//

Spitze

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Spitze

Nein, absolut nicht, er habe keine Lust, sich damit zu beschäftigen, sagte Farb.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Das sei immer dasselbe, sagte Wette, die realen Verhältnisse bildeten sich auf allen Ebenen ab, man lebe nun einmal in einer Hochleistungsgesellschaft, da fändest du eine schmale Spitze und eine breite Basis, überall, wo du auch hinsiehst, das sei der Lauf der Dinge.

Ob das so einfach sei, fragte Annika.

Sobald du ein zweites Mal hinsiehst, paßt es schon nicht mehr, wandte Tilman ein.

Und ob das gerecht sei, ob das vernünftig sei, ergänzte Annika, sie denke da sofort an die Verteilung der Reichtümer und ob das leistungsgerecht geschehe.

Farb lachte. Sei das nicht ein Langweiler, frage er sich, alle Nase lang werde davon schwadroniert, und dennoch bewege sich Politik keinen Deut, man habe den Eindruck, sagte er, die Existenz der Milliardäre sei politisch gewollt, sie werde mit Zähnen und Klauen verteidigt, und daran hänge so einiges mehr.

Er nickte und tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Deren Reichtum wachse, sagte er, und gleichzeitig breite sich in der Bevölkerung Armut aus, und niemand habe auch nur das geringste Interesse, daran etwas zu ändern.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Im Hintergrund würden Fäden gezogen, sagte er.

Leistungsgesellschaft, spottete Farb.

Annika schenkte Tee nach, sie hatten wieder das Service mit dem Drachen aufgedeckt, rostrot, das Tilman, wie es hieß, aus Beijing mitgebracht habe, er sei dort auf der Großen Mauer einen Halbmarathon gelaufen, nein, nicht, nicht die gesamte Strecke, die Mauer biete ja oft gar nicht hinreichend Raum, daß man einander überholen könne, und seit neuestem sei zu lesen, daß dort im Halbmarathon auch humanoide Roboter angetreten seien, das sei nun wohl der Lauf der Dinge, das Maschinenwesen läute den Endspurt ein, selbstlaufende Automaten, einen zeigten die Nachrichten, der während des Rennens unversehens in seine Einzelteile zerfiel, so kann’s gehen, schlecht programmiert, und das schnellste Exemplar ›Blitz‹ sei seiner menschlichen Konkurrenz mit 50:26 davongelaufen.

Farb aß von seiner Pflaumenschnitte.

Es mache keinen Sinn, sagte Wette.

Wir erlebten kein Wachstum, sondern einen Wildwuchs, sagte Farb, ein heftiges Durcheinander, Politik werde nicht geplant, sondern geschehe nach dem Prinzip laissez faire, und niemand könne sagen, worauf das hinauslaufen werde.

Man dürfe das nicht mißverstehen, wandte Tilman ein, auf keinen Fall, man lebe in Zeiten des Umbruchs, und erinnerte an die Verschiebungen der politisch mächtigen Blöcke, und damit nicht genug, sagte er, der Mensch müsse die klimatischen Zuspitzungen bewältigen, da würden ihm seine Automaten wenig hilfreich sein, und vermutlich sei auch das noch fahrlässig formuliert, denn der Mensch sei beileibe nicht Herr des Geschehens, sondern verkenne seine Situation, er urteile aus anthropozentristischer Perspektive und spiele sich mächtig auf gleich jenem unsäglichen siebenundvierzigsten Präsidenten.

Von dem man am Montag nicht wisse, sagte Wette, ob er am Freitag noch im Amt sei.

Tohuwabohu, sagte Annika.

Chaos als Ordnungsprinzip, spottete Farb.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Bilder vom Hafen und von St. Pauli

Nächster Artikel

Geschichten über Einsamkeit und Liebe

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Flamme

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Flamme

Die Tage zu zählen, sei sinnlos. Die Fangpause, hieß es, werde dauern.

Der Ausguck und Thimbleman hockten am Strand, in Sichtweite der ›Boston‹, sie hatten den Nachmittag über landeinwärts Holz gesammelt, morsche Stücke, leicht brennbar. Nun saßen sie davor, ohne daß sie sich gelangweilt hätten, die Zeit verstrich, sahen zu, wie von Osten gemächlich die Dämmerung heraufzog, der Ausguck entzündete das Feuer.

Sanctus und Touste schlenderten von der ›Boston‹ herüber und gesellten sich dazu, die Flamme züngelte, knisternd bildete sich Glut, niemand sprach oder bewegte sich, sie standen im Bann des Feuers.

Thimbleman legte von Zeit zu Zeit einen Scheit nach, darauf bedacht, die Flamme niedrig zu halten, die Temperaturen waren subtropisch mild, es ließ sich aushalten, das rastlose Flackern zog die Blicke auf sich.

Ein Schauspieler ohne Zuschauer

Roman | Milan Kundera: Das Fest der Bedeutungslosigkeit »Man muss sie lieben, die Bedeutungslosigkeit, man muss lernen, sie zu lieben«, verkündet Ramon, eine der Hauptfiguren in Milan Kunderas neuem Roman ›Das Fest der Bedeutungslosigkeit‹ – das erste größere Erzählwerk des 1929 in Brünn geborenen und seit den 1970er Jahren in Frankreich lebenden Autors seit 2001. Damals hatte sich Kundera in ›Die Unwissenheit‹ noch mit seinem eigenen Schwellendasein zwischen den Kulturen beschäftigt, hatte seine Figuren Irena und Josef mehr aus Neugierde denn aus echtem Heimweg nach langer Zeit von Frankreich nach Prag zurückgeschickt. Von Peter Mohr

Dämmerung

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Episode der Dämmerung

Ob sie je darauf geachtet hätten, wann die Dämmerung anbreche.

Er mache Witze, sagte McAlister.

Die Sonne gehe unter, spottete Pirelli.

Sut lächelte, und Stille trat ein.

Thimbleman reckte die Arme.

Eldin fühlte nach seinem Schultergelenk.

Wann sie endlich wieder die Schaluppen zu Wasser brächten, wollte Harmat wissen.

Dämmerung

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Dämmerung

Ob sie je darauf geachtet hätten, wann die Dämmerung anbreche.

Er mache Witze, sagte London.

Die Sonne gehe unter?, spottete Pirelli.

Kann nicht wahr sein, sagte Rostock.

Sut lächelte.

Thimbleman reckte die Arme.

Eldin fühlte nach seinem schmerzenden Schultergelenk.

Wann sie endlich wieder die Schaluppen zu Wasser brächten, wollte Harmat wissen.

Liebesgeschichte und Tragödie

Kurzprosa | Christine Wunnicke: Nagasaki, ca. 1642

Liebesgeschichte und Tragödie auf Deshima. Im 17. Jahrhundert waren die Holländer die einzigen westlichen Ausländer, mit denen die Japaner Handel trieben. Sie mussten auf einer kleinen Halbinsel vor Nagasaki wohnen, streng kontrolliert. Aber manchmal kam es doch zu kuklturverwirrenden Begegnungen. Christine Wunnicke, eine grandiose Erzählerin von Geschichten aus dem Fernen Osten, erzählt von einer Rache, die sich viel Zeit gelassen hat. Von GEORG PATZER