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Gesellschaft | Lutz Hachmeister: Hannover. Ein deutsches Machtzentrum

»Hannover ist spektakulär langweilig«, beschied 2010 ein gewisser Tim Renner, der mittlerweile als staatssekretierender Fachmann für Spektakel in Berlin wirkt, und befürchtete eine »Hannovernication« der Berliner Republik infolge des ESC-Triumphs einer gewissen Lena aus Hannover. Für einen, der Hannover nicht weiter kennt, ist das keine rasend originelle, aber handelsübliche Sottise. Jetzt hat sich einer daran gemacht, Hannover zur (mehr oder weniger) heimlichen Exportkanone für Polit-Schwergewichte zu erklären, der immerhin als Kind öfter in den Ferien am Steinhuder Meer war, dem seines Wissens »Binnensee-Retreat der Hannoveraner«: Lutz Hachmeister, selbst ein Schwergewicht, nämlich des politischen Journalismus. Sein neues Buch – das er für die ARD auch verfilmt hat – heißt ›Hannover. Ein Machtzentrum‹. Von PIEKE BIERMANN

Hachmeister HannoverHannover-Bashing wird gern genommen, übrigens auch und gerade von Nichtmehr- oder Dochwieder-Hannoveranern allerlei Geschlechts, und zwar keineswegs erst, seit Harald Schmidt es zum running gag geadelt hat, etwa parallel zu den »dicken Kindern von Landau«. Schon im vorletzten Jahrhundert hatte Karl Marx seine Tochter Laura im Londoner Exil amüsiert mit despektierlichen Bemerkungen über Parks, die »geschmackvoller angelegt sind als irgendwelche in London, wo jeden Abend gute Musik gemacht wird«. Das sei »nur ein Beispiel des billigen Lebens, das sich die Philister hier leisten«.

Manch heutigem Zeitgenossen fällt dazu womöglich schmerzlich ein, dass spätere Lokal-Philister selbst in U-Bahn-Stationen am liebsten vom Boden essen können wollten, weshalb sie dort statt Bänken metallene Gesäßhaftschalen aufstellten, auf dass ja kein Obdachloser an Schlaf denke. Marx hatte seinerzeit ähnliche atmosphärische Probleme, fand es »zum Bersten langweilig« und höhnte, man müsse in Hannover »nicht von großer Statur sein, um sich wie Gulliver unter den Liliputanern zu fühlen.«

Mediokratismus

Auch Lutz Hachmeister lässt sich bei seinem Abriss zur Stadtgeschichte den vermutlich meistzitierten Hannover-Spott nicht entgehen: jenen Lessing-Spruch, nach dem Hannover »das Paradies des Mittelstandes, der Bemittelten und jeder Mittelmäßigkeit« sei. Der ist nicht so alt, wie manche jetzt womöglich denken: Er stammt nicht von Gotthold Ephraim, sondern vom leider viel zu wenig berühmten Theodor Lessing. In den allgegenwärtigen Zitatfundus ist der nie gelangt, weder vor noch nach 1933, als er im tschechischen Exil von Nazis ermordet wurde. So mag sich erklären, dass bei Hachmeister ein Spottobjekt fehlt, und zwar gleich das erste in der Reihe: die »Mittelstädte«. Dabei erwähnt Lessing sie durchaus nicht zufällig: die ganze »Formel für unsere Stadt« war eine Berliner Gemeinschaftsproduktion von Lessing und seinem engen Freund Ernst Oppler, dem damals auch noch berühmteren, nach Berlin ausgewanderten impressionistischen Maler.

Lessing war durchaus kein provinzverachtender Metropolenschnösel; er hatte lediglich herausgefunden, dass just das vermeintlich Friedlich-Sittliche »der fahlsten unserer Städte« den fruchtbaren Unterboden für den einzigen wirklich weltberühmten Hannoveraner bildete: für Fritz Haarmann, den Massenmörder mit freundlicher Unterstützung der Polizei. Nämlich das Prinzip einer verdrucksten, konfliktscheuen Mediokrität, das – in Abwandlung des goyaschen Albtraums – Ungeheuer gebiert.

