestimmt.

Vom munteren Rot fällt man auf der ersten Buchseite in Graubraun und müdes Gelblich. Die kleine Heldin sitzt auf den Stufen ihres Wohnhauses und langweilt sich. Fröhlich wirkt nur ihr kleiner roter Roller, aber er steht still. Kein Ort lockt, kein Weg winkt. Die Ampel steht auf Rot.

Im Elternhaus sieht es ähnlich aus. Vater, Mutter, Schwester sind beschäftig, niemand hat Zeit für das Kind, das spielen will. Allein in ihrem Zimmer findet sie schließlich ein Stück rote Kreide. Kurzerhand malt sie eine Tür an die Wand. Sie lässt sich öffnen, das Abenteuer beginnt. Mit Farbenpracht.

Fantasie pur

Ein grüner Wald voller Lampions, ein Fluss, eine seltsame Stadt mit Wasserwegen statt Straßen. Von Anfang an lässt Becker das kleine Mädchen Wunderliches schauen. Mit ihr schauen die Betrachterinnen. Es ist eine eigene Welt, voll Fremdartigem, Unerklärlichem. Festungen und Stadtanlagen sind fantastische Entwürfe und wirken zugleich vertraut, es sind Traumlandschaften bis hinauf in die Wolken, wo seltsame Fluggeräte ihre Bahn ziehen. Die Bilder sind großflächig, die Illustrationen großzügig angelegt. Details sind hingetupft und zugleich versteckt. Der Blick wird vom großartigen Ensemble gefesselt, ehe er sich lösen kann und sie beim Bemühen, das Bild zu verstehen, nach und nach ausmacht.

Noch während man dabei ist, das Panorama zu entschlüsseln, nimmt die Handlung ihren Fortgang. An einem Steg angekommen, zeichnet das Mädchen ein Boot, flugs steigt es ein und fährt davon. Die rote Kreide hat es fest in der Hand. Immer wieder wechselt es sein Reisegefährt, allerdings nie freiwillig. Seine Wege werden gefährlicher, ein neues Fortbewegungsmittel bringt die Rettung bis zur nächsten Gefahr. Die Handlung hat ihre eigene Logik, zugleich ist alles, was präsentiert wird, pure Fantasie. So wahr wie ein Traum, zusammengesetzt aus Erinnertem und Undeutbarem, realistisch und Illusion. Das Stücke rote Kreide ist ein Zauberstab, der Magie wirkt, wenn das Kind ihn ansetzt. Genau das geschieht auch, wenn Becker zeichnet.
Nach dem Prinzip Traum vermischt mit Realem sind auch die Blickwinkel gewählt, von denen aus Becker die Sicht erlaubt. Die Perspektiven sind zugleich Spiegel des jeweils herrschenden Gefühls, erwartungsvolle Neugier etwa auf dem Cover, Enge und Bedrückung beim Guckkastenblick ins Kinderzimmer oder Überlegenheit von oben über den Wolken.

Vom Schauen zum Handeln

Auf ihrem Weg verändert sich die kleine Reisende. War sie zunächst mit Schauen und Staunen beschäftigt und dazu mit sich, nämlich nur der Frage, wie sie weiterkommt, wird sie mit einem Mal aktiv über sich hinaus. Ein lilafarbener Vogel, eine einzigartige Farbe in der Traumwelt, obwohl diese bunt ist, wird von Fremden gefangen. Das Mädchen beschließt, ihn zu befreien und gerät prompt in Gefahr.
Beckers Heldin entwickelt auch ohne Text beträchtliche Charaktertiefe. Ihre Körperhaltung zeigt ihre Gefühle, erstaunlich nuanciert. Auch die Ausstattung ihres Zimmers verrät viel über sie. Reisen, die Welt entdecken liegt ihr am Herzen. Was ihr fehlt, ist ein wenig Antrieb. Hat sie ihn, gibt es kein Zögern mehr. Am Ende folgt der gebührende Lohn. Dabei werden alle Fäden verknüpft, es lohnt sich, das Anfangsbild genau zu betrachten. Es ist kein Zufall, dass die Ampel jetzt auf Grün steht.

Dass es keinen Text gibt, hat man fast umgehend vergessen. Die Betrachterin ist frei, ihre eigene Geschichte in Worte zu fassen. Niemand ist durch Worte oder Namen gebunden, diese Geschichte macht man sich mit den Augen zu eigen. Betrachtet man die Bilder für sich allein, entsteht sofort Intimität mit dem Buch, eine besondere private Abgeschlossenheit, wie man sie gegenüber etwas entwickelt, das einer ganz allein gehört.
Betrachtet man die Geschichte zu zweit oder zu mehreren wird wiederum ein eigener Text entstehen, gespeist aus mehreren Quellen. Aber immer sind es die Augen, die den Weg zum Erzählten weisen und eine staunen lassen.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Aaron Becker: Die Reise
(Journey, 2013)
Hildesheim: Gerstenberg 2015
40 Seiten, 14,95 Euro
Bilderbuch ab 5 Jahren

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