Geschichten vom großen und vom kleinen Wandel

in Gesellschaft/Indiebooks und Kleinstverlage/Sachbuch

Gesellschaft | World Press Photo (Hrsg.): Stories of Change

Der im Westen so enthusiastisch gefeierte Arabische Frühling von 2011 ist politisch längst ad acta gelegt. Ägypten kann sich auf die nächsten 40 Jahre Militärdiktatur einrichten, Libyen versinkt im Bürgerkrieg. Nur in Tunesien scheint sich ein bescheidener Wandel vollzogen zu haben. Weiter westlich schließlich fand gar kein politischer Wechsel statt. Dass die Gesellschaften dieser Länder aber auch abseits von politischen Kämpfen nicht starr und statisch sind, zeigt der eben erschienene Band ›Stories of Change‹. Von PETER BLASTENBREI

Stories of Change / World Press PhotoSelten hat man ein Buch in der Hand, bei dem man nicht weiß, was man mehr bewundern soll, die intelligente und überzeugende Grundkonzeption oder die hohe Qualität der Einzelbeiträge. Aufgebaut ist das Buch entlang einer Art Gitternetz aus großformatigen Bildern zu den politischen Entwicklungen der Jahre 2011-2013. Darin eingebettet finden sich insgesamt 17 Beiträge zum Thema Wandel zwischen Casablanca und Suez, Fotoessays zumeist und zwei reine Wortbeiträge. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind erfahrene Journalisten und ausgebildete Fotografen. Die vorliegende Auswahl kam über die gemeinsame Teilnahme an Kursen der angesehenen Amsterdamer Journalistenvereinigung World Press Photo zustande.

Die Bilder zum politischen Geschehen vermeiden wohltuend hundertfach gesehene, längst zum Klischee geronnene Motive: Demonstranten nach rechts, Demonstranten nach links, prügelnde Polizei in Tränengasschwaden, verletzte Protestierer. Stattdessen viel Symbolisches, das Spiel der Fahnen, überdimensionale Führerbilder vor und nach dem Sturm, Graffitimaler, zertretene Regierungspamphlete, beratende Menschen, streitende Menschen, feiernde Menschen.

Logik der Bilder

Einige dieser Bilder haben einen beklemmenden Hintersinn: Cameron und Sarkozy lassen sich in Tripoli als Befreier und erste nachrevolutionäre Staatsgäste feiern, der gestürzte Mubarak auf dem Weg zum Gerichtssaal, aufgebahrt wie eine lebende Pharaonenmumie, Gaddafis Leiche in einem Supermarkt-Kühlhaus am Stadtrand seiner Hauptstadt. Weil alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Magreb zu Hause sind, ist der Islam motivisch kein Skandalthema – betende Demonstranten wenige Zentimeter von Polizeistiefeln entfernt oder eine tunesische Abgeordnete, die vor einer Abstimmung betet, sind so alltäglich wie bei uns Altbischof Huber als Talkshow-Gast.

Das Buch ist überall vom Bild her gedacht, visuelle Logik bestimmt die Konzeption. Und doch dient das Einzelbild der Aussage (ohne zur Textillustration zu werden). Fouzia lebt mit Mutter und Kindern in einem fensterlosen Raum eines Elendsviertels von Oran. Die Innenaufnahmen scheinen unterbelichtet zu sein. Stimmt das? Technisch ja, aber eine Ausleuchtung hätte die Aussage im Kern verändert. Dasselbe gilt für den Bericht über die in Tunesien verbreitete schwere Pigmentstörung XP. An XP leidende Kinder und Jugendliche nennt man enfants de la lune, Mondkinder, weil sie nur nachts ins Freie können. Und eben das sieht man, das muss man s e h e n. Halbdunkel als Lebensbedingung, Halbdunkel als Lebensnotwendigkeit.

Wandel – das thematische Standbein des Buchs – wird so breit wie möglich verstanden, also keineswegs immer zum Besseren. So ist es heute in Äygpten schon wieder nicht mehr ratsam, als Mann mit Vollbart auf die Straße zu gehen, wenn einem seine Gesundheit lieb ist – nicht anders als in den bösen alten Zeiten Mubaraks, als fromme Musliminnen und Muslime, die sich durch Bart oder Schleier zu erkennen gaben, massive Polizeiübergriffe riskierten. Für Tunesien war die Demokratisierung zweifellos ein Segen. Die traditionellen Fischer auf den Kerkenna-Inseln können das nicht so recht nachempfinden, denn ihnen fehlt in ihrem Kampf gegen die internationale Schleppnetzfischerei seit Ben Alis Sturz der Rückhalt bei der Regierung.

Neues Bewusstsein

Allein drei Beiträge erzählen vom Schicksal Behinderter im arabischen Nordafrika. Trotz überall gesetzlich vorgesehener Behindertenförderung war noch vor kurzem Wegsperren im Haus die Regel. Hochschulausbildung blinder Frauen und Mädchen in Ägypten, schulische Inklusion von Kindern mit Down-Syndrom in Libyen, das Umdenken über Menschen mit XP in Tunesien – all das gibt Hoffnung auf echte Veränderung. In Libyen zum Beispiel schicken heute 55 Prozent der vom Down-Syndrom betroffenen Familien ihre Kinder zur Schule.

Fast überall haben Privatleute die Initiative ergriffen, um solche Verbesserungen herbeizuführen. So war es auch bei Moubarik Chentoufi, der statt einer sicheren Karriere im Staatsdienst in sein abgelegenes Heimatdorf zurückkehrte. Die von ihm angestoßene Bildungsoffensive vereinigt Lehrer und arbeitslose Hochschulabsolventen und hat einer gottverlassenen Gegend in Süd-Marokko ohne fließendes Wasser und Strom eine Volksbücherei mit 10.000 Titeln, eine Theatergruppe, Vorträge und politische Diskussionsrunden gebracht.

Bildung, Gesundheitspflege, Behindertenförderung, Hilfe für alleinstehende Mütter in Marokko, der alltägliche politische Kampf wie der der Bewohner des Kairoer Armutsviertels Ramlet Boulaq gegen die vordringende Luxusbebauung, vor allem aber Bewusstseinsbildung und Bewusstseinsveränderung – das sind die Tätigkeitsfelder privater Initiativen im arabischen Magreb heute. Kein Zweifel, die Menschen dort haben einen neuen Sinn für ihre Rechte, ihre Pflichten und Aufgaben gewonnen, ein neues Selbstbewusstsein neben, durch und auch abseits der politischen Kämpfe seit 2011.

Eben das ist die Leistung des Buches: Interessierten ein faszinierendes, subjektives und doch umfassendes Bild von Politik und Alltag im arabischen Nordafrika zu zeigen, weit entfernt von den Arabienklischees unserer Mainstream-Medien. Wer dazu ein Mindestmaß an visuellem Denken mitbringt, wird noch ein ungewohntes Vergnügen beim Auffinden zahlloser visueller Assoziationsfäden zwischen den Bildern erleben.

Einzig schade, dass, wie so oft, die Umschrift arabischer Wörter nicht vereinheitlicht wurde.

| PETER BLASTENBREI

Titelangaben
World Press Photo (Hrsg.): Stories of Change – Geschichten eines Wandels
Deutsch von Angelika Franz
Bern: Till Schaap Edition 2014
312 Seiten. 48 Euro

Reinschauen
| Stories of Change bei World Press Photo

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