Bologna im Frühling

in Jugendbuch/Kinderbuch

Kinderbuch | Jugendbuch 53. Internationale Kinder- und Jugendbuchmesse Bologna

Atmosphärische, klare, pfiffige und kinderlogikschräge Texte und Illustrationen. Ein Gang über die 53. Internationale Kinder- und Jugendbuchmesse Bologna, mit Deutschland als Gastland. Von SUSANNE MARSCHALL und GEORG PATZER

Bologna Children book fair 2016»Räuber jagen! Riesen fangen! Drachen schleudern!« Das ist so etwas wie der Wahlspruch der Prinzen. Immer haben sie es eilig. Stehen früh auf, schlingen ihr Frühstück runter. Rasen los. Nur ihr Bruder Willibald, der schafft es nicht. Ist immer der letzte. Trödelt und genießt: »Seine nackten Füße wollten noch ein bisschen länger in der Wiese stehen. Seine Nase wollte noch ein bisschen länger den leckeren Apfelbaum riechen.« Wie viele Erwachsene mögen auch seine flotten Brüder das gar nicht: »Prinz Bummelletzter« nennen sie ihn, »Kriechgurke, Lahmschnecke, Trödel-Dödel!«

Aber dann, an einem Morgen, ist er doch mal schnell. Beinah. Da waren seine Brüder längst weg, haben ihm nur einen Zettel dagelassen, dass sie mal eben Prinzessin Fritza befreien werden. Das findet auch Willibald schick, und so eilt er hinterher. Allerdings muss er vorher ja noch einen Kuchen backen, sich ein Geschenk für die Prinzessin ausdenken und ein Lied einstudieren. Und überlegen, wie sie wohl aussieht und ob sie auch auf Bäume klettern kann. Und so ist es dann doch wieder später Nachmittag, als er sich auf den Weg macht.

Skurril, witzig und charmant ist das Bilderbuch ›Prinz Bummelletzter‹ von Sybille Hein, das vom durchschlagenden Erfolg eines verträumten Prinzen erzählt. Auf der diesjährigen Internationalen Kinder- und Jugendbuchmesse in Bologna war es eines von vielen ganz besonders schönen Büchern, die das Gastland Deutschland in einer extra Ausstellung präsentierte.

Zu entdecken gab es wieder viel. Es schien so, als wenn die Qualität diesmal etwas höher als in den letzten drei, vier Jahren war: Die Liste der Bücher, die man auf gar keinen Fall hätte verpassen mögen, ist dieses Jahr sehr, sehr lang gewesen, sogar die der deutschen Bücher, die oft nicht gerade mit außergewöhnlichen Texten und Illustrationen … naja, lassen wir das. Aber dieses Jahr!

Das hat wohl auch die Preisjury gemerkt und gleich zwei der begehrten »menzione speciale« (»besondere Erwähnungen«) an deutsche Bücher vergeben. Eines davon an eines der schönsten Sachbücher, die wir gesehen haben:

»Alle Wetter«

Britta Teckentrup - Alle WetterEs regnet. Hauchzarte Bindfäden fallen aus einem mausgrauen Abendhimmel und verschleiern die letzten grade noch sichtbaren Silhouetten: Die dunkelgrauen Hügel am Ufer gegenüber verschwimmen zu riesengroßen Walfischgebilden, die menschliche Figur im Vordergrund ist eine weichgezeichnete nebulöse Gestalt und das Wasser eine geschnürte hellgraue Fläche. Aber nur fast: Denn auf einem Teil des Wassers tanzen silberweiße Lichter auf kleinen Wellen – der Mond, der sich spiegelt, glitzernd und glänzend. Und schaut man genau in den regenverhangenen Himmel, sieht man auch dort ein vages Leuchten in all dem Grau.

