Down and under, kreuz und quer

Jugendbuch | James Roy: City down under

Eine Großstadt an einem Fluss, Eisenbahnschienen, Buslinien, Straßen. Ein Stadion, Kneipen, Eisdielen, Parks, kleine Geschäfte und Firmen, Häuserzeilen. Überall junge Menschen. Wer sind sie, was treibt sie vorwärts, was für eine Geschichte haben sie zu erzählen? Der australische Autor James Roy hat sich für sein neues Buch City down under welche ausgedacht und sie könnten glatt genauso passiert sein. Von MAGALI HEISSLER

City Down UnderEs beginnt mit einer Impression von Liebe. Ein Ich-Erzähler sieht ein Mädchen und verliebt sich. Er ist gebannt. Er spricht sie nicht an, er folgt ihr in einen Bus, obwohl er eigentlich nicht in diese Richtung fahren will. Wir werden ihm noch weitere Male begegnen, immer unterwegs, seinem Liebestraum folgend.

Gleich darauf ein Absturz, eine andere Stimme erzählt eine unschöne Geschichte vom schmalen Grat zwischen Abrutschen und Weitertaumeln. Der Weg eines Jungen in Schwierigkeiten. Er fängt sich, falls es stimmt, was er seiner todkranken Mutter schreibt. In dieser Geschichte, Endstation, taucht auch zum ersten Mal auf, was sich als Leuchtspur durch das gesamte Buch zieht. Das sind Haikus eines anonymen Dichters. Er schreibt sie mit schwarzem oder silbernem Stift an Fenster und Brückengeländer, in Busse und Züge, an Hauswände. Sie nehmen wenig Raum ein, aber wer sie liest, ist eingenommen. Man fühlt sich angesprochen, gemeint, wird zum Gegenüber eines Unbekannten.

Eine dritte Geschichte wird erzählt, eine vierte. Die Stimmen wechseln, Ich-Erzähler, personale Erzähler, Dialoge, innere Monologe. Immer stehen junge Menschen im Mittelpunkt, manche Schüler, manche studierend, andere in ihren ersten Jobs. Sie kennen sich nicht, ihre Geschichten stehen für sich. Dennoch sind sie verbunden und nicht nur durch die Stadt.

Muster

Was zunächst als Zusammenstellung beliebiger Kurzgeschichten erscheint, erweist sich rasch als sorgfältig konstruierter Geschichten-Roman. Das Inhaltsverzeichnis zeigt es schon, es ist kein leeres Versprechen. Hellhörig machen sollte eine zudem das häufige Auftauchen von Lyrik. Nicht nur Roys anonymer Dichter beschäftigt sich damit, auch andere Figuren tun es, und neben den Haikus finden sich Gedichte oder verdichtet Textstücke im Buch.

Die Muster, die dahinter stecken, sind allerdings eher Lebensmuster der jungen Menschen, von denen erzählt wird. Der Verlust der Väter, sei es durch Tod, sei es wegen der Trennung der Eltern, trifft die in der Mehrzahl auftretenden jungen Männer tief. Jeder geht mit dem Problem auf seine besondere Art um, sie verdrängen, trauern, suchen Ersatzväter. Ob sie ihr Problem lösen oder lernen, damit zu leben, erfährt man nicht. Das gilt für alle Probleme in diesen Geschichten, für keimende Liebe, Freundschaften, Loyalität, echte wie falsche. Die Figuren treffen Entscheidungen, sie warten nicht, sie träumen nicht. Sie leben keineswegs ziel – oder verantwortungslos. Roy zeigt die Realität. Eine Entscheidung bedeutet nur einen Schritt in irgendeine Richtung. Danach wird die nächste Entscheidung fallen müssen.

Beobachtendes Lesen

Die Leserinnen und Leser beobachten die auftretenden Personen für eine kurze Weile und werden dann weitergetrieben zum nächsten. Verbunden sind die Figuren und im Lauf des Buchs dann auch die Leserinnen und Leser durch Orte, Gegenstände, hin und wieder Personennamen. Flüchtige Verbindungen, oft fast unbemerkt, wie ein Haiku an einem Geländer. Das führt immer wieder zu Brüchen beim Lesen. Die einzelnen Geschichten erzählen Schwerwiegendes, gehen tief. Dennoch darf man sich nicht allzu weit einlassen oder an Figuren binden. Sie miteinander vergleichen schon gar nicht. Das Verlustgefühl ist zu groß. Die Bindungen entstehen im nachhinein, wenn man über das Gelesene nachdenkt.

Das Buch stellt demnach besondere Ansprüche auch an das Leseverhalten. Es fordert viel Konzentration und die Fähigkeit, sich zu merken, was man gelesen hat. Unerwartet tauchen Personennamen auf oder Orte, die schon einmal genannt wurden, eine Eisdiele, der Name eines Mädchens. Manche Rätsel sind nicht zu lösen. Ist der Ring, den der junge Angestellte einer Autoreinigungsfirma findet, der Ring, den jemand in einer anderen Geschichte am Finger getragen hat? Hin und wieder kann die Spurensuche vom Lesen ablenken. Hin und wieder wünschte man sich mehr Eindeutigkeit.

Die aber gibt es nicht, scheint der Autor zu sagen. Sein Buch spiegelt das Leben. Geschichten, die ihren Anfang in dem Moment nehmen, an dem die Leser der Figur begegnen, obwohl deren Geschichte viel früher angefangen hat. Geschichten, die enden, weil die Figuren weiterziehen, obwohl doch noch gar nichts zu einem Ende gekommen ist.

Die Übersetzung ist gut gelungen, Malich hat vor allem in den Dialogen eine überzeugende Sprechweise von jungen Menschen gefunden, die zudem Roys besonderem Stil, Jugendliche gerade nicht durch aufdringliche Vulgarität zu charakterisieren, wiedergibt. Wenn dann situationsbedingt tatsächlich einmal Gossensprache verwendet wird, ist sie um so wirkungsvoller. Warum der Titel im Deutschen noch um die beiden Wörter »down under« ergänzt werden musste, erschließt sich dagegen nicht. Um Geografie geht es schließlich nicht.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
James Roy: City down under (City, 2012)
Übers. von Anja Malich
Hildesheim: Gerstenberg 2014
280 Seiten, 14,95 Euro
Jugendbuch ab 15 Jahren

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