Der Hamburger Schriftsteller Wolfgang Borchert (1921–1947), dem für sein Schaffen nur wenig Zeit vergönnt war, hat seiner Vaterstadt mehrere Gedichte gewidmet, dass er sie auch gemalt hat, war bisher nur ganz wenigen Kennern bekannt. Über seine künstlerische Seite kann man sich jetzt erstmals umfassend in einem Buch mit dem Titel ›Er wollte einmal Maler werden – Farbige Bilder und Zeichnungen von Wolfgang Borchert‹ informieren.
Das Ende Mai im Hamburger Verlag Angeli & Engel erschienene Buch vereint rund 70 Motive aus der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek. Diese werden zum Teil ganzseitig abgebildet und in Aufsätzen zum bildkünstlerischen Schaffen des Autors erläutert.
Zu Borcherts Bildern gehören Szenen vom Hamburger Hafen, vom Vergnügungsviertel St. Pauli und vom beliebten »Dom«-Volksfest. Es gibt auch etliche mit der See und der Elbe zusammenhängende Motive, so etwa einen bärtigen Matrosen, der vergnügt auf einem Seepferdchen reitet. Zudem hat der Schriftsteller eine farbige Darstellung des Klabautermanns geschaffen, jenes Kobolds aus dem seemännischen Aberglauben, der sich – den Erzählungen zufolge – auf Segelschiffen in den Laderäumen polternd zu schaffen macht oder in die Takelage klettert, wie es bei Borcherts Bild der Fall ist. Die gelbgesichtige Figur hoch oben am Mast hat den Mund weit aufgerissen zu einem Schrei. Weitere seiner farbintensiven Porträts gelten etwa einem »Mächtigen Asiaten« oder einer zierlichen Chinesin mit einer Laterne, auf der die Lockung »Komm« steht.
Ein typisches Bildmotiv des Schriftstellers ist die Zeichnung »Große Liebe zu einer kleinen Laterne«, auf der sich ein dürrer bärtiger Seemann in Schifferhosen und rotem Pullover an eine Laterne klammert und bewundernd zu einem Frauengesicht aufblickt, das neben dem Lampenkörper schwebt. Auf der Zeichnung »Wir machen Musik« sind zwei Bläser in heftiger Aktion zu sehen, einer mit einem schwarzen Zylinder ausgestattet. Mit starken Farben hat Borchert sein Bild »Alkohol« gestaltet, auf dem sich ein Mann im Rausch an einer gebogenen Straßenlaterne festhält und Frauennamen von Eva bis Ulla grölt, die auf der Darstellung alle markant hingeschrieben sind. Aber der Schriftsteller konnte es auch feiner und gefühlvoller, hat mehrere zarte weibliche Gesichter gezeichnet, die er Postsendungen an junge Frauen beilegte, um deren Gunst er eben nicht nur mit seinen Versen, sondern auch mit bildlichen Darstellungen warb. Zudem gibt es von Borcherts Hand zwei anmutige Katzenbilder, die sicher das Entzücken von Kindern und anderen Liebhabern der kuscheligen Tiere finden.
Zweimal hat sich Wolfgang Borchert auch selbst gezeichnet, wobei die dabei entstandenen Porträts sehr unterschiedlich ausgefallen sind. Das ältere Selbstbildnis, das vom Herbst 1944 stammt, zeigt den Künstler als feschen jungen Mann vor einer großstädtischen Kulisse und war schon etwas länger bekannt. Ganz neu aufgetaucht ist kürzlich eine weitere gezeichnete Selbstdarstellung aus dem Jahr 1946, die im Kontrast zum früheren »Bruder Leichtfuß« einen bitterernsten Melancholiker zeigt.
| TITEL-REDAKTION
Titelangaben
Peter Engel, Konstantin Ulmer (Hgg.): »Er wollte einmal Maler werden«
Farbige Bilder und Zeichnungen von Wolfgang Borchert
Hamburg: Angeli und Engel 2026
Hardcover, Format 24 x 30 cm, 60 Euro (Normalausgabe)
128 Seiten mit ca. 100 überwiegend farbigen Abbildungen

