Der kurze Sommer des tragischen Abschieds

Roman | Urs Faes: Sommer in Brandenburg

Über Entstehung und Story von Urs Faes’ Roman Sommer in Brandenburg. Von PETER MOHR
Faes Sommer»Die Stimme, etwas laut für eine Zeit, in der sie gelernt hatten, leise und unauffällig zu sein, kein Aufsehen zu erregen, zu tun, als wären sie nicht da.« Mit diesem Satz evoziert der Schweizer Autor Urs Faes gleich auf der ersten Seite seines neuen Romans Sommer in Brandenburg die beklemmende, von Angst geprägte Atmosphäre des Sommers 1938, in der sich zwei jüdische Jugendliche auf einem Landgut in Brandenburg kennen- und lieben lernen und dann auf tragische Weise wieder getrennt werden.

Der Entstehung dieses Romans liegt eine Verkettung von glücklichen Umständen zugrunde. Urs Faes hatte nach Erscheinen seines letzten Romans Liebesarchiv eine Nachricht aus Hamburg erhalten. Der Absender erklärte, den auf dem Cover abgebildeten jungen Mann wiedererkannt zu haben. Dieser habe zwischen 1936 und 1940 in Brandenburg an einer Hachschara teilgenommen – eine jüdische Einrichtung, in der Jugendliche handwerklich und landwirtschaftlich für das spätere Leben im Kibbuz ausgebildet wurden.

Seit 2011 hat sich der 66-jährige Urs Faes mit dem Thema beschäftigt und stieß dabei auf den heute 86-jährigen Herbert Fiedler, den früheren Leiter der Volkshochschule Luckenwalde, der mehr als drei Jahrzehnte lang Material gesammelt und ein privates »Hachschara«-Archiv angelegt hat. »Ich bin eingetaucht in die Archivmaterialien der Fiedlers, die mir eine vergangene Welt geöffnet haben, bezwingend, faszinierend – eine Entdeckung. Erst da beschloss ich den Roman zu schreiben«, erinnert sich der promovierte Historiker Faes an die wahrlich nicht alltägliche Vorgeschichte.

Im Mittelpunkt seines Romans, der uns eine wohl dosierte Mischung aus überlieferten Fakten und dichterischer Imagination liefert, stehen die junge Wienerin Lissy Harb und Ron Berend, Spross einer wohlsituierten Hamburger Familie, die im zunächst von den Nationalsozialisten geduldeten jüdischen Landwerk in Brandenburg aufeinander treffen. Knochenarbeit auf dem Land steht für die aus unterschiedlichsten sozialen Milieus stammenden jüdischen Jugendlichen ebenso auf dem Programm wie Hebräisch-Lektionen und Bibelkunde. Das verbindende Ziel ist die Übersiedlung nach Palästina, ein Neuanfang in einer fremden Welt, ohne Angst vor nationalsozialistischem Terror.

Urs Faes beschreibt den brandenburgischen Sommer vor der blutigen Pogromnacht am 9. November 1938 als einen ambivalenten Kosmos. Die räumliche Nähe des von jungen Juden bewohnten Hachschara-Landsitzes, eines Horts der Ausgestoßenen,  zur nahen Ausbildungsstätte für junge Nazi-Piloten wirkt befremdlich. Die Berührungen zwischen Ausgestoßen und Häschern, »die Jugend, wie sie sich der Führer wünschte«, glaubt man körperlich fühlen zu können. Mit seinen malerischen Landschaftsbeschreibungen der Brandenburger Wälder und Felder und der Weite des Jordantals setzt Urs Faes einen ästhetischen Kontrapunkt zum schikanösen Alltag der jungen Juden.

Dazu passt auch die trotz der angst- und leidvollen Isolation auf dem Land langsam sprießende zarte Liebe zwischen Lissy und Ron. Urs Faes schafft es nicht zuletzt durch die Suggestionskraft seiner poetischen Sprache, die flüchtigen Glücksmomente und die positiven Gefühlswallungen wie in Stein zu schlagen und mit ihnen das unmenschliche Treiben der Nationalsozialisten zu kontrastieren. Doch es ist für das frischverliebte Paar nur eine kurze Romanze, es folgt ein tragischer Abschied. Lissy erhält die Bewilligung ihrer beantragten Ausreise und verlässt mit höchst gespaltenen Gefühlen das Landgut im brandenburgischen Ahrensdorf – das eigene Überleben vor Augen, aber die erste große Liebe (wie ein Blick im Rückspiegel) verloren.