Hannoverismus

Was Lessing als »langsam zerfressend(e) alte bürgerliche Tüchtigkeit und ehrenfeste Solidität« beschrieben hatte, pinselt Lutz Hachmeister in seinem Hannover-Porträt vor allem für die politische Entwicklung nach 1945 weiter aus. Die wiederhergestellte Mediokrität nach der ungeheuerlichen Katastrophe mit ihren architektonischen Scheußlichkeiten, ihrer verkehrsverplanten »Urbanität« – die die Stadt praktisch alle den alten Funktionseliten des NS-Staats verdankt – und ihrem Mehltau aus parteiübergreifender Übergriffigkeit, Amtsschimmelgewieher und Wir-sind-aber-auch-wer-Gehabe. »Hannoverismus« nennt Hachmeister den spezifischen lokalen Politikstil, traditionell »mit Bodenhaftung und wesentlich auf Ausgleich bedacht – über tradierte Partei-Profile und Fraktionierungen hinweg«. Er konstatiert eine »seltsame Mischung aus Image-Überlagerungen und trotziger Selbstbehauptung« einer »Stadt ohne Slogan« und meint das als »politische Metapher«.

Mit anderen Worten: Wenn jemand GroKo kann, dann im hannoverschen System der »Erbfreundschaften« sozialisierte Politiker jeden Geschlechts. Gerade schwergewichtige Exporte wie Steinmeier, Gabriel, von der Leyen verkörpern folglich eine Art unterambitionierte Mittelgewichthaftigkeit, die ihrerseits gespeist wird vom angestammt protestantisch-konservativen, rechts-SPD-igen Milieu mitsamt seinem historischen Hang zum Welfisch-Adligen (»Wir haben auch schon mal auf dem englischen Thron gesessen!«), das seine urbanitätsvernichtenden Altnazis ebenso verdaut hat wie einen Bagatell-Adeligen, der mal für die Briten spioniert und die NPD gegründet hat.

… Lux Fiat VW!

Wer als Import von weiter westlich nach Hannover kommt und zum Beispiel den Sessel des Ministerpräsidenten als Zwischenstation auf dem Weg nach Berlin versteht, muss logischerweise einen Biedermänner-Verein mit Zugang zu brasilianischen Bordellen wie das VW-Management oder die Promi-Box des Fußballstadions für große Glamourwelt halten und kriegt vermutlich auch leichtes, abenteuerliches Kribbeln, wenn er den Partykeller des bestvernetzten Anwalts mit organisierten Kriminellen und weltberühmten Popmusikern teilen darf.

Wer mit eigenen Ambitionen zu haushalten versteht, hat Chancen auf dauerhafte Sympathie, siehe Rita Süssmuth. Ob Erzengel Siggi und Albrechts Röschen, verh. von der Leyen das auch hinkriegen, muss sich noch zeigen. Denn eins ist erwiesen: Wer von hier kommt oder hier wirkt und trotzdem Leuchtturm-Allüren pflegt, endet über kurz oder ein kleines bisschen länger bestenfalls bei der Strahlkraft von Wunderkerzen. Siehe Röslers Philip, Wulffs Christian, Schröders Gerd und EKDs Käßmann, oder auch La Lena, Le Grand Maschmeyer…

Was fehlt

Was Hachmeister an Querverbindungen zusammenträgt, ist informativ und liest sich gut, vor allem da, wo er schöne kleine Episoden ausgegraben hat. Man hätte sich allerdings gewünscht, dass jemand mit scharfen Lektoratsaugen noch mal über den Text gegangen wäre. Nicht noch mal gebraucht dagegen hätte man manche Anekdote aus dem Augstein-Spiegel-Altnazi-Antisemiten-Komplex, weil man sie schon kennt aus Hachmeisters Buch ›Heideggers Testament‹ (2014).

Langzeit-Hannoveraner werden manches vermissen, was auch nicht so ganz unbedeutend für die spezifische sozial-kultur-politische Atmosphäre war und zum Teil sogar weit über Mittelmaß hinaus gewirkt hat – die Glockseeschule, beispielsweise, oder die Zerschlagung der Hannoveraner Innenstadt als Demo-Ort nach dem Vorbild der Haussmannisierung von Paris, die sukzessive Übersiedlung größerer Teil der Frankfurter Schule nach Hannover (von denen manche heute noch den Bahnhof und den Flughafen für die einzig bedeutenden Orte halten), die Punk-Musik-Nordstadt-Szene, die rotziger und asphaltiger war als andernorts … Aber gut. Auch andere Menschen machen Bücher, sogar über Hannover, und wer von hier entkommen ist oder noch hier lebt, kann sich derweil damit trösten, dass die Scorpions echten Hannoveranern auch nicht viel peinlicher sind als BAP echten Kölnern.

| PIEKE BIERMANN

Titelangaben
Lutz Hachmeister: Hannover. Ein deutsches Machtzentrum
München: DVA 2016
351 Seiten, 19,99 EUR
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| Eine frühere Fassung beim Deutschlandradio Kultur
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