Giuseppe Verdis Oper ›Nabucco‹ wurde 1842 an der Mailänder Scala uraufgeführt. Auch wenn die gesehene Inszenierung 184 Jahre später möglicherweise nicht darauf abzielte, ein politisches Statement abzugeben, waren etwaige Parallelen durchaus erkennbar. Kein Wunder, denn die Oper ist als Kunstform nicht nur politisch relevant, sondern wird auch im Kontext unserer Realität interpretiert. Verdis frühes Meisterwerk wurde am 23.05.26 im Opernsaal der Staatsoper Berlin sowie als Liveübertragung auf dem angrenzenden Bebelplatz für ungefähr 15.000 Menschen mit Fantasie und Intensität auf die Bühne gebracht und hinterließ nicht nur bei Anna Noah einen bleibenden Eindruck.
Dramma lirico mit vielen tollen Stimmen
Nabucco erzählt vom Machtkampf zwischen den Babyloniern und den Hebräern im alten Jerusalem. Der babylonische König Nabucco erobert die Stadt und verschleppt die Hebräer ins Exil.
Seine ehrgeizige Tochter Abigaille versucht, selbst die Herrschaft an sich zu reißen. Nabucco verfällt nach einer Gotteslästerung dem Wahnsinn und verliert seine Macht. Die gefangenen Hebräer hoffen währenddessen auf Freiheit und ihre Rückkehr in die Heimat. Am Ende findet Nabucco zum Glauben zurück, befreit die Hebräer und Abigaille stirbt voller Reue.

Lidia Fridmans kraftvolle Stimme verlieh der Rolle der Abigaille eine enorme Vocal Range. Ihre technische Präzision war beeindruckend fehlerfrei, insbesondere in den anspruchsvollen Koloraturpassagen, die permanent in ihrem Charakter auftauchten. Sie hat eine Stimme, die alle Aufmerksamkeit sofort auf sich zieht.
Durch Ariunbaatar Ganbaatar als Nabucco bekam die Rolle einen ganz eigenen Charme. Seine Interpretation wirkte regelrecht authentisch – vor allem die dramatischen Wandlungen vom Tyrannen über den Gefangenen bis hin zum Gläubigen voller Demut. Es gab viele erstklassige Nuancen in Gesang und Darstellung, die ihresgleichen suchen.
Tariq Nazmis Darstellung des Zaccaria strahlte ebenfalls eine gewisse Autorität aus, wobei dessen resonanter Bass seiner Rolle als hebräischer Prophet eine zusätzliche Kraft verlieh. Kurz nach Beginn der Oper kam es zu einer hörbaren stimmlichen Instabilität, der aber den Rest der Aufführung absolute Souveränität folgte.
Obwohl Fenena eher eine kleinere Rolle war, war Elena Maximovas Leistung solide. Dasselbe gilt für Ismaele, gesungen von Andrès Moreno García. Die Partitur war unbestreitbar ikonisch und die musikalische Darbietung tadellos.
Ein leuchtender Käfig mit Königskrone
Die Inszenierung präsentierte sich visuell interessant. Eine imposante Wand, die die hängenden Gärten von Babylon darstellen sollte und üppig mit Blumen und Licht dekoriert war, dominierte die Bühne. In den bereitgestellten Nischen stand der Chor der Darstellenden. Davor wurde öfter ein leuchtender Käfig mit Königskrone präsentiert. Später ließ man immer wieder eine Trennwand auf die Bühne herab, die als Mauer diente. Dieses Bühnenbild passte sich wundervoll an die Kostüme an, die sehr fantasievoll-surreal gestaltet waren. Überhaupt schien alles eher fantastisch, als im historischen Kontext der Entstehung der Oper zu agieren, denn es gab völlig überflüssige Pistolen auf der Bühne. Überflüssig, weil die Musik bereits Unheil in sich ankündigte. Überhaupt wurde ständig mit Pistolen auf andere gezielt, auch Abigaille, Nabuccos vermeintliche Tochter, hatte ständig einen Revolver in der Hand.
Relativ geschmacklos zeigte sich die Choreographie zu Beginn, wo mit Spitzenhauben maskierte Personen Jüdinnen abschlachten, man sah fliehende Frauen und Kinder, die gequält und danach liquidiert wurden. Die Choreographien von Manuela Lo Sicco sind ohne Frage eigen, bleiben aber im Gedächtnis. Interessant war auch, dass die meisten Aktionen von Statisten übernommen wurden.