Stimmungsvoll stimmig ist das Buch ›Alle Wetter!‹ von Britta Teckentrup (Verlagshaus Jacoby & Stuart), sinnlich und informativ: In einem leichten, schwingenden Ton erzählt sie vom Sonnenschein und den Schäfchenwolken, von Nieselregen, Graupelkörnern und Schneeflocken, die fast das ganze Licht reflektieren: »Deshalb ist Schnee weiß.« Sie erzählt vom Wetterleuchten, von sintflutartigen Regenfällen und Donnergrollen, von Hochwasser, Blitzeis und Sandstürmen. Und illustriert ihre atmosphärischen, klaren und präzisen Texte mit poetischen, in sich ruhenden Drucken, die aufs Wesentliche konzentriert sind: Teckentrup nimmt den Leser mit auf eine Reise durch »alle Wetter« und zeigt mit ihren kongenialen Bildern, wie das Wetter die innere Stimmung beeinflussen kann.

Disability Award

Zum ersten Mal wurde auf der Messe ein Preis ausgelobt für Bücher, die von Kindern mit Handicap erzählen oder für sie geschrieben sind, und Birte Müllers ›Planet Birte Müller - Planet Willi‹ (Klett Verlag) ist das zweite deutsche Buch, das ausgezeichnet wurde: Ohne Pathos, pädagogischen Zeigefinger oder mitleidiger Sentimentalität schildert sie das Leben und die Welt eines Kindes mit Down-Syndrom, illustriert mit einfachen, naiv kindgerechten Bildern. Es ist ein eigener Planet, auf dem Willi lebt und Müller deckt dabei die ganze Palette der täglichen Emotionen ab, zeigt in Bild und Text Zufriedenheit, Stress, Ironie und gedankenvolle Reflektion. Und nach und nach öffnen sich auch dem kleinen Leser neue Horizonte.

Andere Bücher in dieser Kategorie erzählen vom Blindsein (›I can’t see‹, Little Soldier Publishing, Taipei), Dyslexie (›Din Tur, Adrian‹, Mirando Bok, Stockholm) oder vom täglichen Leben eines Vaters mit seinem Sohn Mallko (›Mallko y Papá‹, Editorial Oceano di Mexico) in Tagebuchform, mit einer großen Bandbreite an Texten und Illustrationen, Collagen, Zeichnungen, Fotos. Und man fragt sich, warum dieser schöne Preis erst jetzt erfunden wurde. Die internationale Organisation Ibby sammelt seit vielen Jahren Bücher dieser Art und ist auch in Bologna immer wieder vertreten. Auch, weil sie einen der wichtigsten Literaturpreise der Welt vergibt, den Hans Christian Andersen-Preis, den dieses Jahr u.a. Rotraut Susanne Berner bekommen hat.

Katsumi Komagata

Katsumi Komagata betrachtet die neuesten Arbeiten einer IllustratorinUnsere persönlichen Höhepunkte sind jedes Jahr der Stand der koreanischen Verlage, wo wir immer von Rachael Kim betreut werden, die am ersten Messetag immer schon auf uns wartet, und vor allem und jeden Tag aufs Neue der Stand von ›Small World‹, einem Zusammenschluss von ›Les Trois Ourses‹ (Paris), ›One Stroke‹ (Japan), ›Petra Ediciones‹ (Mexiko) und „Tara Books“ (Indien). Immer wieder faszinierend ist das Engagement dieser Kleinen, die mit stringenter Qualität und innerer Überzeugung vier Tage lang erklären, zeigen, präsentieren. Manchmal stoßen noch Mauro Bellei aus Bologna und Sunkyung Cho von Somebooks (Korea) zu ihnen – ihre neuen Bücher liegen sowieso aus. Und man kann sicher sein: Wenn Aude oder Anais von ›Les Trois Ourses‹ etwas empfehlen, dann muss man es sich ansehen.