»Die Welt ist nicht einfach schwarz-weiß, sondern sie hat viele Nuancen von Grautönen, und die sind wichtig«, hatte Urs Faes in einem Interview über seinen zehnten Roman erklärt, in dem er ganz bewusst bei der Zeichnung seiner Charaktere auf die Karte der Vielfältigkeit gesetzt und damit allen gängigen Klischees aus dem Weg gegangen ist. Bei ihm gibt es nicht den »bösen« Nazi schlechthin und auch nicht die allseits »guten« Juden.

Urs Faes war noch nie ein Schnellschreiber, diesmal sind seit dem Erscheinen seines letzten Romans sechs Jahre ins Land gegangen, die er für umfangreiche Recherchen und ausgedehnte Reisen an die Handlungsschauplätze genutzt hat. Für den Leser hat sich das Warten gelohnt. Sommer in Brandenburg kann man mit Faes’ Meisterwerken Ombra (1997) und Als hätte die Stille Türen (2005) auf eine Stufe stellen und präsentiert sich mit seinem emotionalen Auf und Ab, mit seinem tiefschwarzen historischen Kontext, seinen pittoresken Landschaftsbildern und der fein inszenierten Liebestragödie als ein imponierendes empathisches Kunstwerk. Ein Roman wie eine Achterbahnfahrt der Gefühle, dabei so klangvoll und nachhallend wie eine große Oper.

| PETER MOHR

Titelangaben:
Urs Faes: Sommer in Brandenburg
Berlin: Suhrkamp Verlag 2014
262 Seiten. 19,95 Euro

Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Down and under, kreuz und quer

Nächster Artikel

Klick und ratsch!

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Ein Greis entdeckt die Liebe

Roman | Gabriel Garcia Márquez: Erinnerungen an meine traurigen Huren

»Sex ist nur ein Trost, wenn die Liebe nicht reicht«, lautet einer der zentralen Sätze im neuen Roman von Gabriel Garcia Márquez, ›Erinnerungen an meine traurigen Huren‹. In diesem schmalen Werk des 77-jährigen Nobelpreisträgers von 1982 dreht sich alles um die Liebe, um unerfüllte Sehnsüchte, Enttäuschungen und neu entdeckte große Gefühle.
Das wäre nicht weiter aufregend, hätte der Autor nicht einen 90-jährigen Journalisten zur Hauptfigur seines Werkes gemacht. Von PETER MOHR

Kettenspiele

Roman | Adrian McKinty: The Chain Der heute in New York lebende Nordire Adrian McKinty (Jahrgang 1968) hat sich als Thrillerautor vor allem einen Namen mit der bis dato siebenbändigen Reihe um den in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts als »katholischer Bulle« in der Nähe von Belfast lebenden Mordermittler Sean Duffy gemacht. Von DIETMAR JACOBSEN

Der vierfache Christof

Roman | Jordi Punti: Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz »Wir reduzieren unser Leben auf ein paar Worte, wir vereinfachen es unentwegt, dabei liegt sein wirklicher Sinn in der Komplexität, Widersprüchlichkeit, Ungewissheit« – der katalanische Autor Jordi Punti in einem Interview mit einem richtungsweisenden Fingerzeig für seinen jüngsten Roman Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz. Von PETER MOHR

Alternative Geschichte mit Unterhaltungswert

Roman | Laurent Binet: Eroberung

Laurent Binets Romane werden in Frankreich regelmäßig prämiert und zu Bestsellern. Sein neuestes Werk Eroberung (frz. Civilizations) wurde 2019 mit dem renommierten Grand Prix du roman der Académie française ausgezeichnet. Der Pariser Schriftsteller schreibt in diesem Roman die europäische Kolonialgeschichte von Grund auf neu, indem er die Rollen der Kolonisatoren und Kolonisierten vertauscht, und entwirft mit großer Fabulierlust eine Alternativgeschichte des frühneuzeitlichen Europas – ein ereignis- und abenteuerreiches Vergnügen vor allem für historisch Interessierte. Von FLORIAN BIRNMEYER

Ein Bekenntnis zur Sprache der Literatur

Roman| INTERVIEW | Daniel Galera: Flut Flut ist der erste ins deutsche übersetzte Roman des brasilianischen Schriftstellers Daniel Galera. Dort erzählt er eine ganz besondere Familiengeschichte, die drei Generationen umfasst. BETTINA GUTIÉRREZ hat mit dem Autor gesprochen.