Es gab überraschenderweise keinen gravierenden Schwerpunkt auf das Bildungsbürgertum der Israeliten oder auf das babylonische Militär. Eher wurden hier die Religion und Kriege im Namen derselben hervorgehoben. Bezeichnenderweise führt die zusätzliche Gewichtung der Liebeskonstellation um Zaccaria, Fenena und Abigaille zu einer Distanzierung vom zentralen Motiv des unterdrückten Volkes, zumal die romantische Ebene dem Opernpublikum in dieser Ausprägung wohl kaum unmittelbar zugänglich gewesen sein dürfte.
Parallelen zum Nahost-Konflikt
Das berühmteste Stück »Va pensiero« des Gefangenenchors drohte beinahe zur Nebenhandlung degradiert zu werden, vermutlich deshalb, weil der Chor nicht auf der Bühne selbst, sondern in den Nischen der Hängenden Gärten platziert war. Unter der Leitung von Francesco Lanzillotta arbeitete das Orchester jedoch mit großer Intensität daran, der Oper und besonders dem Chor eine eigene Eleganz und Aura zu verleihen, obwohl dieser szenisch kaum in Erscheinung trat.
Die Darstellung der Unterdrückung der Israeliten in der Oper ließ Assoziationen an den anhaltenden Nahostkonflikt aufkommen. Einzelne unterschwellige Anspielungen boten Raum für entsprechende Deutungen. Dies verweist auf die besondere Herausforderung, ein solches Werk in der Gegenwart aufzuführen. Auch wenn Emma Dantes Inszenierung keine explizit politische Botschaft verfolgen mag, bleibt zu berücksichtigen, dass Verdi selbst politisch stark geprägt war und seine Opern häufig politische Bedeutungsräume eröffnen, unabhängig von der jeweiligen Intention der Regieführung.
20 Jahre »Staatsoper für Alle«
Am 23. und 24. Mai 2026 feierte ›Staatsoper für Alle‹ mit Verdis ›Nabucco‹ mit freiem Eintritt unter freiem Himmel als Auftakt sein großes Jubiläum. Der Bebelplatz bot dafür mit Staatsoper Unter den Linden, Humboldt-Universität zu Berlin, der St.-Hedwigs-Kathedrale und dem Boulevard Unter den Linden eine eindrucksvolle Kulisse. Die Musik erreichte somit nicht nur die Menschen, die auf mitgebrachten Decken und Stühlen die Oper genossen, sondern einen ganzen Stadtteil.
Die Oper wurde ab 18:00 Uhr live aus der Staatsoper Unter den Linden für ungefähr 2 Stunden und 40 Minuten inklusive Pause über eine Großleinwand auf dem Bebelplatz übertragen. Tausende Menschen folgten der Einladung von BMW, dem Autohersteller, der die Veranstaltung seit inzwischen 20 Jahren sponsert. Als die Mitwirkenden nach der Vorstellung vor das Opernhaus traten, wurden sie mit langanhaltenden Standing Ovations gefeiert.
Angesichts der schieren Menschenmenge sagte Francesco Lanzillotta auf der Außenbühne gerührt: »Today we feel like rockstars.« (Heute fühlen wir uns wie Rockstars.).
Können über Glamour
Die Bühnengestaltung und die Kostüme fesselten neben dem Gesang die Aufmerksamkeit des Publikums. Nabuccos Thron glich einem Vogelkäfig, und in seinen Alpträumen wurde er von einem goldenen Gespenst verfolgt, das sich mitunter förmlich an ihm festzuklammern schien. Diese Einfälle sind durchaus interessant, tragen jedoch wenig zum Gesamtverständnis bei. Auch wenn die Inszenierung visuell beeindruckte, wirkte sie insgesamt etwas fantastischer als notwendig. Bei einer so ausdrucksstarken Oper bedarf es keines übermäßigen Glamours – die Musik spricht für sich, und sie ist zeitlos. Das Können der Darstellenden versöhnte mit einem Bühnenbild, das stellenweise schlicht »etwas drüber« war.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das durchweg hohe künstlerische Niveau des gesamten Ensembles den lauen Maiabend zu einem wahrhaft bemerkenswerten Erlebnis machte.
| ANNA NOAH
| Fotos: BERND UHLIG
Titelangaben
Giuseppe Verdi: Nabucco
Dramma lirico in vier Teilen (1842)
Text von Temistocle Solera
Musikalische Leitung: Francesco Lanzilotta
Inszenierung: Emma Dante
Bühne: Carmine Maringola
Kostüme: Vanessa Sannino
Nabucco: Ariunbaatar Ganbaatar; Abigaille: Lidia Fridman
Ismaele: Andrés Moreno García; Fenena: Elena Maximova
Zaccaria: Tareq Nazmi; Anna: Clara Nadeshdin
Abdallo: Junho Hwang; Hohepriester des Baal: Hanseong Yun
Staatsopernchor, Staatskapelle Berlin

