Bilder an der Wand, Risse in der Zeit

Kinderbuch | Maja Ilisch: Die verborgenen Bilder

Frieke hasst den Umzug, hasst die neue Wohnung. Aber es gibt etwas, das sie beinahe mit dem erzwungenen Neuanfang versöhnt: Beim Renovieren tauchen unter den alten Tapeten Zeichnungen auf, die sie magisch anziehen. Von ANDREA WANNER

Queerer Alltag und die Sehnsucht nach Idylle

Eine abgerissene Blümchentapete. Dahinter erscheint die schwarz-weiß-Zeichnung eines Mädchens.Freiwillig verlässt die Familie ihr Zuhause nicht. Der Vater hat sich geoutet, liebt einen anderen Mann und zieht mit ihm zusammen. Für die restliche Familie ist das alte Haus zu teuer. Während sich Frieke völlig unverstanden fühlt und sich in ihrer Wut isoliert, gehen die anderen ganz anders mit der Situation um. Ihre Mutter zeigt Verständnis und ihre ältere Schwester, die selbst eine gleichgeschlechtliche Beziehung führt, verübelt dem Vater nichts. Inmitten dieser familiären Dynamik, in der Frieke ihren Platz sucht, entdeckt sie etwas Unglaubliches: Berührt sie die Wandbilder, reist sie durch die Zeit. Sie landet in denselben Räumen, nur etwa hundert Jahre früher. Damals wohnte das Mädchen Ilsabeth mit ihrer Familie in der Wohnung. Ihre Porträts sind es, die an der Wand prangen. Als Ilsabeth ihren Besuch aus der Zukunft bemerkt, werden die beiden Freundinnen. Frieke flüchtet immer öfter vor den queeren Realitäten ihrer Gegenwart in die vermeintlich traditionelle, heile Welt der 1920er-Jahre.

Der schleichende Einbruch der Geschichte

Alles war damals besser, glaubt Frieke anfangs. Doch dann kommen ihr leise Zweifel. Die späten Zwanzigerjahre in Deutschland waren auch die Zeit, die Hitler den Weg ebnete. Die Weltwirtschaftskrise stürzte das Land in Massenarbeitslosigkeit und Armut – ein Nährboden, den die NSDAP mit radikaler Propaganda, antisemitischen Sündenböcken und völkischen Idealen für sich nutzte. Erschrocken stellt Frieke fest, dass auch in Ilsabeths Familie offene Sympathien für die Nationalsozialisten gehegt werden.

Ein wichtiges Buch für die Gegenwart

Maja Ilisch verknüpft diese Geschichtslektion geschickt mit einer hochmodernen Fantasygeschichte. Der Kontrast könnte nicht größer sein: Auf der einen Seite eine moderne, queere Patchwork-Familie in der Gegenwart, auf der anderen Seite das Abgleiten einer historischen Familie in die Nazi-Ideologie. Gerade in Zeiten, in denen rechtsradikale Kräfte wieder erstarken und Vielfalt bekämpfen, ist dieser Blick zurück schmerzhaft, aber unheimlich wichtig. Ein aufrüttelnder Roman, der zeigt, wie damals alles anfing – und warum wir heute unsere offene Gesellschaft verteidigen müssen.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Maja Ilisch: Die verborgenen Bilder
Hamburg: Oetinger 2026
304 Seiten, 16,00 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Geschichten über Einsamkeit und Liebe

Nächster Artikel

Vom Geizhals zum Gastgeber

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Neuigkeiten aus dem Tierreich

Kinderbuch | Clemens J. Setz: Mopsfisch

Liger, Zesel und Schiege gibt es tatsächlich. Und wir wissen, dass ein Murmelentenmausefüßler den Kopf vom Murmeltier und, das Schwänzchen von der Maus hat. Und der Mopsfisch ist eben oben ein Mops und unten ein Fisch. Klare Sache, findet ANDREA WANNER

Ein Feuerwerk für die Sinne

Kalender | Der Kinder Kalender 2021

Das Nashorn ist plötzlich nicht mehr allein, hatte deutlich das Gefühl, umflattert zu sein. Ein funkelndes Kaleidoskop prall gefüllter und märchenhaft durchwobener Gedichte und Geschichten: Zum elften Mal gibt die Internationale Jugendbibliothek einen Kinderkalender heraus, der SUSANNE MARSCHALL begeistert.

Staunen, was Kunst kann

Kinderbuch | Sigrid Eyb-Green: Kunst! Forschen

»Was genau ist eigentlich Kunst?« Mit dieser Frage startet das ebenso ungewöhnliche wie faszinierende Sachbuch eine Reise in die Welt der Kunst. Der verblüffende Ansatz ist die Forschung und man darf sich auf Überraschungen gefasst machen, freut sich ANDREA WANNER

Tut gar nicht mehr weh

Kinderbuch | Emma Adbåge: Die schönste Wunde

Verletzungen kleiner Art gehören zum Kinderalltag. Pflaster drauf und vergessen. Aber eigentlich ist so ein Unfall unfassbar spannend, wenn man mal genau hinschaut, findet ANDREA WANNER.

Nicht mehr weggucken

Kinderbuch | Maria Inés Almeida & José Almeida de Oliveira: Kein Bett in der Nacht

In Deutschland gibt es viele Zehntausende obdachloser Menschen. Sie alle haben keine Wohnung, schlafen irgendwo, in geschützten Ecken und Nischen, unter Brücken, irgendwo im Freien oder in Notunterkünften. Ihre Zahl steigt. Das Hauptproblem: fehlender, bezahlbarer Wohnraum. Dass diese Thematik in ein Kinderbuch einzieht ist sicher ungewöhnlich, aber, wie dieses Buch zeigt, hervorragend zu lösen. Von BARBARA WEGMANN