Der Star an diesem Stand und eigentlich auf der ganzen Messe ist Katsumi Komagata aus Tokyo. Wir wissen ja schon seit Jahren, dass er einer der ganz großen Buch-Künstler ist – auf dieser Messe wurde er endlich für sein Lebenswerk ausgezeichnet, auch das gab es noch nie. Hätten sie uns mal gefragt … Sein absoluter Klassiker, ›Little Tree‹, ist eine wundervoll sanfte Entdeckung vom Leben, Wachsen, Vergehen, Sterben und neu Entstehen und ganz nebenbei eine Mahnung an alle anderen Pop-Up-Bücher, dass sie nicht nur ein Spielzeug, sondern auch angewandte Philosophie sein können. Sein neues, großformatiges Buch ›When the Sun Rises‹ erzählt von den Farben. Wie sie in die Welt kommen, wie sie sie erleuchten und zum Leben erwecken. Mit schwungvollen, auf die Substanz reduzierten Formen, in denen Komagata Tiere so geschickt andeutet, dass sie sich zu bewegen scheinen, ist das Buch eine Hommage an das Leben selbst, in allen Variationen: Denn am Ende entdeckt auch der graue Elefant, dass er nicht einfach »nur grau« ist, sondern dass sein Grau zu ihm gehört. Ein Teil von ihm ist. Wie in allen seinen Büchern, die auch handwerkliche Meisterstücke sind, spürt man auch in diesem, wie sehr sich bei Komagata Pädagogik, Philosophie und Kunst durchdringen und verschmelzen … Ja, von ihm kann man nur schwärmen.

Ausgezeichnetes

Aber auch andere Verlage haben Preiswürdiges zu bieten. Wie fast jedes Jahr ist am Stand des Genfer Verlags ›Le joie de lire‹ ein Gewinner zu sehen, diesmal in der Kategorie »fiction«: Der in Schwarz und Weiß gezeichnete Tanz eines Paars, bei dem der eine erst entsteht, dann wächst, während die andere immer kleiner wird und am Schluss verschwindet, in einer kunstvollen Kreisbewegung: ›Mon tout petit‹ von Germano Zullo und Albertine. ›Lisanak Hisanak‹ vom arabischen Verlag ›Kalimat‹ zeigt in kunstvoll kalligrafischen Schriften einige Zungenbrecher, die man sich am besten von Arabern vorlesen lässt.

Bologna Jugendbuchmesse 2016Und oft nicht mit einem Preis ausgezeichnet, aber sehr, sehr sehens- und lesenswert viele deutschen Kinderbücher: Hildegard Müller, die auf pfiffig humorvolle Weise in ihrem Buch ›Der große kleine Löwe‹ (Aladin Verlag) zeigt, dass man nicht körperlich groß sein muss, um wirklich groß zu sein. Gudrun Schury erzählt in ihrem Sachbuch ›Lumpi, Lampe, Luftballon‹ (Klett Verlag) auf spannend-lustige Weise wahre Geschichten, die hinter alltäglichen Dingen stecken: etwa wann die Zahnpasta erfunden wurde, die erste Taschenlampe auf den Markt kam oder wer das »Sandwich« erfunden hat. ›Nur ein Tag‹ von Martin Baltscheit (Dressler Verlag) ist eine rührende Geschichte über Freundschaft und das große Glück mit einer Eintagsfliege. In Christian Dudas ›Bonbon‹ (Beltz Verlag) geht es um ein kleines Mädchen, das kurz vor dem Zubettgehen ein gelbes Bonbon findet und wunderbar kinderlogikschräg darüber nachdenkt, und Ann Cathrin Raab spielt mit skurriler Eigenwilligkeit ›Fünf Mäuse…und eine Katz‹ (Kunstanstifter Verlag) gegeneinander aus. Die Liste lesenswerter, außergewöhnlicher Bücher ließe sich problemlos noch seitenlang fortsetzen …

Ach ja, die »wichtigen« Informationen: Rund 1200 Ausstellern aus über 70 Ländern, Deutschland war das Gastland und zeigte auf einem 300 Quadratmeter großen Areal »das ganze Spektrum der aktuellen deutschen Illustratorenszene«. In der Ausstellung ›Look!‹ hingen Illustrationen von 30 jungen Künstlern wie Anke Bär, Daniel Napp, Antje Damm. Außerdem wurden 85 Bücher präsentiert, u.a. von Martin Baltscheit, Andreas Steinhöfel, Peter Schössow oder Rotraut Susanne Berner. Diskussionen über Übersetzungen und Illustrationen, weitere Ausstellungen in ganz Bologna, u.a. der Bücher von Mauro Bellei. Viel Sonne für die Pausen, italienischer caffè und natürlich Bologna im Frühling … Was will man mehr?

| SUSANNE MARSCHALL
| GEORG PATZER